HerrINNENschaft – „Magna Mater“ im Berliner Zirkus Mond


(nmz) -
Das Musiktheaterkollektiv tutti d*amore betitelte seine neueste Produktion mit dem lateinischen Namen der Göttin Kybele. In antiken Kulturen bereits vor den Römern verehrt, beschreibt „Magna Mater“ auch das allgemeine Konzept einer über allem thronenden Muttergöttin: Einige Thesen führen die Verehrung einer Magna Mater sogar bis in die Zeit vor zehntausend Jahren zurück, als gerade Ackerbau begann sich durchzusetzen. In einer fernen Zukunft, in der ein paradiesisch genießendes Matriarchat rigoros herrscht, spielt nun die Stückentwicklung mit dem Untertitel „Oper*ette. Apokalypse“.
12.08.2021 - Von Konstantin Parnian

Als musikalisches Material dienten Regisseurin Anna Weber und Dramaturgin Deborah Meier „Die schöne Galathée“ von Franz Suppè und „Lysistrata“ von Paul Lincke. Die mehrfach wechselnden Kostüme und den Bühnenraum gestaltete Tatjana Reeh. Die Musikalische Leitung hatte Paul Heller inne, der auch die Arrangements schuf. Mit dem 2018 errichteten Zirkus Mond als Austragungsort fand die Premiere mitten im Milieu der Berliner Subkultur statt.

Eingebogen in einen Ausläufer der Greifswalder Straße im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg erscheint eine belebte Halfpipe, auf der sich Skater tummeln und manchmal auch Bands spielen — gleich dahinter verteilte Holzverschläge, in denen sich Künstler*innen und Kollektive zur Arbeit zusammenfinden — drum herum jede Menge Graffiti-Wände voller Tags und Pieces. Ein paar Dutzend Meter vor dem Zelt am Ende des Geländes ist der Einlass. Dem Nachweis von Test oder Impfung folgt die Aufteilung in zwei Gruppen: Alle treten einzeln Sängerin Gina May Walter gegenüber, die eine der Oraklerinnen verkörpert. Nach kurzem intensivem Augenkontakt lässt sie entweder passieren oder schickt nach rechts zum dicht gedrängten Kreis der zweiten Gruppe. Eine nach dem Anderen wird hier selektiert und zugewiesen: in starkes Geschlecht, oder Mann – bzw. Männlein, wie die „Magnas“ gerne sagen. Die Unterschiede in dieser Gesellschaft sind deutlich, die Stellungen klar und die Rollenbilder gefestigt. Das erfährt auch das Publikum: der „weibliche“ Teil darf sich frei zu bequem gepolsterten Stühlen bewegen oder an der Bar auf Hochhockern niederlassen. Der „männliche“ Teil trottet im Block hinein, wird auf Klappbierbänken zusammengepfercht und durch ein Seil eingezäunt.

Macht in ihren Händen

Beiden Gruppen stehen Mitglieder des sängerisch wie darstellerisch vollends überzeugenden Berliner Heart Chors zur Seite: hier infantil devote Männer, dort überlegen herrschende Frauen in Smoking, Fliege und Hut. An ihrer Spitze Gina May Walter temperamentvoll in wechselnden Rollen: Als Showmasterin im Westernkostüm moderiert sie mit lässiger Südstaaten-Manier das Theater auf dem Theater. „Die schöne Galathée“ ist eingebettet als Ritual, das an die verhasste Vergangenheit erinnert: „Long time ago men ruled the World… Disgusting!“ – Ekel und Verachtung gegenüber dem primitiven Maskulinen sprudelt aus den Sätzen. Dann schlüpft die Sopranistin in die Rolle der hoheitsvollen Venus, reißt mit goldglänzenden Schwingen und blond strahlenden Schamlocken die Aufmerksamkeit an sich. Von der personifizierten Versuchung zum Menschenversuch: In der anschließenden Laborszene gibt sie die Figur der Frau Dr. Dr. med. Ballsplitter als eiskalt kalkulierende Anatomin, für die der Körper der unterlegenen Männer gerade mal als mittelklassiger Forschungsgegenstand herhalten kann. Lodernder Fokus und fesselnde Präsenz ziehen in den Bann: ob Gina May Walter in feinster Klarheit ihrer britischen Muttersprache monologisiert oder dramatische Gesangskraft walten lässt.

Ebenso energiegeladen charakterisiert Caroline Schnitzer mit kernigem Mezzosopran ihre Figuren, die alle zwischen bevormundend und mütterlich vagieren. Mit liebevoller Strenge leitet sie den „Wölkchenchor“ – die Zuschauer*innen in der Männerfraktion haben mitzusingen. Später als Frau Dr. Dr. med. Eimer-Milchschnitte überspitzt, grotesk und schwäbelnd melkt sie die für den Erhalt des Matriarchats so essentiellen Hoden: der einzige Grund, warum sich die Magnas überhaupt noch ihren niederen Geschlechtergegenpart leisten. Denn erotische Beziehungen führen sie längst ausschließlich untereinander. Wie glücklich die Entledigung alter Geschlechterrivalitäten macht, zeigt besonders die Szene mit Stella Hanbyul Jeung, die ihren frenetisch vibrierenden Sopran bis in höchste Gefilde strahlen lässt. Stimmlicher Verve für die leidenschaftliche Romanze: Als bräuchte es Männer, um zu lieben.

