Eugen Onegin schreibt einen Brief ... – Tschaikowskis „Eugen Onegin“ an der Dresdner Semperoper


(nmz) -
Eben erst „Don Giovanni“ von Mozart, jetzt Tschaikowskis „Eugen Onegin“. Ein Draufgänger nach dem anderen. Aber beide ganz anders. Die Dresdner Semperoper beendet die Spielzeit mit einem sehr runden Erfolg.
03.07.2016 - Von Michael Ernst

So viel Zustimmung ist selten. Die 1879 uraufgeführte Vorlage von Peter Tschaikowski geht ans Herz. Musikalisch ist das vom Feinsten. Der finnische Dirigent Pietari Inkinen führt die Sächsische Staatskapelle wie am seidenen Schnürchen und holt höchst emotionale Sentenzen aus dieser Musik, macht aber nicht den Fehler, Tschaikowski auf russische Melancholie zu reduzieren. Bühnenbildner Robert Schweer besticht mit einem Ambiente, dass abendfüllend Palastatmosphäre wiedergibt, darin aber Raum lässt für ländliche Strohballen mit rostigem Traktor und duellantendüstere Winterlandschaft. Die Kostüme von Esther Geremus bilden soziale Schichtungen ab, sind geschmackvoll und rücken die Sänger-Darsteller stets ins richtige Licht. Vor allem aber ist es die Inszenierung von Markus Bothe, der mit seinem Einstand an der Sächsischen Staatsoper rundum überzeugt.

Er erfindet weder Puschkins Vorlage noch Tschaikowskis Umsetzung neu, er deutet beides auch nicht radikal aus, sondern lässt Text und Musik freien Lauf. Das kommt seiner Sicht und dem gesamten Personal sehr zugute. Diese Sicht ist schlicht ein Rückblick auf das Geschehen. Eugen Onegin erkennt viel zu spät, was er verpasst hat, trägt Tatjanas Liebesbrief durch sein Leben und schreibt ihr endlich auch selbst. Doch er kann nichts mehr retten. Auch die anderen Figuren sind und bleiben einsam, liebesunfähig, ihren verpassten Chancen verhaftet. Ringsum verfällt eine Welt, der man für ein bisschen Glitzer und Wohlstand alles abgepresst hat. Marode Reste einer Ölförderanlage wirken fast allegorisch.

Dabei ist dieser Onegin kein draufgängerisch kalter Dandy wie noch bei Puschkin, sondern einer, mit dem man ebenso ehrlich mitfühlen kann wie mit der gesamten Personage, die zwar ihr Leben träumt, diese Träume aber nicht lebt. Onegin will sich vor diesem Umfeld schützen und Kompromisse nicht zulassen, geht wie in einen Panzer gehüllt durch die Welt, stößt Tatjana zurück, ist von der provinziellen Ballgesellschaft angewidert. Ein beinahe faustischer Held, der aber doch Anti-Held bleiben wird, denn in seiner Unstetigkeit wird er nicht glücklich.

Erst recht nicht, nachdem er seinen fast brüderlichen Freund Lenski beim Tanz mit dessen Verlobter Olga brüskiert und im daraufhin „unvermeidlichen“ Duell erschossen hat. Wenn er Jahre später wieder Tatjana begegnet – inzwischen Fürstin Gremina –, ihr seine Liebe gesteht und sogar ein Liebesgeständnis von ihr erhält, ist längst alles zu spät. Denn trotz ihrer nach wie vor lodernden Gefühle zu Onegin bleibt sie ihrem neuen Mann treu. Weil es ein Fürst ist und Adel verpflichtet? Nein, weil sie sich zu dieser Konsequenz zwingt und weiß, dass die vergangene Zeit nie wieder aufzuholen sein wird.

Lyrische Seelenbilder inmitten von Stroh

Es sind lyrische Seelenbilder, die da in einem großen, ohne Fenster schier ausweglosen Saal gezeigt werden, der quasi den ganzen Abend über den Bühnenraum gibt. Darin kann jeder alles und jeden sehen – kann sich aber auch verirren und verlaufen, als wäre das Leben ein einziges Labyrinth. Mit Raffinesse öffnet sich dieses Bild zu schattigen Räumen, zum mehrfachen Wechselspiel, indem die einzelnen Segmente mitsamt Parkettboden und Wänden gegeneinander verschoben werden. So ergeben sich nicht nur die Auftritte von Chor und Solisten wie eine Art Rollbild, sondern auch die Erinnerungs-Räume Onegins sind wie verschachtelt, ihm jedoch allzeit präsent.

