Fuß-Ball – Paul Abrahams „Roxy und ihr Wunderteam“ an der Komischen Oper Berlin


(nmz) -
Die einzige Fußball-Operette – für ein entsprechend großes Ensemble, mit mindestens elf singenden und tanzenden Fußballerspielern, den zugehörigen, sie anfeuernden Gören eines Mädchenpensionats und nationalen Schlachtenbummlern – das bedarf einiges Aufwandes. Gekonnt, wenn auch nach zu vielen Verlängerungen, endete die jüngste Premiere an der Komischen Oper unangefochten, mit einem Sieg der Mannschaft um die Geschwister Pfister. Eine Kritik von Peter P. Pachl.
02.06.2019 - Von Peter P. Pachl

Bei Fußball-Anlässen der vergangenen Dezennien war es zunächst nicht möglich, die Rechte für diese Vaudeville-Operette zu bekommen, zumal der österreichische Schriftsteller und Theaterkritiker Hans Weigel, der zusammen mit Alfred Grünwald für das in den Songtexten absurd-witzige Libretto von „Roxy und ihr Wunderteam“ verantwortlich zeichnet, Aufführungen untersagte – wohl da er sich von dieser Phase seines Schaffens distanzieren zu müssen glaubte. Einige Wiederaufführungen der Fußball-Operette in den vergangenen Jahren ernteten dann nur einen Unentschieden-Erfolg.

Die Komische Oper Berlin reiht ihre jüngste Premiere ein in ihre Paul Abraham-Retrospektive. Nach „Clivia“, „Viktoria und ihr Husar“ und dem „Ball im Savoy“ geht es nunmehr um den Fuß-Ball. Abrahams 1936 in Budapest unter dem Titel „3:1 für die Liebe“ uraufgeführte Operette hat Bühnenbildner Stephan Prattes mit großem Aufwand als musikalische Satire rund um König Fußball, der hier auch als Mond über der Szene leuchtet, ausgestattet. Einmal erhält am Premierenabend sogar ein Bühnenbild Applaus, als eine Miniatureisenbahn an einem riesigen Fußball entlang dampft. Dieser Fußball-Halbglobus auf der Drehbühne ist im Schlussbild auf der Innenseite mit Tribünen angefüllt, auf denen der gesamte Chor der Komischen Oper als ungarische Schlachtenbummler Platz findet. Ansonsten sind Orientexpress-Kisten und Strohballen, auf denen sich sogar Steppen lässt, die multifunktionalen Dekorationsteile.

Witzig wird in der Ouvertüre der Bogen zwischen Musik-Spiel und Fußball-Spiel geschlagen: Kai Tietje dirigiert beschwingt und zeigt die gelbe Karte; nach einem Foul wird ein Spieler mit zerbrochener Violine gegen einen Kollegen mit intaktem Instrument ausgetauscht.

Doch fehlt dem ersten Teil der Geschichte, in welcher die schottische Braut Roxy (Christoph Marti) am Tag der Hochzeit in einem Hotel in London ihrem Bräutigam (Johannes Dunz) davonläuft und mit der gerade im Pokalderby siegreichen ungarischen Fußballmannschaft im Orientexpress an den Balaton verschwindet, der erforderliche Kick.

Strafraum der Zoten

Nach der Pause verdichten sich das Tempo der Musik und die Abfolge absurder Gesangstexte (etwa „Lass dir einen Cocktail mixen von den kleinen Donau-Nixen“) zum Nonsens-Klamauk. Mit elektroakustisch verstärkter Gypsy Music, forciert jazzigen Klängen und ungarischem Idiom mit Paprika, kicken sich die Zwischentexte gerne in den Strafraum der Zoten. Das Anwesen des Vereinspräsidenten Baron Szalmary (Christoph Späth mit einer Lachnummer, wie ihr der Musical-Freund 1964 in „Mary Poppins“ wieder begegnet)  ist zugleich das Übungscamp der Fußballer für das Revanchespiel, wie auch der Feriensitz eines Mädchenpensionats unter der Fuchtel einer Gouvernante, die sich dann selbst in den Onkel Roxys verliebt: Sam Cheswick (Uwe Schönbeck) ist ein breit getretener, personifizierter Schottenwitz, der wiederholte Gesangsauftritte mit einem Spar-Couplet absolviert, welches als Ohrwurm in das irländische Lied „The Last Rose of Summer“  mündet; textlich proklamiert der Geizhals dabei eine konservative Grundhaltung, die jedwede Kritik an der Kunstform Operette wie an dieser Inszenierung – mit einem Mann in der weiblichen Hauptrolle – als reaktionäre Haltung geschickt abzufangen bemüht ist.

Trefflich in Szene gesetzt

Stefan Huber, Hausregisseur der „Geschwister Pfister“ (Ursli Pfister alias Christoph Marti, Toni Pfister alias Tobias Bonn und Fräulein Schneider alias Andreja Schneider), hat die Handlung gemeinsam mit dem Choreografen Danny Costello exakt einstudiert, mit temporeichen, virtuosen Bewegungsabläufen trefflich in Szene gesetzt. Köstlich und komisch sind die Vielfachauftritte in unterschiedlichen Rollen: Mathias Schlung als Hoteldirektor, Zollbeamter, Verwalter, Radiosprecher und Reporter sowie Andreja Schneider als Pensionatsleiterin Aranka von Tötössy, Stubenmädchen und ungarischer Zollrevisor. Zusammen mit Tobias Bonn – als dem in Roxy verliebten, aber standhaft korrekten Mittelstürmer und Mannschaftskapitän – und dem perfekt tanzenden und singenden Christoph Marti in der Titelpartie bildet sie den Dreh- und Angelpunkt der zur Travesty-Story umgewerteten Revueoperette.

Doch ist der Abend mit 3 1/4 Stunden deutlich zu lang geraten.

Unklar bleibt, wo in dieser Fassung, für die Regisseur und Dirigent gemeinsam verantwortlich zeichnen, das Original aufhört und wo die offenbar sehr freie Bearbeitung einsetzt, um „dem Original mehr Farbe und mehr Nachdruck“ zu geben (Kai Tietje). Die Komische Oper betont in ihrem Pressetext: „Die von den Nationalsozialisten propagandistisch genutzte Austragung der Olympischen Spiele 1936 geben Abraham und seinen Librettisten reichlich Stoff für ihre parodistische Sportoperette mit Sitte und Moral als ergiebigem Ziel für unterhaltsamen Spott!“

Sehr viel Jubel für das Team der Macher und für die Spielteams im Graben und auf der Bühne, rund um den Fußball und rund um Roxy.

  • Weitere Aufführungen: 7., 13., 15., 19., 27. Juni, 23., 24. August, 7., 22., 29. September, 3. und 6. Oktober 2019.
Foto: Iko Freese / drama-berlin.de
Applaus für des Bühnenbild. Foto: Iko Freese / drama-berlin.de

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