Gespenstische Tristesse: John Cale hat kompositorisch und filmisch seiner Kindheit nachgespürt


(nmz) -
Unter dem Titel „Dyddiau Du - Dunkle Tage“ begab sich der Rockmusiker John Cale zurück in seine walisische Heimat. Cales Geburtsort ist das karge Bergarbeiterdorf Garnant – heute ist dies ein verschlafener Ort, der von den Ruinen des einstigen Kohlebergbaus überzogen ist. In einem anderen Relikt industriellen Strukturwandels, der aufwändig für kulturelle Zwecke funktionalisierten Essener Zeche Zollverein dokumentierte der Sänger, Multinstrumentalist und Komponist – und seit jüngstem auch kreativer Filmemacher – auf fünf riesigen Leinwänden die aufwühlende Wiederbegegnung mit dem Ort seiner Kindheit.
12.07.2010 - Von Stefan Pieper

Vor allem: Zusammen mit einer Band spielte er den musikalischen Soundtrack zum visuellen Geschehen. Das in diesem Jahr im Ruhrgebiet stattfindende Festival „Theater der Welt“ bewies mit dieser Produktion einmal mehr seine couragierte Emanzipation gegenüber jedem Mainstream.

Das Dorf, in dem John Cale aufwuchs, war ein trister, harter, abweisender Ort. Fühlbar wird in gerade mal 45 Aufführungsminuten, warum der einstige Velvet-Underground-Mitbegründer seiner Heimat entfliehen musste. John Cale hatte lange den Ort seiner Kindheit besucht, dort ausgiebig jedes Detail aus subjektivem Blickwinkel gefilmt. Die nun im ehemaligen Essener Kokerei-Salzlager eingespielten Filmsequenzen verweigern sich jeder Erklärung und auch einer konsumierbaren Darstellung von „Handlung“. Vor allem die ausgiebigen Kamerafahrten durch ein gespenstisch leeres Haus laden - ähnlich wie in David Lynchs Filmen – eine unterschwellig bedrohliche Atmosphäre oft bis zum Siedepunkt auf. Karge Gebirgspanoramen atmen eine abgrundtiefe Tristesse – nicht nur wegen der in der Landschaft verstreuten Hausruinen, sondern auch durch die unterlegten psychotischen Synthesizer-Klangflächen. Von Cale und seiner Band live gespielt, steigert sich ein cineastisch-experimentell gehaltener, frei assoziativer Echtzeit-Soundtrack manchmal bis zu erschlagender Wucht. Und das, obwohl die Klangqualität der verteilten Funkkopfhörer das Live-Erlebnis fürs Publikum etwas relativiert. Das Gefürchtete und Verdrängte aus Cales Kindertagen kommt dem Publikum in der abgedunkelten Halle dennoch bedrängend nahe. Eine verfremdete Computerstimme näselt Protokolle aus einem kargen Überlebenskampf in bigottem, komplexbehafteten Klima.

Inmitten der ganzen aufwühlenden Klangwelt stehen ganze zwei Songs: Nach einer traurigen Klavierballade, wie sie auf Cales „Paris 1919“- Album vorkommen könnte, schreit ein zweites, von schleppenden Computerbeats angetriebenes Stück einen nie gestillten Hunger der Seele hinaus. So zumindest lautet eine mehrfach wiederholte Textzeile. Vieles von Cales berühmt gewordener expressiver Abbildungskraft ist in diesem Moment gebündelt, rückt eben diesen Song in einer Skala der stärksten Cale-Stücke auf ganz hohe Position. Auch visuell entblößt Cale sein Inneres aufs mutigste. Ganz nah zoomt die Kamera auf sein vor Anstrengung verzerrtes Gesicht. Es ist gezeichnet von physischer Strapaze, aber auch vom Getriebensein von der Last unbewältigter Vergangenheit. Horror verbreitet eine Sequenz mit Cale als Opfer einer Ertränkungsszene. An Orten wie diesen dringen die Kindheits-Alpträume bis ins erwachsene Jetzt vor.

So zieht „Dunkle Tage“ in gerade einmal 45 Minuten wie ein alles an sich reißender Sog in erdrückende Verhältnisse hinein. Kunst-Installation? Performance? Kein Etikett will so recht passen. Am Ende wirkt es fast wie eine Erlösung, als John Cale mit seinen Mitmusikern aus den Studiokabinen hervorkommt, sich in lässiger Freundlichkeit für den reichlichen Applaus bedankt.

Zuvor hatte Cale vor Medienvertretern die Beweggründe für sein aktuelles Projekt erläutert. Etwa, wie er die Kindheit in dem walisischen Bergarbeiterdorf erlebt habe: „Als Sohn eines englischen Vaters war ich sozusagen als Fremder in eine walisische Familie hineingeboren worden. Man ließ mich immer latent spüren, ein Fremder zu sein. Das ganze Dort war wie eine gespaltene Gesellschaft. Ich wollte da raus.“

Und wie er sich selbst auf Spurensuche begab: „Ich habe Ruinen besucht, vor allem das Haus meiner Kindheit. Es ging mir darum, als Komponist in diesen Ort ganz bewusst hineinzuhören, gleichzeitig habe ich mich bei dieser Arbeit sehr weit in visuelle Kunstformen hineingewagt. Ich habe mit einer 360-Grad Kamera ganz viele Details dieser Umgebung dokumentiert. Vieles erkannte ich wieder, sogar bestimmt Flecken auf der Wandtapete in der Ruine des einstigen Elternhauses.“

Dass sich die Band hier im „Off“ versteckt und das Live-Erlebnis der Band dadurch reichlich virtuell anmutet, ist gewollt: „Bilder und Musik wollen zusammen eine Geschichte erzählen. Das eine geht hier nicht ohne das andere. Deswegen ist diese Produktion auch ein Unikat, das nur an dieser Aufführungsstätte funktioniert. Daraus eine weitere Platte zu produzieren ist nicht vorgesehen. Während der Filmsequenzen kann sich das Publikum frei im Raum bewegen. Das Ziel ist erreicht, wenn sich das Publikum in das Haus meiner Kindheit mitgenommen fühlt.“

John Cale in Essen. Foto: Klaus Levebvre

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