Ein Hohelied auf die Päderastie? – Benjamin Brittens „Billy Budd“ an der Deutschen Oper Berlin


(nmz) -
Exakt am 201. Geburtstag Richard Wagners feierte die Deutsche Oper Berlin erneut einen weiteren Jubilar des Vorjahres, des 1913 geborenen Benjamin Britten mit seiner 1951 uraufgeführten Oper „Billy Budd“. Die erste Frau, die am Premierenabend die Bühne betrat, war die Kostümbildnerin Constance Hoffman, denn was selbst Leos Janácek in „Aus einem Totenhaus“ nicht in derartiger Konsequenz geschafft hat, das gelang dem britischen Komponisten in seinem Bühnenwerk, der komplette Verzicht auf Frauenstimmen in einer Spielvorlage, die Regisseur David Alden als „schwule Oper“ bezeichnet.
23.05.2014 - Von Peter P. Pachl

Dass der Verzicht auf Frauenstimmen ein Gewinn sein kann und nicht als jener Makel gelten muss, der Richard Wagners „Siegfried“ für knapp zwei Akte, bis zum ersten Einsatz des Waldvogels, angeblich anhaftet, bewiesen 19 Solisten und der mit zahlreichen Extrachor-Mitgliedern personell und im Volumen angereicherte Herrenchor der Deutschen Oper Berlin in der Einstudierung von William Spaulding. Eine weitere wichtige Funktion im Klangbild und in der Dramaturgie des Abends bildeten die Knaben des von Christian Lindhorst einstudierten Kinderchors – in Erweiterung der von Britten in seiner stark symphonisch bestimmten Partitur verlangten 4 Seekadetten und einen Schiffsjungen.

Und dennoch hinterließen gerade die Auftritte der besonders jung gewählten, überaus spielfreudigen und klanglich in Gesang und chorischer Sprache nachhaltig einprägsamen großen Knabengruppe einen gemischten Eindruck beim Betrachter. Denn dass auf einem Kriegsschiff (der original im Jahre 1797 angesiedelten Handlung) Kinder eine unverzichtbare Rolle spielen, das hat bei Britten nicht nur klangliche Gründe, um so auch Sopran und Alt ins Stimmgefüge der Männerstimmen einbinden zu können. Übereinstimmend berichteten mir britische Mitarbeiter des Komponisten, dass Britten sich aus den Kreisen der in seinen Werken eingesetzten Knaben(chöre) jene jugendlichen Gespielen rekrutierte, die er und sein Partner Peter Pears allabendlich in ihr gemeinsames Hotelzimmer luden.

Im Gegensatz zu den Lebzeiten des 1976 verstorbenen Komponisten reagiert unsere Zeit überaus feinfühlig und mit Aggression auf Pornographie mit Kindern und Päderastie, und gerade am Premierentag waren die Medien wieder einmal angefüllt mit Berichten über neuerlich aufgedeckte Missbrauchsfälle im Elite-Internat Odenwaldschule.

Die homosexuell konnotierten Handlungen der Opern Benjamin Brittens, inklusive deren inhaltlich fixierter Faszination für Päderastie, wurden allerdings zu Lebzeiten von Britten und Pears in szenischen Aufführungen dezent nivelliert. Im Zusammenhang mit dem britischen Vorzeigekomponisten und dem überaus gefeierten britischen Tenor war die bis 1960 in Großbritannien kriminalisierte Homoerotik ein absolutes Tabuthema –und erst recht die Päderastie.

Anders in David Aldens Inszenierung, die als Koproduktion mit der English National Opera und dem Bolschoi Theater bereits vor knapp zwei Jahren in London herauskam. Der Regisseur verdeutlicht in seiner Umsetzung des Librettos von Edward Morgan Forster und Eric Crozier nach Herman Melvilles Roman „Billy Budd“, den Movens der Handlung: „Die ständige Bedrohung durch Naturgewalten und kriegerische Auseinandersetzungen erzeugt seelische Verhärtungen und lässt Gefühle wie Zuneigung und Liebe nur in pervertierter Form zu“, wie es in einem Informationsblatt der Oper heißt.

Gerade weil Captain Vere, der Befehlshaber auf dem Kriegsschiff „Indomitable“, offenbar heftig in den jungen Bootsmann Billy verliebt ist, lässt er den allseits beliebten jungen Mann wegen angeblicher Meuterei verurteilen und hängen, nachdem Billy den sadistischen Waffenmeister Claggart im Affekt erschlagen hat.

In der von Alden in Berlin neu einstudierten Inszenierung, in englischer Sprache und mit englischen und deutschen Übertiteln, ist die Handlung der Gegenwart angenähert. Jenseits jeglicher Seemannsromantik sprechen kollektive Machtgesten eine unmissverständliche, auf Machination ausgerichtete Sprache. Die Mannschaft wird mit Rohrstöcken geprügelt, aber – wenn Claggart den Squeak (Alvaro Zambrano) gemäß den Worten des ihm Hörigen schlägt, so erfolgt diese Form der Unterdrückung hier, indem er ihn roh bumst.

Billys letzte Worte vor seiner Hinrichtung sind ein Segenswunsch für seinen Kapitän, der dies als dessen Verzeihen deutet. Veres gesellschaftskonformes, die Liebe negierendes Fehlverhalten verdichtet der Regisseur zu einem in Marotten gefangenen, in Vor- und Nachspiel monologisch rückblickenden, alten Kapitän; der endet, nach dem Verlöschen des Orchesterlichts a cappella singend, einsam im Spot der Geschichte.

