Hommage an Leo Fall und Talentschmiede: Der 19. Operettenworkshop des Forums Dirigieren


(nmz) -
Zum 19. Mal wurde die Musikalische Komödie Leipzig zum Veranstaltungsort des Operettenworkshops im Forum Dirigieren des Deutschen Musikrats. Mit Musikdirektor Tobias Engeli, dem Orchester, Chor und Solisten erarbeiteten Simon Edelmann, Artem Lonhinov und David Preil die musikalische Leitung zu einer konzertanten Aufführung von Leo Falls „Die Straßensängerin“. Roland H. Dippel besuchte die Generalprobe.
09.01.2023 - Von Roland H. Dippel

Manche Jubiläen werden sträflich vernachlässigt. Eines von ihnen ist der 150. Geburtstag des am 2. Februar 1873 in Olmütz geborenen und 1925 in Wien verstorbenen Operettenkomponisten Leo Fall. Die Musikalische Komödie Leipzig hat derzeit dessen „Dollarprinzessin“ im Repertoire. Ansonsten Ebbe: Keine „Madame Pompadour“, kein „Fideler Bauer“ auf den Spielplänen mitteleuropäischer Theater – oder diese sind gut versteckt. Dagegen konnte nicht einmal Stefan Frey etwas ausrichten. Das Fundstück des 19. Operettenworkshops des Deutschen Musikrats war sogar für den Redakteur des Operetten-Boulevard des BR und Autor der Biographie „Leo Fall - Spöttischer Rebell der Operette“ (2010) neu. Die Handlung des Leipziger Fall-Trostpflasters „Die Straßensängerin“, bei dem die Beteiligten drei Tage für die Vorbereitung des Aufführungsmaterials benötigten, nimmt die von „My Fair Lady“ vorweg. Durch eine Wette wird aus der Straßensängerin Sonja innerhalb von drei Wochen der gefeierte Filmstar Anita de Cabarreros. Für die laut Wikipedia 1922 entstandene „Straßensängerin“ nennt das Programmblatt der Veranstalter weder Textdichter noch Uraufführung.

Bei der Generalprobe zu den beiden Konzerten am 7. und 8. Januar, der um eine Stunde zeitversetzen Übertragung durch MDR Klassik und Deutschlandfunk Kultur mit Stream-Link in der Mediathek galt „same procedure as every year“ nicht ganz. Roland Seiffarth, vor 20 Jahren Mitbegründer des Operettenworkshops und Ehrendirigent der MuKo, war nicht dabei. Tobias Engeli, kommissarischer Musikdirektor, schickte, wie seit seinem Vorgänger Stefan Klingele beim Operettenworkshop üblich, die Teilnehmer mit einem vollständigen unbekannten Werk vor das Orchester.

Für die Meisterung der Kompliziertheiten, welche durch Melodram, Musiknummern und Tänze in Operetten generell für die dirigentische Feinmodellierung entstehen, ist Leo Fall ein idealer Tummelplatz. Die Übergänge von Dialogen in die Musik gehörten beim Dirigentenworkshop 2023 weniger zum Programm, weil es zur Moderation von Beatrice Schwartner klare Schnitte gab und die Dialog weitgehend gestrichen wurden. In Falls teilweise groß angelegten Musiknummern steckt noch viel von der früheren Operetten-Generation Strauß’ und Millöckers. Neu sind filigrane Instrumentaleffekte, dazu Banjo mit Saxophon für die seit 1920 immer mehr in die europäischen Operetten eindringenden Figuren aus Amerika. „Die Straßensängerin“ enthält mit Mabels „Shimmy“-Nummer eine bekannte Zugnummer.

Die drei jungen Dirigenten unterschieden sich in Temperament und Klang-Physiognomie weniger als im Vorjahr. Unverändert beeindruckt, wie die metiersicheren Gesangssolisten, der Chor (präpariert von Mathias Drechsler) und das Orchester der Musikalischen Komödie sowohl die Kompetenzen eines der wenigen Repertoiretheater für Operette und Musical einbringen, bei Koordinationspannen unbestechlich sicher bleiben und sich dabei immer sofort auf die verschiedenen Arbeitsmethoden der jungen Orchesterleiter einlassen.

Als einziger der drei ist bisher David Preil, Studienleiter mit Dirigierverpflichtung am Theater Hof, im Festengagement. Er führt das Orchester mit klaren, deutlichen Bewegungen. Sicherheit scheint ihm bedeutsamer als Details und Raffinesse. Preils Tempowahl ist immer in bestmöglicher Optimierung für Sänger und Orchester. Operette erklingt bei ihm, wie sie sein soll, und weitgehend überraschungsfrei.

Simon Edelmann ist wie Preil ein Absolvent der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar. Er zeigt für potenzielle Knickpunkte zwischen Sängern und Orchester hohe Achtsamkeit, fordert das Orchester zu Flexibilität und Geschmeidigkeit zu den dramatischen Situationen. Edelmann liebt Walzer und schmelzende Ensembles mehr als Märsche und gibt den Ensembles auffallenden Farbreichtum.

Mit akzentuierendem Feinsinn agiert der ukrainische Geiger und Dirigent Artem Lonhinov. Vielleicht durch seine Affinität zur Geige bringt er es zwischen den Stimmen und Orchester zu aparten Mischungen, motiviert die Instrumentengruppen zu mehr Subtilität und erhöht durch feine Gesten die Konzentration der Mitwirkenden.

Insgesamt erweist sich „Die Straßensängerin“, die um ein Fall-Medley, der Ouvertüre zu „Die geschiedene Frau“, einem Entr'act aus „Der fidele Bauer“ und dem Finale aus „Die Dollarprinzessin“ erweitert wurde, fast komplizierter als Erich Wolfgang Korngolds Fall-Bearbeitung „Rosen aus Florida“ beim Operettenworkshop 2019. Man bekam mit, wie komplex die Operetten-Scharniere zwischen forschen und filigranen Akzenten sein können, zumal mit dem Comeback der Gattung die qualitativen Ansprüche des Publikums größer werden. Klischees sind bei Operette also inzwischen tabu. Unbedenklichkeit und Leichtfertigkeit zeigte keiner der drei Operettenworkshop-Teilnehmer. Jedem war es ernst mit der sogenannten leichten Muse.


  • Leo Fall: Die Straßensängerin. Konzertante Aufführung - Abschlusskonzert des 19. Operettenworkshops Junger Dirigenten / In Kooperation mit dem Forum Dirigierendes Deutschen Musikrats. Stream der Live-Übertragung durch MDR Klassik und Deutschlandfunk Kultur am 07.01.2023 in der Mediathek. 03.01.2023 bis 08.01.2023 Leipzig
    Orchester und Solist*innen der Musikalischen Komödie Leipzig – Künstlerische Leitung Tobias Engeli
  • Musikalische Leitung: David Preil / Simon Edelmann / Artem Lonhinov – Sonja: Mirjam Neururer - Mabel Brown: Nora Lentner - Mr. Brown: Vikrant Subramanian - Mr. Georges: Timo Schabel - Roland Simpel: Andreas Rainer – Allemal: Michael Raschle – 47: Justus Seeger

 

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