Sein plumpes Sein

Gleich Narren in skurril klumpige Kostüme gesteckt spielen die beiden Tenöre des Solo-Ensembles die Witzfiguren in hämischer Erinnerung an die unzivilisierte Vergangenheit. Tumb stapft Pygmalion, gegeben von Ferdinand Keller, als ranziger Säufer umher, kratzt sich an der Wampe und stößt grummelnd-glucksende Rülpslaute aus, kurz: Dieser „Typ A“ ist der Säufer wie aus dem Bilderbuch. Der „Typ B“ – Ludwig Obst verkörpert den Mydas – ist in seiner gehoben machohaften Art auch nicht besser. Gemecker macht ihn zum verbohrten Griesgram. Im späteren Verlauf dürfen sie noch ihre stimmliche Brillanz auffahren, kommen dabei aber gezielt zu kurz. Zu Recht in Anbetracht des Übergewichts männlicher Gesangsparts im konventionellen Opernrepertoire.

Aber da ist noch die andere Art von Spiel: Bei einer Zirkus-Show werden die Klingen zum Messerwerfen gezückt. Nachdem die Magnas eins der unwissenden Männlein erwählen, raunt es aus dem Gestammel der Schicksalsgefährten: Nicht immer trifft der Wurf wohl daneben. Der letzte Kandidat verlor dabei sein Leben. Der jetzige erstarrt vor Furcht als die Messer sausen und kehrt noch schlotternd verstört an seinen Platz zurück.

Revolution ehe frau sich versah

Nach der Pause im Zelt schwingen die Magnas wie am politischen Stammtisch selbstverherrlichend ihre Reden, stolzieren dabei ausschweifend herum, nehmen Raum ein. Währenddessen brodelt sich draußen etwas zusammen. Erst erklingen sie verhalten durch die Zelthaut, dann werden die Parolen immer lauter: Skandieren, Singen, Marschieren. Plötzlich brechen die Männlein durch die Öffnung – und werden von den Magnas erstmal ausgelacht. Verunsichert ermutigen sie sich wieder und stürzen in die furiose Schlussprügelei.

Epiphanie im Epilog

Alles stockt, gerät ins Wanken – die Zeit steht still, als sich elektronische Klänge erheben. Das Sounddesign von Maria Solberger schlägt eine Brücke von klassischen Klängen hin zu wabernden Beats. Im Donnern der Boxen löst sich der Groll der Geschlechter auf. Der besessene Kampf wird zum nervösen Zucken, zum Tanz! Danach nur der Gang ins Licht einer ungelüfteten Zukunft.

Es endet ein Abend, der so intelligent um Ecken denkt und führt, dass, wenn der Schwindel sich legt, die Gedanken klarer sind als zuvor. So lustig-lieblich die Operettenmelodien kreisen, so heftig der Zorn derer, die hier den Ton angeben. Die Wut speist sich aus den schmerzlichsten Erinnerungen und reflektiert einen Abglanz von all dem Leid, das man Frauen antat. Doch gerade diese Stimmen – viel zu lange stumm gehalten, stumm geblieben – flüstern sanft: Es ist noch nicht zu spät, um zusammenzufinden. Aber es wird nicht leicht.

Bis heute ist umstritten, ob es matriarchale Strukturen in der Frühzeit menschlicher Entwicklungen gab. Dass patriarchale Strukturen den Lauf der besser dokumentierten Vergangenheit maßgeblich prägen, erkennt jeder, der sich mit Geschichte befasst.

Ob gegen die Spaltung der Gesellschaft gar die in die Jahre gekommene Gattung Operette etwas ausrichten kann? Schon seit einiger Zeit regt sie sich wieder, scheint neu aufzublühen. Dass die Künste vermögen, vereinfachende Aufteilungen in schwarz und weiß intelligent zu reflektieren, um so tiefer zum Nachdenken zu bewegen, hat dieser Abend allemal bewiesen. Aber der Kampf gegen das unerträgliche Leid dauert an. Daran führt kein Weg vorbei.


  • Mitwirkende: Gina May Walter, Stella Hanbyul Jeung SOPRAN Caroline Schnitzer MEZZOSOPRAN Ferdinand Keller, Ludwig Obst TENOR Maria Solberger SOUND DESIGN Anna Weber REGIE | KONZEPT Tatjana Reeh BÜHNE | KOSTÜM Deborah Meier DRAMATURGIE Elisa Künast REGIEASSISTENZ Maria Färber ASSISTENZHNE/KOSTÜM Fraser Bowers TONTECHNIK Yannis Hahnemann LICHT Angelika Wirth, Javier Aguilar Bruno, Lorenz Blaumer, Frauke Farwick, Inga Sander, Marta Carvalho Foley, Raphael Salaün, Yuriy Nepomnyashchyy, Sonja Engelhardt, Minhye Ko ORCHESTER Paul Heller MUSIKALISCHE LEITUNG | ARRANGEMENT Artschi Loyan KORREPETITION Heart Chor Berlin / Oh My Choir CHOR Danilo Timm CHORLEITUNG Adi Brief MITARBEIT PRODUKTION Enrico Mina ÖFFENTLICHKEITSARBEIT

Das könnte Sie auch interessieren: