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Foto: © Britt Schilling
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Intime Dialoge – Saisonstart des Freiburger Barockorchesters mit Isabelle Faust

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„Wir sind wieder da“, ruft Hans-Georg Kaiser zu Beginn des Konzertes ins mit 488 Zuhörern besetzte, ausverkaufte Freiburger Konzerthaus unter dem Jubel des Publikums. Der Intendant des Freiburger Barockorchesters bittet die Konzertbesucher sich dafür einzusetzen, dass zukünftig mehr Publikum im rund 1750 Plätze umfassenden Rolf-Böhme-Saal zugelassen werde. Wenige Stunden zuvor hatten das Freiburger Barockorchester das gleiche Programm schon einmal gespielt.

Mit Isabelle Faust präsentiert das Orchester zum Saisonstart eine außergewöhnliche Geigerin, die vertrautem Repertoire ganz neue Seiten abgewinnen kann. Das Violinkonzert von Ludwig van Beethoven ist in Fausts feinsinnigen, flexiblen Interpretation frei von jedem Schwulst. Dabei wird ihr feiner, vibratoarmer Ton gerade auf der E-Saite nie spröde, sondern bleibt auch im Piano warm und durchaus sinnlich. Ein echter Hinhörer ist schon der erste Einsatz der Solistin, die den Aufstieg zum viergestrichenen D nicht mit einem Crescendo betont, sondern zurücknimmt und dadurch verinnerlicht. Dieser kammermusikalische Ton, dieser intime Dialog mit dem wachen Orchester – besonders berührend mit dem Solofagott (Javier Zafra) auf gedämpftem Streicherklang im Larghetto – ist die eine Seite von Isabelle Fausts Werkdeutung. Aber die Geigerin kann auch kräftig zulangen, wenn es gilt, das bereits Gesagte zuzuspitzen und auch noch im großen orchestralen Klang gehört zu werden.

Die aktuelle Situation

Drei verschiedene Abonnements zu drei, sieben und zehn Konzerten bietet das Freiburger Barockorchester im Freiburger Konzerthaus in der Saison 20/21 an. Für die Stuttgarter Liederhalle gibt es ein Abo über fünf Konzerte. In der Berliner Philharmonie hat die Agentur Adler dagegen die Abonnement-Reihe des Freiburger Barockorchesters aufgelöst. Insgesamt sieben Konzerte bleiben aber bestehen. Als die Coronakrise im Frühjahr mit zahlreichen Konzertabsagen begann, herrschte beim als GbR (Gesellschaft bürgerlichen Rechts) organisierten Freiburger Barockorchester, dessen 29 Mitglieder auch Gesellschafter sind und das finanzielle Risiko des weltweit gefragten Orchesters tragen, echte Alarmstimmung. Nun im Herbst hat sich die Stimmung etwas aufgehellt. „Wir sind bisher mit einem blauen Auge durch die Krise gekommen“, sagt Dramaturg und Pressesprecher Martin Bail. „Unsere Abonnenten haben uns die Treue gehalten. Viele von ihnen haben auf die Erstattung der Beträge für ausgefallene Konzert verzichte. Zusätzlich haben wir viele Spenden erhalten.“ Im Gegensatz zu anderen Städten und Veranstaltern scheint das FBO-Publikum in Freiburg großes Vertrauen in das Hygienekonzept zu haben. Beide Konzerte des Abends waren ausverkauft, viele Kartenwünsche konnten nicht bedient werden.

Hilfskaskaden

Mit 200.000 Euro Förderung vom Bund konnte an drei Wochenenden das Festival „Sommerklang“ veranstaltet werden. 100.000 Euro vom Land Baden-Württemberg wurden im Rahmen der Förderung „Kunst trotz Abstand“ in die neue Saison in Freiburg und Stuttgart gesteckt. Mit einer Sonderförderung von 400.000 Euro durch die Baden-Württemberg Stiftung sagt man mit insgesamt fünfzehn Konzerten im Ländle Dank für Coronahelfer wie Pflegekräfte oder Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Supermärkten. Die ersten beiden Konzerte in Weikersheim und Ludwigsburg waren sehr berührend, erzählt Martin Bail. Die prognostizierten Gagenverluste von 1,5 Millionen Euro für 2020 bleiben trotzdem bestehen, konnten aber durch Fördergelder und Spenden abgefedert werden. Dadurch war es auch möglich, die Orchestermitglieder, die eigentlich nach Tagessätzen bezahlt werden, während der auftrittslosen Zeit finanziell zu unterstützen. Auch den Gastmusikern wurden Ausfallhonorare bezahlt.

Programmplanungen

Was das Saisonprogramm angeht, hat man die Konzerte bis Ende des Jahres überarbeitet. „Ziel dabei war es, so wenig wie möglich zu verändern“, erklärt der Dramaturg. Die meisten Konzerte werden zweimal am Tag gespielt, um zumindest rund 1000 Zuhörer erreichen zu können. Ein paar Wiederholungen hat man genauso gestrichen wie bei den „Grand-Tour“-Konzerten Ende November oder dem Weihnachtsprogramm „The trumpet shall sound“ einige kleinere Werke. Für die konzertante „Leonore“ (11.10., Konzerthaus Freiburg, 13.10., Philharmonie Berlin, 14./16.10., Elbphilharmonie Hamburg), deren Einspielung gerade vom Fachmagazin „Opernwelt“ als „CD des Jahres“ ausgezeichnet wurde, hat Dirigent René Jacobs eine auf 80 Minuten gekürzte Fassung erstellt und den Chor sowie die Partie des Don Ferrando gestrichen. Für die Konzerte ab Januar habe man noch nichts verändert, so Bail, sondern warte ab, was in Sachen Saalbelegung ermöglicht werde.

Qualitativ hat die Coronapause dem Orchester jedenfalls nicht geschadet. Bei Mozarts „Jupitersinfonie“ zeigt das von Raphaël Pichon inspirierend geleitete Freiburger Barockorchester Frische und ein hohes Maß an Detailreichtum. Der französische Dirigent verstärkt manche Kontraste, wenn er beispielsweise die Generalpause in der Reprise des ersten Satzes verlängert, um den dramatischen Orchestereinsatz nach dem zarten Seitenthema noch wuchtiger werden zu lassen. Die Dissonanzen im recht zügig genommenen, im Zusammenspiel nicht immer astreinen Andante cantabile werden geschärft und so zu echten Abgründen. Das kontrapunktisch vertrackte Finale erhält Vitalität und Durchsichtigkeit bis zur Coda, wenn Mozart alle fünf Themen kunstvoll übereinander schichtet. Das Freiburger Barockorchester macht das alles hörbar – und wird dafür mit stehenden Ovationen gefeiert.

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