Historismus der Moderne: die Rekonstruktion des Wiener „Skandalkonzerts“ von 1913


(nmz) -
Die musikalische Moderne entzweite das Publikum in den europäischen Metropolen zu Beginn des 20. Jahrhunderts und führte immer wieder zu lautstarken Kontroversen in Konzerten oder Opernaufführungen. Die handfesten Auseinandersetzungen, die ein Konzert am 31. März 1913 auslöste, wurden Legende: Arnold Schönberg dirigierte im Saal des Wiener Musikvereins, musste aber abbrechen. Mit klammheimlicher Freude berichtete die örtliche Presse von der Ohrfeige, die einer der Veranstalter verabreichte und damit das Fass zum Überlaufen brachte, allgemeinen Tumult und handfeste Auseinandersetzungen sowie den Abbruch der Veranstaltung auslöste.
07.04.2013 - Von Frieder Reininghaus

Freilich wurde erst im Laufe der Jahre dieser musikalische Märzsturm von Parteigängern der Moderne zum „größten Skandal der Musikgeschichte“ erhoben. Genauer betrachtet war die reaktionäre Randale einige Wochen später bei der Uraufführung von Waslaw Nijinskis Ballett „Le Sacre du Printemps“ mit Musik von Igor Strawinskys in Paris weit gravierender und nachhaltiger – aber Mythen pflegen, zumal im deutschsprachigen Raum, gerne über Tatsachen zu triumphieren.

Das so genannte Wiener „Skandalkonzert“ wurde jetzt vom ORF-Orchester unter Leitung von dessen Chefdirigenten Cornelius Meister am Originalschauplatz, dem Wiener Musikverein, rekonstruiert – und was da im goldglänzenden Großen Saal des Wiener Musikvereins zu Gehör kam, war von Anfang bis Ende hochexpressive Musik: Fünf weithin klangsinnliche und mitunter vom hörbaren Willen zu strikter Organisation der Motive und Orchesterfarben bestimmte Stück- oder Liedfolgen, die übers Fin de siècle noch nicht sehr weit vorgerückt waren.

Es ist für heutige Ohren nur über komplizierte theoretische Umwege nachzuvollziehen, was im Frühjahr 1913 ein von Eduard Hanslick über Jahrzehnte hinweg auf die Brahms-Ästhetik eingeschworenes und in silberner Operettenseligkeit alterndes Publikum dazu veranlasste, das von Schönberg dirigierte Programm vorsätzlich durch Lachen und Krakeelen sowie mitgebrachte Pfeifchen und andere Lärmerzeuger aufzumischen.

Der Genauigkeit halber muss eingeräumt werden, dass damals beim Programmpunkt 2 – Alexander Zemlinskys Gesängen nach Texten von Maurice Maeterlinck, das Publikum sich vergleichsweise ruhig verhielt. Diese symbolistischen Märchengesänge waren freilich auch vor hundert Jahren bereits eine Musik des „Es war einmal“, zutiefst nostalgisch in ihrem spätberufenen Märchenton, mit dem „das Schloss geöffnet“ erscheint „im Wiesengrunde“ zur Mittagsstunde und drei Schwestern, die güldene Kronen vererben wollen.

Ästhetisch rigider war da Anton Webern zu Werk gegangen bei seinem op. 6, sechs aphoristisch kurzen Stücken für einen Orchesterriesenapparat. Aber auch das wird von den Nachgeborenen längst als intelligente und in ihren charakteristischen Facetten klangschöne Musik erachtet. Von ihr geht nicht mehr die geringste Schock-Wirkung aus. Bei unseren Großvätern und Urgroßmüttern aber löste sie eben Unruhe und Unmutsbekundungen aus wie die nervöse Lineatur und die hochfahrenden Klangfanfaren der Kammersymphonie E-Dur des Konzertgebers.

