Ein Ereignis – und ein unterkomplexes Spektakel: York Höllers „Der Meister und Margarita“ in Köln


(nmz) -
30 Jahre ist es her, dass die Oper „Der Meister und Margarita“ von York Höller zum ersten Mal Premiere in der Heimatstadt des Kölner Komponisten gefeiert hat. Nun hat man sich den Stoff von Michail Bulgakow ein zweites Mal vorgenommen, um den 78-jährigen Höller zu ehren, aber auch weil das Werk an sich so komplex und tiefsinnig ist, dass es nicht verkehrt erscheint sich nochmal damit zu beschäftigen.
06.04.2022 - Von Guido Krawinkel

Anno 2022 ist es Valentin Schwarz, der sich Bulgakows Meisterwerk angenommen hat. Im Sommer wird Schwarz den Ring in Bayreuth inszenieren, im Stile einer Netflix-Serie, wie schon verlautet wurde, was immer das bedeuten mag. Ob die Kölner Inszenierung einen Vorgeschmack darauf bieten könnte, bleibt Spekulation. Bunt und schrill ist sie jedenfalls.

Zu sehen ist im Saal 1 des Staatenhauses davon allerdings erst mal nichts. Die von einem Lichtband gerahmte quadratische Bühne (Andrea Cozzi) ist völlig leer und wird im Laufe des Abends nur spärlich durch vereinzelte Gegenstände wie zwei Domtürme und ein Höllenloch „möbliert“. Auffälliger ist schon die mehrteilige, mit Glühbirnen bestückte Rückwand, die mehrfach prominent und sehr effektiv eingesetzt wird. Das gerät meistens eindrucksvoller als der bunte Klamauk, den Schwarz auf der Bühne inszeniert. Die Darsteller müssen in unförmigen Kostümen als schwarze Monster, als grellfarbige Comictiere und mit unförmigen Köpfen berühmter Personen agieren. Der Qualität des Gesangs tut das keinen Abbruch, die Frage nach der Sinnhaftigkeit stellt sich gleichwohl. Denn zur Erhellung der ebenso komplexen wie verschachtelten Struktur der Textvorlage trägt dieses Durcheinander kaum bei, im Gegenteil.

Die Geschichte des „Meisters“, der einen Roman über Jesus, Pontius Pilatus und die Frage der Schuld geschrieben hat, wird von Bulgakow mit so ineinander verzahnten Handlungsebenen erzählt, dass man die Vorlage sehr genau kennen muss, um angesichts des arg vordergründigen szenischen Spektakels auf der Bühne noch den Überblick zu behalten. Das fiel einem Teil des Publikums offenbar schwer, denn die Reaktionen nach der Premiere fielen durchaus durchwachsen aus – wobei der Regisseur in der „komfortablen“ Lage war, Applaus wie Schmähungen per Laptop entgegen nehmen zu können. Er hatte sich wenige Tage vor der Premiere mit Corona infiziert und konnte nur zugeschaltet werden.

Seine Inszenierung trägt jedenfalls wenig zur Erhellung der Geschichte um den Meister bei, der in einer Irrenanstalt landet, aus der seine Geliebte Margarita ihn mit Hilfe des Teufels Voland befreit – wobei jener und seine Entourage die Gelegenheit gleich zum Großreinemachen im sowjetischen Kulturapparat nutzen. Am Ende wird sogar noch Pilatus durch den Meister von seiner Schuld erlöst, an der er geknabbert hatte seitdem er seine Hände in Unschuld wusch. Die Geschichte ist gerade angesichts der politischen Verhältnisse in der Sowjetunion, unter denen auch Bulgakov zu leiden hatte, ebenso brillant wie brisant. Die szenische Umsetzung in Köln wirkt allerdings heillos übersteuert.

Immerhin bietet das offene Setting im Staatenhaus die Gelegenheit, dem sehr üppig besetzten Gürzenich Orchester bei der Arbeit nicht nur zuzuhören, sondern auch zuzusehen. André de Ridder lenkt den Orchesterkoloss sehr souverän durch die Untiefen und Verschachtelungen der komplexen Partitur, die auch elektronische, den orchestralen Raum weitende Zuspielungen beinhaltet. Das entfaltet sich in Saal 1 fast besser als in einem engen Opernhaus, zumal auch die Textverständlichkeit ausgezeichnet ist, so dass man das groß besetzte Ensemble sehr gut versteht. Selbiges kann in allen Rollen punkten, allen voran Oscar Musinowski in einer doppelten Sprechrolle als Alter Ego, das schon während der Ouvertüre Textfragmente rezitiert, und als beängstigend unerschütterlicher auftretender Conférencier im Gottlieb-Wendehals-Outfit – inklusive Plastikhuhn. Aber auch Bjarni Thor Kristinsson als Voland, Nikolay Borchev als Meister/Jeschua oder Adriana Bastidas-Gamboa als Margarita spielen und singen ihre Partien ebenso wie das gesamte Ensemble mit ausgezeichneter szenischer und stimmlicher Präsenz. Diesbezüglich bleiben keine Wünsche offen. Trotz der unterkomplexen Inszenierung ist die Kölner Inszenierung aber sehenswert, ein Ereignis ist der knapp vierstündige Abend allemal.

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