Installations-Kunst und Femeprozess – Deutsche Erstaufführung von Iván Fischers Oper „Die Rote Färse“


(nmz) -
Passend zur aktuellen Tora-Lesung dieser Woche, die der Reinigung der Israeliten durch die Asche einer geschächteten roten Kuh („Färse“) dienen soll, ist der Titel eines Musiktheaters, das Iván Fischer, der Chefdirigent des Berliner Konzerthausorchesters, im Oktober 2013 in Budapest zur Uraufführung gebracht hat. Diese Produktion, begleitet von Musikern des Budapest Festival Orchesters und des Konzerthausorchesters, erlebte jetzt im Werner Otto-Saal des Konzerthauses Berlin ihre deutsche Erstaufführung.
29.06.2014 - Von Peter P. Pachl

Der in der Partitur vom Komponisten geforderte Publikums-Einführung, unmittelbar vor Beginn der Oper, kam Fischer, im Gespräch mit Intendant Sebastian Nordmann, selbst nach. Dabei betonte Fischer, von den visuellen Künstlern, die sehr unterschiedliche Objekte mit einander kommunizieren lassen, als „Installations-Kunst in den Raum stellen“, gelernt zu haben. Ähnliches habe er in seiner Musik versucht, die so klinge, als ob alles zitiert sei, obgleich es – mit Ausnahme des Tora-Zitats – durchaus kompositorisch von ihm stamme. Den Titel Brechtsches Musiktheater halte er gleichwohl für geeigneter als den Untertitel „Grotesk-lyrische Oper“, denn er habe sich primär an Weill‘s Musiktheater orientiert.

Die auf einer wahren Begebenheit aus dem 19. Jahrhundert in Ungarn beruhende Handlung um einen angeblichen Ritualmord an einem jungen Mädchen, wird von Fischer als Collage von ungarischer Folklore, jüdischen Liedern, Allusionen von Jazz und zur romantischer Oper, in gut fünfzig Minuten erzählt.

Der Tradition des ungarischen Theaters folgend, setzt Fischer einen Erzähler ein, der als ein „Evangelist nach 50 Jahren“ in seinen Seccorezitativen von der Orgel begleitet wird. Außerdem lässt der Komponist die liberal denkende Idealfigur Lajus Kossuth auftreten, der zur Zeit des Geschehens realiter bereits im Exil gelebt hat.

Auf einem Wagen wird eine rote Kuh (Färse) herein gefahren, um die Vorgeschichte des Geschehens in Tiszaeszlár zu erzählen. Die blutjunge Eszter (Kyra Varga) wird von einer roten Färse auf den Fuß getreten und dann von einem jungen Hirten weg getragen. Diesen Vorgang beobachtet der offenbar in Eszter verliebte junge Jude Móric (Jonatán Kovács). Ungarische Folklore, imposant gespielt von einem Quartett mit Zymbal, Violine Bratsche und Kontrabass, leitet über zum Wirtshaus. Die jüdische, rothaarige Wirtin (Orsolya Sáfár, mit artifiziellen Koloraturen) auch genannt „Die Rote Kuh“, wird von allen Männern begehrt. Das Spottlied auf diese Rote Kuh der ungarisch gesungenen Aufführung bleibt seltsamerweise unübertitelt. Die Einleitung dieser Szene ist dem Komponisten etwas lang geraten, aber die Czárdás-Lieder und Tänze (Choreographie: Bertalan Vári) sind eindrucksvoll gestaltet, und die Folklore geht ins Ohr. Eine besonders enge Beziehung zur Wirtin hat ein namenloser, nur als „Mann“ klassifizierter Christ und Antisemit (János Tóth), der gleichwohl die jüdischen Frauen ob ihrer Schönheit liebt. Ein virtuoses Solo des Zymbals schafft szenisch den Übergang zum Melodram, und wenn von einer deutschsprachigen Zeitung die Rede ist, lässt Fischer die Hörner intonieren.

Der agitierende Mann spielt selbst Klavier und überredet mit Bach-Klängen den jungen Juden Móric zur Aussage gegen seinen Vater József Scharf (Tamás Altorjay). Im Jazz-Stil zeichnet Fischer die jungen Besucher der Gerichtsverhandlung (Schauspielstudenten des 3. Jahrgangs der Universität für Schauspiel- und Filmkunst Budapest) als Schlachtenbummler; in der Inszenierung von Tamás Ascher und Kriszta Székely treten sie mit Fußball-Fan-Accessoires auf und feuern Móric durch Sprechchöre und Tröten an. Die angeklagten Juden hingegen wollen Móric mit Gesang und gepiffenen Melodien auf seine eigenen Wurzeln zurückführen und so bewegen, seine falsche Zeugenaussage, das Mädchen sei in der Synagoge ermordet worden, zurück zu nehmen.

