Ein Rückblick auf das Rheingau-Musikfestival


(nmz) -
Wenn auf Schloss Johannisberg sich das gastgebende Weingut mit einem Gustav-Mahler-Zitat präsentiert, scheint Mahler – 100 Jahre nach seinem Tod - beim Publikum angekommen zu sein. Auch sonst zeigten sich die Besucher des Rheingau-Musik-Festivals aufgeschlossen für musikalische Herausforderungen. Die Frage nach der „Bewahrung des Feuers“ bleibt indessen aktuell.
07.09.2011 - Von Andreas Hauff

 

Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche“. Mit diesem Gustav-Mahler-Zitat grüßt die offizielle Homepage der Fürst von Metternich Winneburg’schen Domäne Schloss Johannisberg GbR den Besucher. Eine gezielte Anspielung auf den Mahler-Schwerpunkt beim diesjährigen Rheingau-Musik-Festival? Oder ein Indiz dafür, dass der Komponist 100 Jahre nach seinem Tod zu einer selbstverständlichen Größe im kulturellen Bewusstsein geworden ist? Ein wenig ironisch erscheint da nur Umstand, dass der Fürst-von-Metternich-Saal und die Basilika von Schloss Johannisberg zwar zu den schönsten und wichtigsten Spielstätten des Festivals gehören, dass aber für Mahlers Sinfonien und Orchesterlieder dort schlicht der Platz fehlt.

Es sei denn, man spielt Bearbeitungen: Das tat das Brüsseler Oxalys-Ensemble im Fürst-von-Metternich-Saal tatsächlich, und dieser Abend mit nicht mehr als 12 Instrumentalisten wurde eines der intensivsten Konzerterlebnisse der letzten Jahre. Sehr ansprechend und textdeutlich sang der junge Bariton Nikolay Borchev Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“ im Arrangement von Arnold Schönberg. Das Programm führte ins Wien der 1910er und 1920er Jahre und präsentierte Bearbeitungen, die damals für Schönbergs „Verein für musikalische Privataufführungen“ angefertigt wurden. Neben Mahler erklangen Max Regers „Romantische Suite“ op 125 in der Bearbeitung von Arnold Schönberg und Rudolf Kolisch, zwei der „Sechs Gesänge nach Maurice Maeterlinck“ op. 13 von Alexander von Zemlinsky im Arrangement von Erwin Stein und die beiden erhaltenen Sätze aus Zemlinksys frühem Streichquintett d-moll von 1895.

Die Kammerensemble-Bearbeitungen stellen im Grunde das Konzentrat der Werke dar, und entsprechend hohe Konzentration verlangen sie. Die Herausforderung, an einem einzigen sinfonischen Faden zu spinnen, gemeinsam zu atmen, Spannung aufzubauen und jede Linie und jede einzelnen Floskel mit Leben zu erfüllen, bewältigten die belgischen Gäste ausgezeichnet. Die Kunst, den Hörer in die Intensität dieser musikalischen Schwarz-Weiß-Zeichnungen mitzunehmen, könnte kaum höher entwickelt sein. Und zumindest bei Mahler schien es, als werde die Intimität der Kammerbesetzung dem intimem Charakter der Lieder fast besser gerecht als Mahlers eigene Orchesterbesetzung.

Angemessene Spielstätten für Mahler in Originalbesetzung sind beim Rheingau-Musik-Festival die Basilika von Kloster Eberbach, die in ihrer feierlichen Nüchternheit der Musik viel Raum lässt, aber eine sehr hallige Akustik aufweist, und das Wiesbadener Kurhaus, dessen Friedrich-von-Thiersch-Saal stilgerechte Fin de Siécle-Atmosphäre mitbringt. Das HR-Sinfonieorchester spielte in Eberbach zum Eröffnungskonzert die fünfte Sinfonie, später dann in Wiesbaden die siebente. Beide Male bestachen die Frankfurter Musiker unter ihrem Chefdirigenten Paavo Järvi durch ihre ebenso disziplinierte wie lebendige Klangentfaltung und das dramatische Gespür für den sinfonischen Gesamtzusammenhang. Doch während die Fünfte in ihrer Vielgestaltigkeit noch überzeugte, fehlte bei der Siebenten letztendlich eine Art interpretatorische Linie: Was will diese Sinfonie dem Hörer sagen? Wie ist der grandiose, beängstigende Überschwang dieses Finales zu deuten?

