Hologramm und Tinnitus: Die Donaueschinger Musiktage 2022 sind zu Ende gegangen


(nmz) -
Mit einem Violinkonzert von Peter Ruzicka sind die Donaueschinger Musiktage 2022 zu Ende gegangen. Mit ihrem vom Komponisten als vox humana begriffenen Geigenspiel packte Carolin Widmann ihre Zuhörerschaft vom ersten bis zum letzten Ton, berührte sie. Der Preis des SWR-Symphonieorchesters 2022 ging aber an jemand anderen: Die polnische Sängerin und Komponistin Agata Zubel überzeugte Orchester und Publikum als Hologramm-Solistin in ihrem Orchesterstück „Outside the Realm of Time“.
16.10.2022 - Von Andreas Kolb

Eigentlich sind Hologramme im Konzert kein wirkliches Novum, aber Zubels Orchester-Hologramm-Show ließ einen dann doch staunen. Eine erste Tendenz nach über 30 erlebten Uraufführungen? Der Tinnitus, wie ihn Smetana in seinem e-Moll-Streichquartett („Aus meinem Leben“) so plastisch musikalisch ausformuliert hat, feiert auch in der Gegenwartsmusik in etlichen Werken wenig erfreuliche Urständ. Ob es an Hörschädigung durch exzessives Hören elektronisch verstärkter Musik liegt, am persönlichen Ausdruckswillen der Kreativen oder ganz banal an technischen Problemen – das Ohrenleiden war omnipräsent, mal als Rauschen im Hintergrund, mal als pfeifende Obertonreihe oder flirrende Reibung moderner Mikrotonalität.

Nicht wenige Werke hinterließen den Eindruck, dass trotz origineller kompositorischer Einfälle und professioneller Machart nach zehn Minuten alles gesagt war und Redundanzen den schönen Auftakt zunichte machten. Nicht so das Stück „weiter und weiter und weiter…“ fürs Ensemble Modern von Georg Friedrich Haas. Zwei Flügel im Vierteltonabstand gaben mikrotonalem Pulsieren Stabilität; ein bestgelauntes Ensemble Modern frönte musikalischem Geschwindigkeitsrausch, dem Haas nicht nur Lust am technisch Machbaren abgewann, sondern auch biografische und aktuell politische Aussagen.
Am Ende zitierte Haas Haydns Abschiedssymphonie als Statement im Hölderlinschen Sinne: Frei sei der Mensch, aufzubrechen! Wir haben immer die Möglichkeit aufzustehen und wegzugehen.

Im goldverzierten Spiegelsaal des MuseumArt.Plus fand eher im Stillen und außerhalb des hektischen Meet and Greet des Festivalbetriebs die Verleihung der FEM-Nadel an die Jeunesses Musicales für den Bundeswettbewerb Jugend komponiert statt. „Zeigen Sie mir, was in mir steckt“. Dieser Wunsch eines jugendlichen Teilnehmers an seinen Kompositionsmentor drückt die Essenz des Wettbewerbs Jugend komponiert aus. Der Wunsch nach dem Coming Out als Komponist oder Komponistin ist für viele Kinder und Jugendliche ein unerfüllbarer. Sie haben in der Regel keine Gleichgesinnten im Umfeld und im Instrumentalunterricht kommt das Komponieren entweder zu kurz oder einfach gar nicht vor. Die Mentoren und Gründer von Jugend komponiert, das waren vor über 30 Jahren die Komponisten Theo Brandmüller, dann Martin Christoph Redel. Heute führt Philipp Vandré deren Arbeit fort. Sie alle versuchten und versuchen, jungen Tonsetzer*innen Mittel an die Hand zu geben, die in ihnen steckenden Talente zu erkennen und zu entwickeln.

Insofern war es an der Zeit, dass die FEM-Nadel, die höchste Auszeichnung der Fachgruppe Ernste Musik im Deutschen Komponist:innnenverband, erstmals nicht an eine verdiente Persönlichkeit, sondern an eine Institution ging. Laudator Orm Finnendahl zeichnete einfühlsam nach, wie viele engagierte Einzelmenschen hinter einem derartigen Projekt stehen, um es zur Wirkung zu bringen.

Einen ausführlichen Bericht von den Donaueschinger Musiktagen 2022 unseres Autor Gerhard R. Koch lesen Sie in der neuen musikzeitung 11/2022.

Von rechts: Alexander Strauch und Johannes K. Hildebrandt vom Deutschen Komponistenverband überreichen die FEM-Nadel an Johannes Freyer und Philipp Vandré. Foto: Andreas Kolb

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