Ein Lichtstrahl auf Francesca Caccini. Die Musiktheater-Produktion „Ein Zimmer für sie allein“ am ZAMUS in Köln


(nmz) -
Die Nachbarschaft in der Kölner Heliosstraße ist wahrscheinlich Zufall: Das ZAMUS (Zentrum für Alte Musik) in Köln-Ehrenfeld liegt neben einem seltenen Baudenkmal von 1894: Einem Binnenleuchtturm, der an die 1905 untergegangene Helios AG erinnert. Doch als Forum, Begegnungsstätte und Konzertort hat das 2012 gegründete ZAMUS inzwischen selbst Leuchtturm-Charakter. Mit der Musiktheaterproduktion „Ein Zimmer für sie allein“, die auch beim Internationalen Festival für Aktuelle Klangkunst in Trier gastierte, fällt nun ein Lichtstrahl auf Francesca Caccini, die trotz Frauenbewegung und erstarktem Gender-Bewusstsein immer noch im Schatten ihrer männlichen Kollegen steht.
01.03.2018 - Von Andreas Hauff

Francesca Caccini (1587 bis ca. 1641) war eine bedeutende Sängerin und Komponistin. Von ihr stammt die älteste erhaltene und kaum je gespielte Oper aus der Hand einer Frau, „La liberazione d Ruggiero dall‘isola d'Alcina“. Das ZAMUS stellt nun die Caccini selbst in den Mittelpunkt einer 70-minütigen Musiktheater-Produktion namens „Ein Zimmer für sie allein“. Auf einer schlicht gehaltenen Bühne im nüchternen Saal des ZAMUS erlebt das Publikum ein Amalgam von Lesung, Konzert und Ballett, für dessen Konzeption Georg Beck als Dramaturg und für dessen szenische Realisation als Regisseur Andreas Falentin zeichnet. Die Schauspielerin Heidrun Grote liest fiktive autobiographische Texte der Protagonistin. Die Sopranistin Irene Kurka singt drei Solonummern von Francesca Caccini, dazu drei berühmte Titel ihrer männlichen Vorgänger und kompositorischen Vorbilder: Den „Canto di Ninfe“ aus Jacopo Peris „L'Euridice“, Claudio Monteverdis „Lamento d'Arianna“ und „Amarilli mia bella“ von Francescas Vater Giulio Caccini. Von Francesca selbst gibt es zwei Titel aus dem 1618 erschienenen „Primo libro delle musiche“ zu hören: „Lasciatemi qui solo“ und „Ardo infelice“, dazu „Ecco l'ora, ecco il punto“ aus der „Ruggiero“-Oper von 1625. Klaus Mader begleitet an der Chitarrone.

In den musikalischen Ablauf eingefügt sind – dank zusätzlicher Förderung durch die Kunststiftung NRW und das Opening Festival Trier – zwei aktuelle Auftragskompositionen von Christina Messner: „Monodie für eine sich begleitende Sängerin“ und „wind.blum.welle“ nach einem Gedicht von Marin Opitz. Hier besteht das Accompagenment aus den Geräuscheffekten verschiedener kleiner Perkussionsinstrumente, aber auch der Einsatz der Stimme tendiert immer wieder ins Geräuschhafte. Vertieft wird die Aufführung durch etliche Szenen mit Ausdruckstanz: Stephan Reschke steht für verschieden männliche Protagonisten, vor allem Francescas Vater Giulio, der im Konzept des Abends der Komponistinnenkarriere seiner Tochter reserviert gegenübersteht.

