Erlebnispark Medienkunst: das Augsburger Festival „lab30“ bewegt sich in den Grenzbereichen zwischen Musik und bildender Kunst


(nmz) -
Ein guter Ruf ist die beste Werbung. Das gilt auch für „lab30“, das 2001 vom städtischen Kulturamt „hochgefahrene“ Augsburger Medienkunstfestival, das sich trotz kleinem Budget großteils via Mundpropaganda vom – so im Programmtext – „leisen, subversiv angelegten Hauch“ zum internationalen Format ausgeweitet hat. Die überwiegend jungen Künstler kommen inzwischen bis aus Japan und den USA zu dem dreitägigen Kunstlabor, laut lab30-Kooperationspartner Peter Bommas „Abenteuerspielplatz“ und „elektronische Bastlerzentrale“ im Kulturhaus abraxas und auf dem Gelände Kulturpark West, beides ohnehin kulturelle Experimentierfelder der Schwabenmetropole.
11.11.2010 - Von Stephanie Knauer

Dabei umfasst das Festival die Medienkunst in der Musik und im bildenden Genre – sofern sich diese überhaupt voneinander trennen lassen: Auch die 17 eingereichten Kunstwerke der diesjährigen Ausstellung im Rahmen von lab30 changierten zwischen Objektkunst und Klanggerät, Computerspiel und Forschungsprojekt, viele davon – wie etwa das kindgerechte Komponierprogramm „ComposersKit“ – in Interaktion mit den Menschen.

Ihre Bewegungen und Geräusche hatten oft direkte, verblüffende oder beeindruckende Reaktionen seitens des Exponates zur Folge. Eine Attraktion war die von der erstmalig extra bestallten Fach-Jury mit dem lab award prämierte Installation „Monologue of two machines“ von Jasper Diekamp, zwei Schreibtischlampen im Lichtdialog, die ihren aggressiven Schein hartnäckig auf den Besucher richteten, sobald eine bestimmte Distanz unterschritten wurden. Defensiv wirkte dagegen die „kinetische Skulptur“ „Pelt (Bestiary)“ der Kanadierin Ingrid Bachmann, ein „Batzen“ Fell aus dicken, schwarzen Haaren, die sich beim Nahen sträubten. Damit wolle die Künstlerin „der digitalen Technologie ihr Fell zurückgeben“.

Technik mit Gefühl und Sinnlichkeit: Dieser scheinbare Antagonismus hat sich als Leitmotiv der neunten Folge des Augsburger Kunstlabors lab30 herauskristallisiert. „See it, hear it, feel it…“ lautete das Festival-Motto 2010, das mit seinem Programmpunkt „STiMULiNE“, einer audiotaktilen Performance von Lynn Pook und Julien Clauss aus Frankreich, auf die Spitze getrieben wurde.

Ermöglicht hatte das knapp einstündige, aufwendige Klangerlebnis für 28 Teilnehmer die Zusammenarbeit mit „MEHR MUSIK!“, dem Augsburger Projekt des bundesweiten „Netzwerk Neue Musik“. Hier wurde zunächst jeder „Hörer“ in die bereitgestellten Spezialanzüge mit fünfzehn integrierten, einzeln steuerbaren Lautsprechern eingekleidet, schließlich auf einer der dicken Matten liegend mit einer der drei Stromquellen verkabelt. Durch die Vibrationen der Lautsprecher und ihre Klangübertragung bis in die Knochen steigerten sich die Sounds, irdischen und unirdischen Geräusche zur gefühlt ganzkörperlichen Erfahrung: Sich heran schiebender Donner rollte regelrecht über den Rezipienten hinweg, Klangtropfen zersprangen auf der Haut. Intensiver geht das Erlebnis Musik gegenwärtig wohl nicht – aber auch andere Programmpunkte weiteten Grenzen.

Das Elektrocello-ähnliche Halldorophon der 28-jährigen isländischen Komponistin und Cellistin Hildur Guðnadóttirs setzte das natürliche Ausschwingen außer Kraft, klang nach Oberton-reduziertem, motorischem Endlos-Brummen, das sich von Hand färben, modifizieren und um weitere „Töne“ anreichern ließ. Niedlich und bedrohlich zugleich wirkte „Nabaz´mob“, eine „elektronische Oper für 100 Roboter-Hasen“ von Jean-Jacques Birgé und Antoine Schmitt (F): Die 23 Zentimeter hohen, stilisierten Hasenfiguren mit beweglichen Ohren, steuerbaren, blinkenden Farbfeldern und zart-hellem Klangrepertoire sind Computer en miniature. Durch Erstimpuls und Imitation ergaben sich unter den Hasen-Reihen Massenbewegungen und vereinzelte „Revoluzzer“: ein nachdenklich machender Background trotz des vordergründigen Sensationscharakters.

Hier zeigte sich das Besucher-Spektrum von lab30 besonders deutlich. Denn das Medienkunstfestival, inzwischen weithin renommierter „Geheimtipp“, zieht ein buntes Publikum jeden Alters an. Davon künden auch die Tafeln mit handschriftlichen, durchweg positiven Besuchermeinungen, die heuer erstmalig aufgestellt wurden.

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