„Elektra“ in Münster: Regietheater, wie es nicht sein soll – Und Prof. Boerne klimpert dazu


(nmz) -
Mit Beginn der Spielzeit 2022/2023 übernahm Katharina Kost-Tolmein die Intendanz des Theaters Münster. Ihr erstes Projekt: Neuproduktionen in allen Sparten, die sich dem antiken Atridenmythos widmen. Im Tanztheater gab es bereits die „Furien“, im Schauspiel die „Orestie“, im Musiktheater die selten gespielte Oper „Leben des Orest“ von Ernst Křenek. Und nun folgte die Premiere der „Elektra“ von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal. Hier geht es um Macht, Gewalt und vor allem um Rache! Der Stoff also, aus dem Strauss große Oper macht.
21.12.2022 - Von Christoph Schulte im Walde

Um es gleich vorwegzunehmen: die Inszenierung in Münster ist ziemlich misslungen! Weil Regisseur Paul-Georg Dittrich viel zu viel in sie hineinpackt! Mehr, als selbst ein mit dieser Oper vertrautes Publikum in Echtzeit verarbeiten kann. Es wird bereits in den ersten fünf Minuten mit einer Bilderflut konfrontiert, die das Wahrnehmungsvermögen völlig überfordert. Und das wird auch in den darauffolgenden hundert Minuten nicht besser.

Der Rahmen, der eine gewisse Kontinuität liefert, ist das auf den beiden seitlichen Bühnenbegrenzungen und dem Portikus präsente Bild vom „Haus der deutschen Geschichte“, von Adolf Hitler initiiert, 1937 fertiggestellt. Ein Monumentalgebäude in München. Darin spielt sich diese „Elektra“ ab, auf nicht weniger als vier (!) Zeitebenen: im ausgehenden deutschen Kaiserreich, in Nazi-Deutschland, in den 1968er Jahren und zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Filmsequenzen im Sekundentakt strömen auf das Publikum ein, zeigen (sofern man sie in dieser Schnelligkeit überhaupt erkennen kann) Menschen wie Rudi Dutschke, Alice Schwarzer, Romy Schneider, Kaiser Wilhelm, Nazi-Granden, Beate Zschäpe und, und, und … Auf der Drehbühne (Christoph Ernst, auch verantwortlich Kostüme und Licht) sehen wir einen großbürgerlichen Salon, später die Seitenansicht eines abgewrackten Hauses (wohl dem, der erkennt, dass es das sogenannte „Horror-Haus“ von Höxter sein soll!) und eine ebene Spielfläche, die von einem riesenhaften Porträt von Richard Strauss mit Taktstock in der Hand dominiert wird. Zwischendurch sitzt Professor Boerne (ja, der aus dem Münster-Tatort) am Flügel und klimpert. Und omnipräsent sind in jedem Bild die hässlich schwarzen Kakerlaken (bei Strauss: die Mägde) – Ungeziefer, das sich überall am Leben hält, egal in welchen Lebenswelten…

Die Botschaft soll wohl sein: Macht, Rache und Gewalt, vielleicht auch Opportunismus und/oder Mitläufertum sind eine anthropologische Grundkonstante. All diese Aspekte ziehen sich bekanntlich wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte. Wer dies noch nicht gewusst hat …

Paul-Georg Dittrich indes verliert sich völlig in diesen ständig wechselnden Ebenen. Pars pro toto: Elektra. Sie ist erst ein Kind, das sich sein Hüpfspiel mit Kreide auf den Fußweg vor dem „Haus der deutschen Geschichte“ malt, dann steckt sie in einem sexy Mini-Kleid, streift sich irgendwann eine SS-Uniform über, um dann auch noch als Prinzesschen über die Bühne zu tänzeln. Klytämnestra: das gleiche Wechselspiel. Wenn sie ermordet wird, dann als Angela Merkel im roten Jackett, ihr Mörder Orest ist ein Reichsbürger, Aegisth kommt mit Gerhard-Schröder-Maske daher!

Oh je, das ist Regietheater, wie es nicht sein soll. Keine Frage: Dittrich und sein Regieteam werden sich unglaublich viele Gedanken gemacht haben. Aber was hilft es, wenn das Publikum das Gefühl bekommt, diese nur nach dem Besuch eines soziologischen oder philosophischen oder theaterwissenschaftlichen Proseminars an der Uni entschlüsseln zu können? Ein solches Seminar wird derzeit nicht angeboten. Da hilft eigentlich nur, auf die nächste „Elektra“-Inszenierung zu warten, die auch „Normalsterbliche“ verstehen können.

Womit Münster allerdings auftrumpfen kann, ist die musikalische Seite dieser Inszenierung. GMD Golo Berg bleibt all den Feinheiten der Partitur, ihren emotionalen Schattierungen nichts schuldig. Er lässt ein sehr differenziertes, auf schillernde Farben ausgerichtetes Klangtableau entstehen, das allenfalls in den wuchtigen Tutti-Passagen noch etwas mehr an Aggressivität hätte vertragen können. Was die vokale Seite angeht, gibt es keine Defizite. Tief mit Erdenschwere grundiert und angstbesessen gestaltet Helena Köhne die Klytämnestra und bringt deren Albträume überzeugend zum Ausdruck. Die Titelpartie singt Rachel Nicholls, die mit ihrer Stimme gut haushaltet. Sind ihre beginnenden „Agamemnon“-Rufe noch eher verhalten, legt sie alle Kraft in ihre ungezügelten Ausbrüche, als ihre Rachepläne in Erfüllung gehen – ein wahrhaft loderndes Fanal.

Die Fassungslosigkeit ob der Morde, die er begangen hat, steht Johan Hyunbong Choi als Orest nicht nur ins Gesicht geschrieben, er bringt sie auch stimmlich eindrucksvoll zum Tragen. Und Garrie Davislim geht abgrundtief schreiend, keifend und quiekend wie ein Schwein im Schlachthof als Ägisth in den Tod. Margarita Vilsone ist Chrysothemis. Leuchtend macht sie ihren Lebenswillen deutlich. Auch sie spart wie Elektra ihre Kräfte klug auf für ein furioses Finale. Das beeindruckt zutiefst!

Großer Premierenbeifall für die Beteiligten – in den Applaus für das Regieteam mischen sich deutliche Buh-Rufe.

Das könnte Sie auch interessieren: