Gigantischer Aufwand – „Der Freischütz“ im Konzerthaus am Gendarmenmarkt Berlin


(nmz) -
Am 200. Jahrestag der Uraufführung von Carl Maria von Webers „Freischütz“, die am 18. Juni 1821 im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt Berlin, dem heutigen Konzerthaus stattfand, inszenierte die katalanische Theatergruppe La Fura dels Baus diese Oper – ganz ohne Zuschauer im Großen Saal des Konzerthauses, aber live übertragen in alle Welt.
19.06.2021 - Von Peter P. Pachl

Der Gendarmenmarkt vor dem Konzerthaus war im Sommer schon oft Location für Kultur-Events. Das ungewöhnlichste davon fand wohl im Jahr 2000 statt, wo der gesamte Platz des Gendarmenmarkts als Spielort für die „Meistersinger“-Festwiese diente, während das Publikum auf einer die Straße überbauenden Tribüne Platz fand (ebenfalls von ARTE übertragen).

Zu Zeiten, als das Konzerthaus noch das Königliche Schauspielhaus war und damit auch die zweite Bühne der Königlichen Hofoper für die etwas kleineren Opernproduktionen, fanden hier so berühmte Uraufführungen statt, wie die von E. T. A. Hoffmanns Oper „Undine“ oder – vor genau 200 Jahren – die von Carl Maria von Webers Oper „Der Freischütz“.

Aufwändig wurde nunmehr das gesamte Auditorium im Großen Saals des Konzerthauses zu einer Gesamtbühne umfunktioniert, während das Publikum draußen bleiben musste: zu beiden Seiten der Freitreppe vor dem Konzerthaus platziert, konnten 500 Menschen in 250 Kreisen mit jeweils zwei Stühlen an diesem extrem heißen Sommerabend Webers „Freischütz“ live auf zwei LED-Wänden miterleben. Und ARTE Concert, im Verbund mit rbb, übertrug das Ereignis als Livestream auf die PCs der Opernfreund*innen nach Hause.

Der spannendste Teil dieser Neuinszenierung von Carlus Padrissa ist die Ouvertüre, in der in typischer La Fura dels Baus-Manier mehrere im Flugwerk hängende Tänzer*innen den ergänzenden Corpus zu einem übergroßen Hirschenkopf bilden; ein auf dieser Kunstanordnung festgeschnallter Mann wird galoppierend durch den Raum getragen, bis ein beherzter Schütze den Hirsch erlegt und den Gefesselten befreit. Aus den Worten des Erbförsters Kuno erfährt der Zuschauer wenig später, dass mit dieser Praxis in alten Zeiten die Wilddiebe bestraft wurden.

Ein entsprechender Spezialkran, der am Ende auch den Eremiten (Tijl Faveyts) schweben lässt, wurde eigens aus Barcelona herbeitransportiert. Das Innere des Konzerthauses wurde durch von den Kronleuchtern als Projektionsflächen herabwehende Schleierbahnen zu einer Filmdekoration verändert. Akrobat*innen in der Luft leiten mit ihren verspiegelten Handschuhen grüne Laserstrahlen. Gläserne Rohre stehen für Gewehrkolben, aber klassische Nebelschwaden füllen den klassizistischen Innenraum mit dem nur partiell schwarz abgedeckten Parkettboden.

Christoph Eschenbach leitet auf der Seite des Podiums das in ungewohnter Positionierung aufspielende Konzerthausorchester und hat die Koordination mit den oft wie entfernten Sänger*innen gut im Griff. Schon das Klarinettensolo in der Ouvertüre wird durch den stehenden Instrumentalisten herausgehoben, später sitzt zur Agathen-Arie „Und ob die Wolke sie verhülle“ konzertierend der Solo-Cellist neben der Sängerin im Saal. Für ihr „Kommt ein schlanker Bursch gegangen“ fordert Ännchen eine mit baumelnden Beinen auf der Kante des Podiums sitzende Karinettistin auf, „Spiel doch was!“ und bedankt sich anschließend auch bei ihr („Danke schön!“). In ihrer Romanze ist „Nero, der Kettenhund“ ein Tänzer in schwarzem Trikot mit weit heraushängender Zunge, der Ännchen auf ihr Klatschen für  die nachfolgende Arie auf den Armen trägt und ebenfalls mit ihr tanzt.

Offenbar mit Bezugnahme auf die Vergangenheit des Haues als Schauspiel sind die Dialoge in dieser Aufführung nicht gestrichen und auch nur unwesentlich gekürzt – den Dialog der zwei Jäger am Anfang des dritten Aktes erfolgt auf gegenüberliegenden Seiten des Ranges.

Der Rundfunkchor Berlin trägt in der ersten Szene Rucksäcke, die – laut Hinweis der Produzenten – die Umweltverschmutzung durch Besucher der Natur zum Ausdruck bringen sollen. Und in der letzten Szene watet eine Frau in einem Aquarium und fischt dabei allerlei buntes Plastik aus dem Wasser, bis sie verendet – ein Bezug zur der in diesem Haus uraufgeführten und von Weber positiv rezensierten „Undine“?