Mit Gewehrkolbenschlägen, die an die dreimaligen Schläge vor dem Gottesgericht in „Lohengrin“ gemahnen, wird der Auftritt von Kossuth angekündigt. Der Bassist Krisztián Cser, gestaltet den Menschenfreund in spätromantisch gefärbtem Duktus weihevoll sonor. Unisono-Figuren der Streicher verweisen auf Praktiken in Wagners „Ring“. Mehr durch den Bericht des Erzählers Gyula Krúdy (József Gyabronka) denn dramatisch, werden die des Fememordes an Eszter angeklagten Juden vom Richter (József Csapó) frei gesprochen und triumphieren dann in einem Tanzquartett.

Ein Schlagwerk-Ostinato des Rührbesens untermalt den letzten Teil des Einakters: Vater Schwarz und Sohn Móric sitzen sich im Zugwaggon gegenüber. Mit Glockenspiel begleitet, wird die rote Färse erneut auf die Bühne geschoben – um im Dreisprung eine weitere Bedeutungs-Dimension zu umreißen: die Stimme des Popen rezitiert backstage aus der Tora die Aufforderung an die jungen Israeliten, sich mit der Asche der roten Färse zu reinigen; die Aufforderung, das Tier zu schächten, unterbleibt allerdings innerhalb dieser Textpassage. Insgesamt bleibt dieser Bezug vage, wurde allerdings  bereits in der Einführung durch den Komponisten selbst als „unklar“ umrissen. Im Orchester leitet eine Flöten-Invention zum Einsatz des vollen Orchesters über: im Fortefortissimo wird gedanklich der Bogen zur Katastrophe des Holocaust geschlagen, wenn Jugendliche dem Zug hinterher laufen und Steine werfen. Aber die Bedrohung bringt Vater und Sohn mit „Lohengrin“-Flageolettklängen als „Purifikation“ dazu, nebeneinander sitzend, ihre Reise ins Exil fortzuführen.

Die für einen heutigen Künstler unbedingt erforderliche Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Missständen, hier konkret die Zivilcourage, sich mit dem heute politisch restriktiv geführten Ungarn auseinanderzusetzen, unterbleibt in Komposition und Dramaturgie. Das ist bedauerlich, und so dominiert als Gesamteindruck doch der Eindruck von Beliebigkeit.

Gleichwohl dankte freundlicher, bis herzlicher Applaus des Premierenpublikums allen Beteiligten, von Dirigent und Komponist Fischer vorzeitig abgewinkt, da bereits knapp zwei Stunden später eine weitere Aufführung dieser Produktion beginnen sollte.

"Fehme"

bitte ohne "h", danke. "Fehme" mit "h" hat irgendwas mit Schweinemast zu tun.


Danke für den Hinweis, Max.

Danke für den Hinweis, Max. Stimmt natürlich. Saublöder Feler. ;)


Synonym gebrauchte Schreibweisen Fehme, Feme und Veme

Da muss der Rezensent nun doch widersprechen.
Laut Lexikon, gibt es nebeneinander sogar dreierlei mögliche Schreibweisen:

Feme
[mittelhochdeutsch, heimliches Gericht]
Fehme; Veme
im Mittelalter aus den Grafengerichten in Westfalen, die unmittelbar dem König unterstanden, entwickelte Freigerichte; sie beanspruchten Zuständigkeit über todeswürdige Straftaten (Femgericht) im ganzen Reich. Unter Oberleitung des Stuhlherren und Vorsitz des Freigrafen fanden die Freischöffen, die jede ihnen bekannt gewordene Femetat selbst vor Gericht bringen konnten, auf der Gerichtsstätte (Freistuhl) das Urteil. Bei Ausbleiben des geladenen oder Flucht des verurteilten Beschuldigten wurde dessen Verfemung (Ächtung) ausgesprochen, die jedem Schöffen das Recht gab, ihn zu töten.


Es ist wie immer nicht ganz

Es ist wie immer nicht ganz einfach. Und eigentlich hat ja doch dann niemand Recht.

Grimm: Feme


Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese von Menschen zu lösende Aufgabe ist zur Vermeidung von Spam-Inhalten leider notwendig.
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.