Holophonische Musik in Detmold: Stefan Lienenkämper erforscht einen virtuellen Konzertsaal


(nmz) -
Seine Musik zielt auf den Gesang. Am Ende der „frame/24”, einer „Holophonie für Altstimme und zwölf Instrumente“ des in Berlin lebenden Komponisten Stefan Lienenkämper füllt die erstklassige Stimme der Altistin Sandra Botor ganz allein den in neuem Glanz des allüberall in helles Holz und weiches Licht getauchten neuen Konzerthauses in Detmold.
20.05.2009 - Von Andreas Schwabe

Ihre letzten Worte aus einem Sonnet von William Shakespeare verdichten noch einmal eine immer wieder neu gestellte Frage nach dem eigenen Sein im Innen und Außen, nach den Schwingungen zwischen eigenem Selbst und der Außenwelt.

Eine Frage, die sich nach der Erweiterung des menschlichen Raumes um die virtuelle Welt des internetalen Raumes für die heutige Generation wieder ganz neu und ganz anders stellt. Und eine Frage, die seit dem neunten Mai nach der Installation einer in dieser Form und Funktion weltweit einmaligen Wellenfeldsynthese in der für 7,5 Millionen Euro komplett durchrenovierten ehemaligen Neuen Aula der Hochschule für Musik Detmold auch das Erlebnis von Konzerten um eine grundlegende Dimension erweitert: der Holophonie.

Der Begriff ist der Raummalerei durch Laserlicht entnommen. Dort beschreibt er die Möglichkeit dreidimensionale Lichtbilder in beliebiger Weise in einen beliebigen Raum zu stellen oder dort zu bewegen. Eben dieses kann im Detmolder Konzerthaus jetzt mit Musik gemacht werden. Sie kann mit Hilfe von 325 Kanälen über ein hochspezialisiertes Lautsprechersystem, von denen sich einige einmalig in Deutschland auch im Deckenraum befinden, virtuell innerhalb oder auch den optisch gegenwärtigen Raum nach außen überschreitend an nahezu jedem beliebigen Ort positioniert werden. Mehrere schrankgroße Rechner im Keller steuern dieses hochkomplizierte System, das gegenüber der Stereophonie, dem Dolby Surround oder einer Fünf-plus-eins-Beschallung so etwas wie einen Quantensprung in der Raumklang-Erzeugung darstellt.

Eben diese Möglichkeiten hat der erste Preisträger des von der Hochschule ausgeschriebenen Kompositionswettbewerbes in einer ungemein sinnlichen Weise zu einer das Publikum des festlichen Eröffungskonzertes begeisternden Verschmelzung von „realem” und „virtuellem” Musizieren verdichtet. Ungemein vorsichtig atmend, schwebend oder auch wehend, erforschten die Motive einzelner Instrumente den Raum, wurden von der „virtuellen Welt” aufgegriffen und durch den Raum gesandt, so dass sich das musikalische Geschehen mehr und mehr verdichtete, ohne je unübersichtlich zu werden, bis dann im zweiten Teil der Komposition die Sängerin mit zunehmender Intensität das „Wort” ergriff, und mit Shakespeare nach ihrem Sein im Raum fragte. Dieses einmalige Klangerlebnis trugen die junge Dirigentin Patricia Doser und die beiden Tonmeister Tom Philipp Krause und Robin Bös in ihren immer sicheren Händen.

Die Wellenfeldsynthese wurde nicht nur in dem Konzerthaus sondern in etwas minimierter Form auch in einem neuen Regieraum eingebaut, so dass die Ausbildung der Tonmeister weiterlaufen kann, wenn im Konzerthaus ganz „normale” Konzerte stattfinden.

Der neue Leiter der Tonmeisterausbildung im Erich-Thienhaus-Institut Professor Dr. Ing. Mute Kob, freut sich auf die heute noch nicht einmal annähernd abschätzbaren Möglichkeiten, die sich aus der Wellenfeldsynthese für Ausbildung und Forschung gleichermaßen ergeben. „Die Hochschule für Musik Detmold ist mit dieser Einrichtung weltweit ganz vorne. Man wird von uns hören.”, betonte er im Gespräch mit der nmz.

Vom 12. bis zum 14. Juni 2009 lädt die Hochschule für Musik Detmold zum Internationalen Tonmeisterkongress über das Thema „Neue Wiedergabeverfahren für Musik/ Wellenfeldsynthese in Detmold” Näheres unter: www.eti.hfm-detmold.de/wfs2009

 

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