Zum Jägerchor (der am Ende dem Orchester musikalisch davonläuft) tragen die weiß gekleideten Brautjungfern blutige Plastikschürzen (Kostüme: Hwan Kim) und die Herren gießen aus Plastik-Trinkgefäßen, Marke Trinkhorn to go, Flüssigkeit in ihre brennenden Leuchten.

Die in Gerüsten geparkten Rucksäcke mit allerlei gehörnten Tierköpfen bilden die verfahrbaren Raumwände von Agathens Stube. Eine der von Technikerinnen in Ganztrikots geschobenen Wände droht beinahe auf die Solistin zu stürzen. Doch das Bild des Ahnherrn (ein photoshop-veränderter, gerahmter Druck des Kuno-Darstellers Franz Hawlata) fällt nicht von der Wand: bei aller Elektronik misslingt der klassische Requisitentrick mit „Knecht Nagel“.

Mit gewohnter Präzision verkörpert Anna Prohaska das Ännchen, in den Dialogen breit berlinernd. Aufgewertet ist die Partie des Kilian: kraftvoll gibt Viktor Rud den in Ännchen verlieben und von ihr besungenen „schlanke[n] Bursch“, dem sie die Hose herunterzieht um dann mit ihm zu tanzen.

Benjamin Bruns gestaltet den Jägerburschen Max jugendlich-dramatisch, aber mit permanentem Besorgnis-Ausdruck. Max schießt nach einem von einer Tänzerin gespielten schwebenden Raubvogel, aber das (als dessen Kralle?) bespielte Jäger-Beweisstück (ein Ästchen?) lässt sich im weiteren Spielverlauf schwer deuten.

Arg enttäuschend gerät der für ihre abenteuerlichen Umsetzungen bekannten Musiktheater-Formation La Fura dels Baus ausgerechnet die Szene in der Wolfsschlucht. Zu den von Librettist Friedrich Kind geforderten und von Carl Maria von Weber eindrucksstark komponierten Schrecknissen zählen hier als Feuerrad das Artisten-Doppelrad eines weiß gewandeten Paares und als „der Mutter Geist“ eine Erscheinung mit multipel bewegten schwarzen Handschuhen.

Offenbar ein Adoptivkind des Oberförsters Kuno soll die einzige farbige Künstler*in in diesem Ensemble verkörpern. Die Sopranistin Jeanine De Bique mit warmer Stimmführung, aber mit einem Frosch während der „fromme[n] Weise“ in „Nie nahte mir der Schlummer“, hat Mühe in den Dialogen, wie in der Textierung ihres Gesanges, etwa bei der Aussprache des Wörtchens „klar“ (wiederholt als „schklar“).

Besonders gute Figur mit souveräner Stimmführung bietet Mikhail Timoshenko als Fürst Ottokar. Christof Fischesser ist ein trefflich böse agierender und finster intonierender, sich schließlich selbst erdolchender Kaspar, während sein schwarz geflügelter Gebieter, Wolfgang Häntsch in der Sprechrolle des Samiel, in keiner Weise furchteinflößend ist.

Die Tonübertragung ist nicht immer ausgewogen, auch die Bildführung der Kameras hat mit den Imponderabilien einer einmaligen Live-Veranstaltung zu kämpfen.

Die pausenlose, gut zweistündige Aufführung wird durch keinen Applaus unterbrochen; nur die Kiepen mit weißen Blüten tragenden Brautjungfern applaudieren Ännchen für ihre vorangegangene Nummer.

Am Ende beklatschen die Mitwirkenden – darunter auch Technike*innen und Requisiteur*innen im Kostüm – ihre Leistungen gegenseitig.

Ein gewagtes, nur partiell gelungenes Unternehmen – doch die angekündigte „aufregende neue Deutung der romantischen Oper“ zum „Jubiläum von Haus und Werk“ war dies leider nicht.

Originell ist hingegen ein Comic-Band über die Zeiten des Schaupiel-Konzerthauses, köstlich gezeichnete Geschichten über E. T. A. Hoffmann, Carl Maria von Weber, den preußischen König Friedrich Wilhelm III., Niccolò Paganini, Theodor Fontane, Marlene Dietrich, Gustaf Gründgens, Leonard Bernstein – und schließlich über das Konzerthausorchester; aber auch über die deutsche Geschichte rund um diesen Kulturtempel (Felix Pestemer / Annette Zerpner / Jörg Zägel: Alles bleibt anders. Das Konzerthaus Berlin und seine Geschichte(n). avant-verlag).

Vielleicht macht sich für die TV-Übertragung in Arte oder für die wohl auch nicht ausbleibende DVD des „Freischütz“-Events noch eine Post Production ans Werk, die dann, wenn der Hinterkopf eines Choristen den Solisten in der Nahaufnahme verdeckt oder wenn das vermaledeite Gemälde des Ahnen nicht herunterfallen will, auf den Mitschnitt der Generalprobe ausweicht.

  • Weiter verfügbar auf ARTE Concert.

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