Schade nur, dass dieses beeindruckend bewegliche Bühnenbild viel Nebengeräusch verursacht, das ist den Musikern gegenüber stets eine Spur unfair. Doch auch die Musik selbst hätte hier und da noch ein wenig mehr „Stillstand“ verdient. Inkinen lässt die Staatskapelle die Dynamik wunderbar ausformen, geht aber hier und da eine Spur zu rasch in den nächsten Gefühls- und Melodiebogen.

Auch auf der Bühne sind Tschaikowskis Lyrische Szenen nicht unbedingt lyrisch besetzt – was der Dramatik des Ganzen aber nur zugute kommt. Mit Camilla Nylund als Tatjana ist ohnehin schon mehr als der halbe Abend gewonnen. Wie zart sie von der Mädchen-Seele singen kann, wie verzweifelt zerrissen in der Brief-Szene (in der sie sich wieder und wieder in ein Bücherregal presst, dort sind ihre Träume zu Hause), wie frauenstark reif dann beim Diplomatenempfang – der durchaus ein Abbild des heutigen Oligarchie-Russlands sein konnte –, das ist alles erschütternd grandios. Da hätte allerdings ein so feinsinniger Fürst wie der Gremin des ukrainischen Bassisten Alexander Tsymbalyuk keinen Platz. Sonor und ganz geradeaus sang er seine Arie („Ein jeder kennt die Lieb’ auf Erden“), frei von jeder überflüssigen Attitude.

Ein Mann mit vielen Möglichkeiten

Auch für Onegin ist in dieser Welt natürlich kein Platz, er bleibt ein Mann mit vielen Möglichkeiten und lauter verpassten Chancen. Bariton Christoph Pohl überzeugt in all diesen Schattierungen als perfekter Sänger-Darsteller. Sein Organ fügt sich den Herausforderungen von selbstbewusst herablassender, ja draufgängerischer Stimmfärbung bis hin zu schutzlos verzweifeltem Gesang – und er spielt dieses Spektrum auch genauso ergreifend, wie er es singt. Ein ehrlich zerrissener Onegin, der sich bestens in dieses Regiekonzept einfügt, denn eine solche Ehrlichkeit kann wohl nur in der Rückschau so glaubwürdig dargestellt werden.

Tschaikowski hat in seiner Rollenverteilung keinerlei Rücksicht genommen, sondern wohl vor allem sehr viel eigene Lebenserfahrung reflektiert. Daher hat Gremin auch nur diesen einzigen, freilich betörenden Auftritt. Daher kommt Tatjanas Schwester Olga im Grunde genommen auch viel zu kurz – wurde hier aber von Anke Vondung als lebensfrohes Gegenbild gespielt und mit luftiger Frische gesungen. Als ihr Lenski kann Tomislav Muzek ohnehin nur bis zur Schussszene mitwirken, tut das aber mit viel Esprit und einem erst strahlkräftig, dann schmerzlichen Klangbild. Auch Sabine Brohm als mütterliche Larina ist wirkungsvoll stimmig präsent, bis sie ebenso wie die – von Tichina Vaughn im Spagat zwischen lebensklug und töricht gegebener – Amme Filipjewna keine Rolle mehr spielt. Erst recht die kleineren Partien wie Triquet – der hier aus einer riesigen Torte hüpft und etwas albern seine Körperlichkeit zur Schau zu stellen hat, zudem von Timothy Oliver tenoral nicht ganz ausgefüllt worden ist – und Saretzki. Der Sekundant (von Magnus Piontek nobel zurückhaltend gestaltet) schaufelt vor dem widersinnigen Duell der beiden einst so engen Freunde schon mal ein Grab in den Bühnenboden und hat dann in der Oper nichts mehr zu tun.

Abendfüllend wirkt aber der Chor mit, mal bauernschlau dreist, mal in ausgelassener Feierlaune, schließlich sehr distinguiert. Der von Jörn Hinnerk Andresen bestens präparierte Sächsische Staatsopernchor ist in jeder Situation überzeugend und trägt ganz wesentlich zum rundum geglückten Spielzeitabschluss mit bei.

Dass die Begehrlichkeiten gegenüber Regisseur Markus Bothe und Dirigent Pietari Inkinen nach diesem runden Erfolg bald zunehmen dürften, steht nach ihrem gemeinsamen Dresden-Debüt außer Frage. So viel Zustimmung tut auch mal gut.

  • Termine: 2., 6., 9. Juli, 30. August, 1., 4. September 2016

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