Gerade bei einem Komponisten, der derart von zentralen Sinnfragen nach Liebe, Leben, Tod und Auferstehung besessen war, ist es auf Dauer gefährlich, ihn auf die klangliche Außenseite zu reduzieren. Dies wurde noch deutlicher im Abschlusskonzert in Kloster Eberbach. Unter ihrem Chefdirigenten Jonathan Nott spielten die Bamberger Sinfoniker das Adagio aus der zehnten Sinfonie und das „Lied von der Erde“ (mit der Mezzosopranistin Waltraud Meier und dem Tenor Michael König als Solisten). Sowohl der Sinfoniesatz als auch die sinfonische Großkantate gerieten bei aller klanglichen Intensität etwas statisch. Von allen Mahler-Werken ist vermutlich das „Lied von der Erde“ in seinem Fin-de-Siècle-Überschwang, mit seinem China-Exotismus und seinen jugendstilhaften Girlanden unserer Gegenwart am fernsten. Um so mehr stellt sich die Mahler’sche Frage, wie hier die Flamme weiter gegeben werden kann.

Immer wieder hilfreich ist, wenn große und beliebte Interpreten durch weniger populäre Werke führen. Umgekehrt ist vielleicht auch eine wachsende Bereitschaft der Stammhörer festzustellen, sich auf Unbekanntes einzulassen. Im Eröffnungskonzert mit dem HR-Sinfonieorchester sang Elīna Garanča die „Sieben frühen Lieder“ von Alban Berg. Das Publikum folgte aufmerksam und applaudierte begeistert. Auch das Komponisten-Porträt Hans Zender gewann durch die Mitwirkung der Sopranistin und Stimmartistin Salome Kammer an Attraktivität. Ansprechend führte sie durch die anspruchsvollen Stücke „Denn wiederkommen“ und „Mnemosyne“ aus Zenders Zyklus „Hölderlin lesen“, die vom Hörer das intensive Sich-Einlassen auf die teilweise kryptischen Texte verlangen. 

Zugänglicher war da schon das Programm im Wiesbadener Kurhaus mit drei geistlichen Werken und den „Schubert-Chören“ für Solotenor, Chor und Orchester. Salome Kammer übernahm den Solopart in „Adonde?Wohin“ für Violine, Sopran und Orchester, und das ausgezeichnete SWR-Vokalensemble wirkte mit in den „Logos-Fragmenten“ Nr. 5 und 7 für 32 Sänger und drei Orchestergruppen. Auffällig war, wie schnell sich das Ohr auf die von Zender gepflegte Mikrotonalität (mit der Unterteilung des Ganztons in 12 Mikrointervalle) einlässt. Ein Orchester brauche in der Regel eine Probenwoche, um sich darauf einzustellen, berichtete Zender im Gespräch mit der Journalistin Lydia Jeschke. Der Hörer schafft es in wenigen Minuten.

Auf großes Publikumsinteresse stieß die experimentelle Kombination der Musik von Philip Glass mit derjenigen des frühbarocken Komponisten Tarquinio Merula im Laiendomitorium von Kloster Eberbach. „Timeless“ hieß das Programm der Lautten Compagney Berlin (Ltg. Wolfgang Katschner), und es wurde abgerundet durch Auszüge aus Hans Magnus Enzensbergers „Die Geschichte der Wolken“, die die Schauspielerin Eva Mattes an gut ausgewählten Stellen zwischen einzelnen Musikstücken vortrug. Trotz frappierender Stilbrüche in der Instrumentalbesetzung (Saxofon bei Merulo, Zink bei Glass!) wirkte die Musik im Charakter stilgerecht, und das Ensemble beeindruckte enorm durch seine Wandlungsfähigkeit, Geschlossenheit und Präsenz. Indem den Klängen Zeit zur Entfaltung blieb, konnte der Hörer dem eigenartigen Wechselverhältnis von Nähe und Distanz zwischen Epochen, Stilen und Besetzungen nachspüren.

Eine musikalische Unterforderung des Hörers betreiben zur Zeit viele Interpreten alter Musik. Sie setzen auf Tempo und instrumentale Virtuosität, ohne sich um den Charakter der Musik zu scheren. Da gibt es dann anstelle vieler unterschiedliche Affekten im wesentlichen nur noch drei Tempostufen: „Schnell bis sehr schnell“ ist Standard, „Langsam bis sehr langsam“ tritt gelegentlich als wirkungsvoller Kontrast auf, „Mittel“ nur dann, wenn sich ein Stück partout nicht in eine der beiden Richtungen trimmen lässt. So verfuhr leider auch die bei Merulo noch so sensible Lautten-Compagney Berlin mit Händels Oper „Rinaldo“ in der Eberbacher Basilika. Und dieselbe Tendenz war beim Eberbacher Gastspiel der Frankfurter Musikhochschule mit Alessandro Stradellas Oratorium „Johannis der Täufer“ unter Leitung von Michael Schneider  festzustellen. Soviel junge Leute allerdings wie bei diesem Musikhochschul-Porträt sind bei Konzerten des Rheingau-Musikfestivals sonst nicht zu erleben. In dieser Richtung wird man weiter arbeiten müssen, denn auch das Stammpublikum wird älter, und wer mit Mahler „das Feuer bewahren“ will, muss an die nächste Generation denken. 

 

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