Die für Peter Pears komponierte Partie lotet Burkhard Ulrich trefflich aus, indem er beide Seiten des Edward Faifax Vere, die des glänzenden Befehlshabers, wie die des verunsicherten Überlebenden, glaubhaft verkörpert.

Die Titelpartie gestaltet der Bariton John Chest stimmstark und schön, mit langen blonden Haaren und bisweilen nacktem Oberkörper, als einen zweiten Siegfried, der an der Schlechtigkeit dieser Welt zugrunde geht. Mit Wotansstimme macht Gidon Saks den intriganten John Claggart zu einer faszinierenden Persönlichkeit: da er Billy körperlich nicht besitzen kann, bringt der Waffenmeister den jungen Bootsmann bewusst zu Fall – mit einem dem Credo Jagos in Verdis „Otello“ verwandten Entschluss. Dass Claggert dabei selbst tödlich endet, verweist auf den auch bei Britten anzutreffenden Bezug von Eros und Thanatos.

Zu einer lichten Sympathiefigur macht Lenus Carlson den alten Dansker. Markus Brück als Mr. Redburn und Albert Pesendorfer als Mr. Flint vermitteln köstliche Charakterbilder, mit dem vom Komponisten komisch gefassten, unreflektierten Hass auf den französischen Krieggegner und auf alles Französische – quasi einer britischen Variante des Chauvinismus.

Das Bühnenbild von Paul Steinbergs unterstützt die Akustik mit zwei vertikal gegen einander verfahrenen hermetischen (Schiffs-)Wänden. In die flache Bühnentiefe schiebt sich mehrfach eine Turbine, sowohl als Kanone, wie auch als eine Lok, die den weißen Plankenraum der Kapitänskajüte hinter sich herzieht.

GMD Donald Runnicles, der im ersten Teil fast zu schön in den Lyrismen der Partitur schwelgt, legte im zweiten Teil, dem im Jahre 1961 vom Komponisten zu einem Zweiakter mit Pro- und Epilog verdichteten ursprünglichen Vierakter heftig zu, intensiviert die der Filmmusik verwandte Vorspiel zum zweiten (ursprünglich dritten) Akt zu einer unerbittlichen Maschinenmusik. Das Orchester ist größer besetzt als in Brittens anderen Opernpartituren. Bereits mit den Anfangstakten der Partitur, den die dissonanten Streicher überlagernden Bläsern und Harfen, fasziniert das Orchester der Deutschen Oper Berlin, durchwegs stark in der symphonischen Grunddisposition mit der aus Seemannsliedern abgeleiteten Variante auf Wagners Leitmotivtechnik.

Bereits nach der Pause gab es Ovationen für den Dirigenten und das Orchester, am Ende gesteigert zu einem ungeteilten Chor von heftiger Zustimmung für alle vokalen und szenischen Leistungen.

  • Weitere Aufführungen: 28., 31. Mai., 3., 6. Juni 2014.

Billy Budd / Love Affairs

Sehr geehrter Herr Dr. Pachel,

wir saßen nebeneinander bei Love Affairs wo meine 10 jährige Tochter mit machte. Ich fragte sie nach ihrem Eindruck von Billy Bud. Sie sagten ich solle doch ihre Rezension lesen. Ich habe in meinem Leben noch nie eine Kritik gelesen die mir so aus dem Herzen sprach wie ihr Artikel! Mein 11 Jähriger Sohn hat bei B.B. im Laufe dieser Inszenierung immer mehr Aufgaben von Mr. Alden erhalten. Gott sei dank stehts jetzt nicht mehr auf dem Spielplan.

Mit freundlichen grüßen B.Liewehr


Lieber Herr Pachel, da haben

Lieber Herr Pachel,

da haben Sie sich ja einen schön reißerischen Titel für Ihre Kritik einfallen lassen. Und wieso auch nicht, “Päderastie” im Titel sorgt bestimmt für erhöhte Klickzahlen.
Bedauerlich nur, dass Ihre Ausführungen diesbezüglich sich dann auf erstaunlich unscharfes Hörensagen vermeintlicher Britten-Mitarbeiter beschränken, die Ihnen Gruselgeschichten erzählen.
Ja, Britten hatte viel und häufig engen Kontakt zu den Jungen, die Rollen in seinen Werken übernahmen. Vermutlich war er pädophil oder ephebophil. Peter Pears, sein Lebensgefährte, war dies nicht. Das gemeinsame Rekrutieren “jugendlichen Gespielen” für einen Abend im Hotelzimmer, wie Sie es so süffig formulieren, kann eher in den Bereich des Märchens verortet werden.
Von all den Jungen, die Britten in seiner langen Karriere um sich hatte, hat nie auch nur einer von Übergriffen oder ähnlichem berichtet. Alle erinnerten sich, wenn, an Brittens Güte, Förderung und die Bereicherung ihres Lebens durch seinen Einfluss.
Ich empfehle Ihnen zur Lektüre wärmstens John Bridcuts Buch “Britten’s Children”, welches auf ausgiebiger Recherche und vielen mit ehemaligen “Britten-Gespielen” geführten Interviews beruht und ein sehr differenziertes und unvoreingenommenes Bild von Brittens Verhältnis zu heranwachsenden Jungen zeichnet.
Auch jemand Ihres Bildungsgrads kann sich ja vielleicht noch weiterbilden.


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