„Into the Woods“ – Märchenhafter Musical-Mix an der Studiobühne der Dresdner Semperoper


(nmz) -
Angesichts der momentanen Weltlage möchte sich vielleicht nicht wenige von uns einfach nur in den Wald flüchten. Am liebsten natürlich in den Märchenwald, wo die Wünsche noch in Erfüllung gehen. Aber ob wir das aushalten würden? Bei den Grimm-Brüdern hat es ja noch funktioniert, da gab es Rettung vorm bösen Wolf, vor fiesen Riesen und grausamen Hexen. Mitunter gar vor Märchenfiguren aus unseren Träumen. Nur gegen Präsidenten-Diktatoren, Rüstungsfetischisten und Waffennarren scheint noch kein Kraut gewachsen, gibt’s weder Zauberspruch noch Vernunftlösung.
24.05.2022 - Von Michael Ernst

Aber irgendwo im fernen Märchenwald, da hat der US-amerikanische Musical-Magier Stephen Sondheim mit seinem 1986 uraufgeführt Stück „Into the Woods“ geradezu alptraumhaft gleich eine ganze Handvoll Figuren der Grimms zusammenführt. Die konnten sich wünschen, was sie wollten, fast alles haben sie erhalten – bis ihnen ihr Wunschdenken grausam vor die Füße fiel. Nun sind sie auch in Dresden angekommen, auf der alternativen Produktionsstätte Semper Zwei, gleich neben der traditionsreichen Semperoper. Alle wollen nur eins: Ab in den Wald! Lediglich Hänsel und Gretel sowie die sieben Geißlein wurden leise vermisst …

Bei Sondheim läuft aber auch so alles kräftig durcheinander. Da sinnt die Hexe auf Rache, weil ihr einst sechs Zauberbohnen aus dem Garten gemopst worden sind, was einen bösen Fluch zur Folge gehabt hat. Der Bäcker will trotzdem ein Kind mit seiner Frau haben, denn er weiß nix davon. Hans im (Un-)Glück mag seine weiße Kuh namens Milchweiß nicht hergeben (und die nicht einen Tropfen Milch). Rotkäppchen will vor allem futtern und hat auf dem Weg zur Großmutter beinahe das ganze Picknickkörbchen geleert. Aschenputtel will unbedingt zum Königsball und flieht dann rasch in goldenen Schuhen. Der Prinz will zu Rapunzel auf den Turm. Alle denken nur an ihre Ziele und ihr Wollen.

Kinder können über die Konsequenzen ihrer Wünsche zumeist noch nicht nachdenken, reife Menschen sollten dies jedoch tun. Auch, wenn sie im Kreml oder im Kanzleramt sitzen; gerade dann! Gerade dann!

„Ab in den Wald!“

Wer Wünsche hat, zieht also in den Zauberwald. Der Grimmsche Märchen-Mix in diesem Musical ist nun aber keine Parabel etwa auf Wagners „Ring“ an einem Abend, sondern vielmehr ein Abbild realen Verlorenseins im unbegrenzten Wunschdenken. Regisseur Manfred Weiß hat, als Künstlerischer Leiter dieser Spielstätte, dieses abendfüllende Stück freilich nicht mit erhobenem Zeigefinger auf die Bühne gebracht. Er wahrt verschmitzt die Balance aus Abstraktion und Realismus, wobei ihm die Ausstattung von Timo Dentler und Okarina Peter sehr entgegenkommt. Man sieht darin den Wald vor lauter Stühlen nicht! Die können mal Unterholz sein, mal zum Klettern einladen, die stets in Bewegung gehaltenen und bunt gekleideten Figuren verlaufen sich drin, fliehen, finden und fürchten einander.

Stoisch schweigt sich nur die lebensgroß auf Rollen gestellte Kuh Milchweiß durch dieses Chaos, während Dieter Beckert als nobler Erzähler die Handlungsstränge entwirrt und erklärt, in denen er als Geheimnisvoller Mann auch selbst eine Rolle verkörpert. Bis auf die beiden Bäckersleute – Bettina Weichert und Aaron Pegram als ein herrlich konfuses Paar – und die von Sarah Maria Sun in einer stimmlich-mimischen Paraderolle verkörperte Hexe agieren sämtliche Mitwirkenden in mindestens zwei Partien: Anna Overbeck als schnippisches Rotkäppchen und rasch verheulte (Hexentochter!) Rapunzel, Alice Rossi als so beklagens- wie begehrenswertes Aschenputtel und Rotkäppchens Kurzzeit-Großmutter, Elke Kottmair in gleich drei sehr unterschiedlich stilisierten Mutterrollen, Ricardo Frenzel Baudisch und Lawson Anderson im Wechsel als Aschenputtels Stiefschwestern, verliebte Prinzen und fressgierig notgeiler Wolf sowie Markus Stöck als vor allem die Kuh liebender Hans und gehetzter Diener am Hof.

Möglicherweise klingt das wesentlich verworrener, als es sich szenisch darstellt, denn die raschen Bildfolgen und Umzüge funktionieren stets mit Spannung und Witz; wenn da noch ein toter Riese auf die Bühne knallt, stürzt lediglich eine meterbreite Brille auf den Boden. Des Riesen Witwe ist zwar mit dröhnenden Schritten zu hören, sonst aber nur als drohende Stimme aus dem Off präsent (Petra Barthel).

Sondheim hat hier keine schmissig sich anbiedernden Musical-Hits komponiert, sondern die Märchenfiguren klanglich charakterisiert – jede/r der zuvor Genannten vermochte das musikalisch bestens umzusetzen und erntete dafür reichlich Szenenapplaus. Dass die deutschen Texte nicht immer verständlich gewesen sind, mag auch vom Sitzplatz auf der im offenen Winkel stehenden Tribüne abhängig gewesen sein. Anstelle der originalen Orchestergröße durfte mit Sondheims noch kurz vor seinem Tod gegebener Erlaubnis eine Quartettbesetzung aufspielen. Die formidable Combo um Max Renne trieb den inneren Rhythmus des Abends voran und verstärkte so die Konzentration auf Gesangs- und Spielszenen „in den Wäldern“.

Es ist gewiss kein Kinderstück, dieses Musical-Märchen „Into the Woods“, aber ein familientaugliches Theater, dessen Premiere in Dresden heftig bejubelt worden ist.

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