Im Westen nichts Goldenes: Puccinis „La fanciulla del West“ an der Bayerischen Staatsoper


(nmz) -
In seiner vierten Operninszenierung hat sich der Filmregisseur Andreas Dresen („Halbe Treppe“, „Sommer vorm Balkon“, „Gundermann“) Giacomo Puccinis eher selten gespielte „Fanciulla del West“ vorgenommen. Seines eher unentschiedenen Zugriffs zum Trotz entwickelte sich dank einer famosen Ensemble- und Orchesterleistung ein packender Premierenabend an der Bayerischen Staatsoper.
17.03.2019 - Von Juan Martin Koch

Avanciert Puccinis „amerikanische“ Oper doch noch zum Publikumsliebling? Nachdem vor dem Nationaltheater Karten nicht gesucht, sondern feilgeboten wurden, in der Pause über „fehlende Melodien“ räsonniert und „Nessun dorma“ aus „Turandot“ gesummt wurde, kam der enthusiastische Schlussapplaus eher überraschend. Der alte Theaterhase Puccini hatte es wieder einmal geschafft, ein Publikum in den Bann seiner musikdramatischen Erzählung zu ziehen.

Und das obwohl diese im Falle der „Fanciulla del West“ (nach David Belascos „The Girl of the Golden West“) ausgerechnet in Bezug auf die Feinzeichnung der Protagonistin auf recht wackligen Beinen steht. Wer ist diese Minnie, die noch ungeküsst unter rauen Goldschürfern lebt, ihnen Bibelstunden erteilt, um dann ausgerechnet an den Lügner und Banditen Dick Johnson ihr Herz zu verlieren? Den rettet sie zunächst durch Betrug beim Kartenspiel vor der Verhaftung durch den Sheriff und Verehrer Jack Rance und am Ende zu Pferde vor dem Galgen…

Auch Andreas Dresen weiß diese Frage nicht recht zu beantworten und seine Verortung des Geschehens im modernen Minenmilieu (statt in Kalifornien Mitte des 19. Jahrhunderts) hilft ebenfalls nicht wirklich weiter. Der Kinoregisseur mit den feinen Antennen für soziale Bedingtheiten beruft sich bei seiner vierten Opernarbeit auf Michael Glawoggers grandiosen Dokumentarfilm „Workingman‘s Death“ von 2005. Der österreichische Regisseur hatte dort in fünf Episoden Menschen bei der Arbeit unter schwersten Bedingungen begleitet. Doch bei Dresen kommt dabei im ersten Akt nicht mehr als ein stachelverdrahtetes, neutral-düsteres Bühnenbild heraus (Mathias Fischer-Dieskau), aus dessen Tiefen die Arbeiter eingangs mit Grubenlampen hervorkriechen und in dem Minnie als Lichtgestalt in Szene gesetzt wird. Im zweiten Akt weiß er immerhin aus dem leicht absurden Katz- und Mausspiel in Minnies blecherner Behausung einige fein-komödiantische Funken zu schlagen. Gut gesetzt ist auch das Fragezeichen, das er hinter dem im Libretto vorgesehenen Happy End in den Raum stellt.

Ab Akt zwei funktioniert dann auch die Balance mit dem unter James Gaffigan brillant und tiefengeschärft aufspielenden Staatsorchester. Dessen Auftrumpfen hatte die Kollektivszene zu Beginn des ersten Aktes, die Dresen nicht ausreichend sortiert bekommt, noch zusätzlich verunklart. Nun aber die ganze Magie von Puccinis feiner orchestraler Charakterisierung, in der die erste zarte Annäherung des ungleichen Paares Minnie-Johnson in einer an Debussys „Pélleas“ gemahnenden Schwebe gehalten wird, um später in handfeste Körperlichkeit umzuschlagen.

Vokalbesetzung ist nahe am Ideal

Die Vokalbesetzung dieser Premiere ist nahe am Ideal. Die vielen kleineren, aber für die Einbettung der hier eher untypischen Dreiecksgeschichte höchst wichtigen Rollen sind ausgezeichnet besetzt, darunter Kevin Connors als Nick und Tim Kuypers als Sonora. Zusammen mit dem Staatsopernchor (Einstudierung: Stellario Fagone) ergibt das einen zwischen empfindsamer Solidarität und brutalem Willen zu Lynchjustiz packend changierenden Männergesang.

John Lundgren hat als Sheriff, der Minnie gegenüber zunächst durchaus übergriffig wird, sich dann aber doch als Ehrenmann dem verlorenen Pokerspiel fügt, ein passend zwielichtiges Bariton-Timbre und die nötige Durchschlagskraft. Brandon Jovanovich als Johnson überrascht neben kernigen Tenorhochtönen mit sensiblen, stets tragfähigen Piani, die seine von Regisseur Dresen nicht wirklich ausinszenzierte Anziehungskraft auf Minnie immerhin vokal plausibel machen.

Wenn es aber noch einer Rechtfertigung für diese Neuproduktion bedurft hätte, so lieferte diese Anja Kampe: In den Farbnuancen ihrer textgenau geführten, zwischen Naivität und Hemdsärmeligkeit, Zurückhaltung und Begehren balancierenden Stimme waren alle psychologischen Unschärfen dieser Figur aufgehoben – eine bravouröse Leistung, für die sich die Sopranistin am Ende zu Recht feiern lassen durfte.

  • Weitere Termine: 19., 22., 26. und 30. März, 2. April. Die Vorstellung am Samstag, 30. März, wird ab 19.00 Uhr kostenlos übertragen: www.staatsoper.tv

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