Während der nachfolgenden Altenberg-Lieder von Alban Berg schwoll 1913, trotz der mahnen Worte des anwesenden Polizeikommissärs, der Krawall derart an, dass einer der Veranstalter vom Podium herab lautstark Ruhe forderte. Ein konservativer junger Arzt und Operettenkomponist vorn im Parkett schimpfte ihn einen „Lausbuben“, worauf jener vom Podium sprang und den Zwischenrufer ohrfeigte. Der Zwicker fiel zu Boden. Dies geschah – wie Arthur Schnitzler in seinem Tagebuch vermerkte – „unter athemloser Stille der Anwesenden“. Die „Watschen“ entfachte dann einen derartigen Aufruhr, dass der Abbruch des Konzerts vor dem letzten Programmpunkt geboten schien – vor Gustav Mahlers „Nun will die Sonn’ so hell aufgeh’n!“

Die um Schönberg gescharte musikalische „Fortschrittspartei“ versammelte sich im Café Museum und schrieb einem abwesenden Freund gemeinsam eine Ansichtskarte: „Wieder ein schöner Abend der Unvergeßliches brachte.“ Man feierte die Saalschlacht als Sieg, der durch eine anschließende Gerichtsverhandlung noch unterstrichen wurde. Zu der war u.a. auch der Operettenkomponist Oscar Straus als Zeuge geladen und entblödete sich nicht, auf die Frage, ob er die Ohrfeige gehört habe, zu antworten, sie sei „das weitaus Klangvollste des ganzen Abends gewesen“.

Doch trotz des Nachtretens von Repräsentanten der Wiener Operettenästhetik konnten diese nicht verhindern, dass sich die überregionale Aufmerksamkeit der Moderne zuwandte. Der März-„Skandal“ verhalf dieser wie nichts anderes zum „Durchbruch“ – zu internationaler Anerkennung, wiewohl Schönberg selbst die Auseinandersetzungen von 1902 um die erste Aufführung seines Streichsextetts „Verklärte Nacht“ für gravierender hielt und insbesondere die Bekämpfung seines Zweiten Streichquartetts 1908 im Bösendorfersaal. Wohl auch wegen der mit Anekdoten angereicherten Rivalität des Skandalträchtigen zwischen Paris und Wien wurde von der Publizistik der „Fortschrittspartei“ der März 1913 als Termin des „Durchbruchs“ durchgesetzt.

Das Radio Symphonieorchester Wien brillierte beim Skandalerinnerungskonzert mit dem Nachhall des Hybrid-„Romantischen“ bei Mahler, Zemlinsky und Schönberg, bestach mit Weberns Akkuratesse und tauchte lustvoll kurz in die Bohème-Nobilitierung Bergs. Dessen Gesänge aus einer Zeit, die längst vergangen ist, brachte Christiane Oelze mit tiefem Ausschnitt in Erinnerung, während Iris Vermillion die „Kindertotenlieder“ mit warmem Timbre in ihrer ganzen Unverhältnismäßigkeit der Mittel, als ein nach wie ‚extremes‘ Werk aufblühen ließ.

Cornelius Meister schuf mit zugleich agil klarer und engagiert körperbetonter Zeichengebung die besten Voraussetzungen dafür, dass der Riesenapparat seine Kompetenzen vorführen konnte. Das in unterschiedlichen Graden domestizierte Triebleben der Klänge homogenisierte sich dabei in bemerkenswertem Maß. Bei Schönbergs op. 9 wurde die motivisch-thematische Arbeit höchst plastisch herausprozessiert und regte intellektuelles Vergnügen ebenso an wie das Gefühl, in eine Badewanne versetzt worden zu sein, in der eben jene Motive entgleiten wie die Seife im schaumgekrönten Wasser.

Das musikalische Wien sonnte sich, was es ganz überwiegend tut, im Glanz vergangener Tage und bekam bei dieser Gelegenheit wieder einmal gesagt, dass das temporäre „Vergessen“ der nunmehr gebündelt wieder aufgeführten Musik der nationalsozialistischen Ächtung geschuldet gewesen sei. Ohne diese im Geringsten leugnen zu wollen, liegt der Anfangsverdacht nahe, dass für die Defizite der Rezeptionsgeschichte die Nachkriegszeit mit ihren Nazi-Kontinuitäten und den restaurativen Beharrlichkeiten in den Jahren des Kalten Kriegs mindestens ebenso gravierend waren wie die sieben Jahre während des großen Kriegs.

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