Ferchow vor der Röhre - Hardcore gegen die Verkalkung: Young@Heart im BR


(nmz) -
Es war einer der schönsten Dokumentarfilme seit langer Zeit, den der Bayerische Rundfunk am Samstagabend als Kontrastprogramm zum schauderhaften Grand Prix anbot. Der amerikanische Young@Heart-Chor mit seinen 75- bis 92-Jährigen Senioren und Greisen, der mit Rockmusik die Herzen der freilich jüngeren Zuschauer erobert, durfte bei Proben und bis zum Auftritt begleitet werden.
17.05.2009 - Von Sven Ferchow

Zur Einstimmung ein Zitat aus dem BR-Programmführer:

Angefangen hatte alles 1982, damals sang der neu gegründete Senioren-Chor Stücke aus den 1920er- und 1930er-Jahren, mit denen sich die Sänger und ihr Publikum identifizieren konnten. Doch Chorgründer und -leiter Bob Cilman war mutig. Er probierte ein paar Rocksongs aus. Das Publikum überschlug sich vor Begeisterung. Seither tritt man nur noch mit Klassikern aus Pop, Rock, Soul, Funk und Punk auf.

Auf dieser Basis existiert der Chor nun seit vielen Jahren und Filmemacher Stephen Walker, begleitete den Chor sechs Wochen lang mit der Kamera bei den Vorbereitungen zum neuen Bühnenprogramm „Well and Alive“.

Die ersten Eindrücke schwanken zwischen skurill und humorvoll: Da werden Sauerstofftanks mit zur Probe gebracht, die Brillengläser mancher Chormitglieder ähneln Aschenbecherböden, Texte in 24 Punkt Schrift müssen immer noch mit der Lupe studiert werden, Stan bleibt immer wieder an zwei Textzeilen hängen (was er auch beim Auftritt durchzieht) und nebenbei plaudern die Senioren völlig relaxt über zu früh erhaltene Sterbesakramente.

Geleitet wird dieser unwirsche Wahnsinn von Chorleiter Bob Cilman, der mit 50 natürlich der jüngste ist. Cilman ist dabei übrigens knallhart, verzeiht wenig Fehler, staucht die Alten wie Schulkinder zusammen, streicht Songs, die nicht klappen, aus dem Programm und kennt zwar doch Geduld, dafür aber wenig Gnade. Dass er trotzdem einfühlsam ist, zeigen jene Szenen, in denen zwei Mitglieder der aktuellen Chorbesetzung sterben. Auch wenn Cilman bereits 17 Mitglieder verloren hat, Routine kann und darf das nie werden.

Erster Höhepunkt des Films ist sicherlich der Probeauftritt in einem nahe gelegenem Gefängnis. Wenn selbst die härtesten Schwerverbrecher mit den Tränen kämpfen und sich nach dem Konzert mit den Chormitgliedern verbrüdern und umarmen, dann erfüllt der Chor eine Sozialisationsaufgabe, die Politik bei weitem nicht erreichen kann.

Gesungen und begleitet von einer Liveband bietet der Young@Heart-Chor solche Klassiker wie Road to Nowhere (Talking Heads), Purple Haze (Hendrix), Should I stay or should I go (The Clash), Staying alive (Bee Gees), Nothing compares 2 U (Sinead O’Connor) oder Dancing in the Dark (Bruce Springsteen). Großartiger Höhepunkt bleibt allerdings der Pointer Sisters Funkklassiker „Yes We Can Can“. Die Versionen der Rentner sind dabei etwas einfacher und choresk angelegt, dafür gehen sie mit mehr musikalischem Gefühl an die Sache heran als jeder DSDS Teilnehmer je haben wird.

Beeindruckend und dabei nicht beklemmend ist der Umgang mit dem ständigen Begleiter des Chors: dem Tod. Unverkrampft, ironisch, aber mit dem Gefühl der Überzeugung immer noch zu leben, sehen sie dem Unvermeidlichen entgegen. Dass dieses Thema genau den richtigen Ton trifft und distanziert, aber seriös wirkt, ist insbesondere der grandiosen Machart des Filmes zu verdanken. Stephen Walker beeindruckt mit wenigen Worten aus dem „off“, hält sich in emotionalen Szenen zurück und lässt den Chor und seine Bilder sprechen. Mehr Erzählung muss auch nicht sein.

Ohne Zweifel handelt der Film zunächst einmal von Musik. Doch nebenbei gelingt Stephen Walker das Kunststück, viele Lebens- und Krankheitsgeschichten der Chormitglieder zu beleuchten. Chemotherapien, Atembeschwerden, Herzinfarkte und Krankenhausaufenthalte bekommen einen großen Freiraum ohne erdrückend zu wirken oder depressive Stimmung zu verbreiten. Walker schafft es, das Leben in allen Teilen des Filmes im Fokus zu halten. Irgendwie schade, dass der Film nach 105 Minuten zu Ende ist. Es hätte schon noch ewig so weitergehen können.

Der Film war übrigens 2008 im Kino zu sehen und bekam glänzende Kritiken und zahlreiche Auszeichnungen. Wiederholungen sind laut Programm des BR derzeit nicht geplant.

Samstag, 16. März 2009, 20.15 – 22.00, Bayerischer Rundfunk
Originaltitel: Young@Heart (GB, 2007)
Regie: Stephen Walker, Länge: 103 Min., mit deutschen Untertiteln

 

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