Dichte Atmosphäre

Ohne großen szenischen Aufwand entsteht eine dichte Atmosphäre, in der die verschiedenen dramaturgischen Komponenten geschickt ineinandergreifen. Gerne folgt man der Einladung der poetisch formulierten Lesetexte und lässt sich auf die Geschichte Francescas ein, die schon mit 13 Jahren als Sängerin brillierte und als Hofsängerin und -komponstin eine wichtige Rolle am Hof der Medicis in Florenz spielte. Die klingende Musik ihrer Zeitgenossen illustriert die neu erwachte musikalische Welt des Neuen Stils, in die Francesca als Jugendliche hineinwächst. Christina Messners Neukompositionen gestaltet Irene Kurka ansprechend als eine Art Zueinanderfinden von tastender kompositorischer Fantasie und erfülltem Klang. Stephan Reschkes tänzerische und gestische Aktionen zeigen subtil das Ungesagte und Unsagbare in den Reaktionen der männlich dominierten Umwelt. Wir hören vom Widerstand des Vaters, der ihren letzten Brief nicht beantwortet, von der glücklichen Konstellation einer weiblichen Regentschaft in Florenz, der Francesca den Opernauftrag verdankt, von ihrer zweimaligen Verheiratung. Und mit dem Titel der Produktion fragen wir uns, ob es je „Ein Zimmer für sie allein“ gab.

Dieser Titel leitet sich her aus dem Essay „Ein Zimmer für sich allein“ („A Room of One‘s Own“), in dem 1929 die britische Schriftstellerin Virginia Wolff innere und äußere Unabhängigkeit als Grundbedingungen für weibliches Schreiben forderte. Allerdings stellt sich die Frage, ob man Francesca Caccinis Leben und Werk in den Denk- und Gefühlskategorien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts fassen kann. Beim Zuschauen und Zuhören denkt man unweigerlich an Fanny Mendelssohn Bartholdy und Clara Schumann, die nach Ansicht der sie umgebenden Männer jedenfalls nicht für die Öffentlichkeit komponieren sollten. Doch dann fällt einem ein, dass in der barocken Musik die Grenzen zwischen instrumentalem Solospiel, Generalbass, Improvisation und Komposition fließend waren und es das Komponieren als tabuisiertes Tätigkeitsfeld noch gar nicht gab und nicht geben konnte. Zieht man dann im Nachhinein Anke Chartons ausführlichen Artikel über Francesca Caccini im Multimedia-Lexikon „Musik und Gender“ zu Rate, so findet sich dort, dass Vater Giulio seine Tochter auch zur Komponistin ausgebildet hat, dass sie außer der „Ruggiero“-Oper mindestens 17 weitere, leider verlorene Bühnenwerke schrieb, das erste davon 1607 in Vertretung ihres Vaters, und dass ihr erster Ehemann, selbst Musiker in der Florentiner Hofkapelle, sie zur Alleinerbin einsetzte – mit der Begründung, sie habe mehr zum Haushaltseinkommen beigetragen als er selbst.

Rückprojektion aus dem Biedermeier

Warum hätte man angesichts all des Neuen in einer Zeit, die überhaupt das Individuum und mit der Monodie das singende Individuum – als Mann und als Frau – in den Mittelpunkt stellte, ausgerechnet eine komponierende Sängerin stigmatisieren sollen? Zu sehr erscheint das Frühbarock dieses Abends als Rückprojektion aus dem Biedermeier. Dazu passt auch, dass Kurka und Mader das Potential der barocken Gesänge nicht wirklich auskosten. Gesang und Begleitung sind geprägt von der Zurücknahme des Affekts. Wortbetonungen oder musikalische Figuren werden nur wenig akzentuiert, die Akkordwechsel sind nicht immer durchgehört, und unter dem szenischen bedingten Abstand zwischen Sängerin und Chitarrone leidet zuweilen die Präzision des Zusammenspiels. Musikalisch hätte Francesca Caccini uns also noch mehr zu sagen.

Leuchtturm-Charakter

Das Ärgernis an ihrer Geschichte aber liegt wohl nicht darin, dass sie von Männern unterdrückt wurde und kein Leben nach ihren Vorstellungen führen konnte; sondern darin, dass eine patriarchalisch geprägte Musikwelt und Musikgeschichtsschreibung sie drei Jahrhunderte lang vergessen oder abgewertet hat. Gerade mit Blick auf die Theater- und Konzertprogramme bleibt hier einiges zu tun. In dieser Hinsicht wird das Kölner ZAMUS-Projekt seinem Leuchtturm-Charakter gerecht.

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