Jenseits-Reise mit lieb gewonnenen Opernfiguren: Claude Viviers „Kopernikus“ an der Berliner Staatsoper


(nmz) -
Der Komponist Claude Vivier, 1983 im Alter von knapp 35 Jahren von einem Stricher ermordet, hat in seiner dritten geplanten Oper in mysteriöser Weise den eigenen Tod konzipiert. Auch sein einziges vollendetes Bühnenwerk „Kopernikus“ ist stark autobiografisch und handelt vom Tod als Übergang. Die rundum stimmige Aufführung ist ein singuläres Opernereignis.
19.01.2019 - Von Peter P. Pachl

Ein qualitativer Quantensprung, gemessen an der Uraufführung des vorausgegangenen Abends im selben Institut. Diesmal jedoch nicht im großen Haus, sondern im Alten Orchesterprobensaal, wie sich die „Neue Werkstatt“ für die zeitgenössische Oper unter der Intendanz von Matthias Schulz nennt.

Mit Mitgliedern der Staatskapelle und einem Ensemble aus Mitgliedern des Internationalen Opernstudios sowie fest angestellten Solist*innen der Staatsoper erweist sich Dirigent Errico Fresis (nach der Aufführung vor zwei Jahren) erneut als liebevoll kundiger Sachwalter der ungemein facettenreichen Partitur dieser Opéra-rituel aus dem Jahre 1980.

Das Team um den Regisseur Wouter Van Looy hat eine ebenso einfache wie schlüssige Raumanordnung geschaffen: In vier Blöcken, in den Ecken des Saales, sitzt das Publikum auf unterschiedlichen Stühlen, und zwischen den barocken Säulen ist das Instrumentalensemble positioniert; inmitten des Publikums, quasi als Arenabühne, steht eine spiralförmige, je nach Beleuchtung durchsichtige oder spiegelnde Folie um das Totenbett der kleinen Agni.

Agni, einem Kind zwischen Diesseits und Jenseits, erscheinen die ihr vertrauten Gestalten der Opernwelt – von Mozart in Persona, über Tristan und Isolde, welche ihr Liebesdrama im Nirwana weiter besingen, daneben auch Goldmarks Merlin und ein namenloser König. Gleich die ersten Worte des vom Komponisten selbst verfassten Librettos – in französischer Sprache, gemixt mit deutschen Sätzen, vornehmlich aber in einer erfundenen Kunstsprache – schlägt darüber hinaus den Bogen zu Lewis Carrolls „Alice in Wonderland“.

Eine derartige Beschreibung mag sich als beliebiges Mixtum von Literatur- und Opernzitaten lesen; aber in der Aufführung erweist sich die surreale Handlung als ein hoch artifizielles, faszinierendes Kunstgebilde. Obertonreich in der Stimmführung, mit komplexen Harmonien und mit homophon gesetzten Melodien, besingt Viviers Partitur die Schönheit des Kosmos und beschwört ein entmaterialisiertes Leben nach dem Tod herauf.

Instrumental dominiert ein hohes Klangregister mit drei Klarinetten, Oboe und Trompete; als Bass treten selten die Bassklarinette oder die Posaune hinzu, und überaus sparsam eingesetzt ist die Violine, die eine Art Sonderstellung erhält und der Hauptrolle der Agni zuzuordnen ist. Die Zahl der sieben Solist*innen und der sieben Instrumentalist*innen begründet der Komponist mit der Zahl 14 als der seines Geburtstages. Die Musikdarsteller*innen schließen ihre Hände beim Gesang wiederholt vor den Mündern und öffnen diese, wie bei Indianerrufen, abwechselnd.

Die Reise ins Jenseits erlebt der Betrachter als rituelle Handlung in surrealen Lichtstimmungen (Bühne: Sascha von Riel) und voll hoher Suggestionskraft. Originell auch die Kostüme von Johanna Trudzinsky: Isolde beispielsweise mit vier goldenen Federn als Kopfputz, Tristan mit einer leuchtenden Kerze auf dem Kopf. Die fürs Spiel erforderlichen Requisiten stehen auf einem Tischchen vor dem Orchester bereit: zahlreiche Lichtobjekte, vom Leuchtbuch über leuchtende Gondoliere-Stäbe und leuchtende Planetenkugeln. Der titelgebende Kopernikus wird nur kurz zitiert, mit den von ihm entdeckten Sternen, der Bogen der Wissenschaft Astral-Wissenschaft dann bis zu Albert Einstein gestreckt.

Der Regisseur treibt die Abstraktion bisweilen noch weiter, etwa wenn Agni, anstelle des fragenden Entblätterns einer Blume, Blütenblätter aus einem durchsichtigen Beutel mit überreichem Vorrat in die Luft wirft. Van Looy verdoppelt die Hauptrolle der Agni, deren Name das lateinische Opferlamm alludiert, durch ein hinzu gefügtes, stummes Kind. Dieses liegt zunächst als Puppe auf dem Opferaltar, fügt sich im zweiten Akt aber realiter in den Reigen der fantastischen Gestalten.

Es fällt schwer, unter den Sängerdarsteller*innen Einzelne hervorzuheben, so trefflich rollendeckend und im Zusammenklang singen und agieren Sarah Aristidou, Anna Schors, Slávka Zámečníková, Corinna Scheurle, Adam Kutny, Giorgi Mtchedlishvili und Erik Rosenius. Einmal wird auch ein vorproduzierter Chor (der live interagierenden, anwesenden Soli?) eingespielt.

Der im Waisenhaus aufgewachsene, bekennende Homosexuelle und Katholik Claude Vivier berührt das Publikum ungeahnt intensiv durch die musiktheatral faszinierende Ausführung seines luzid schillernden, häufig tonalen Spektrums, mit Röhrenglocken, balinesischem Gong und japanischen Klangschalen, zwischen Todestrieb und Lebenslust, Ekstasen à la Messiaen und Anklängen an die frühbarocke Madrigaloper. Viviers faszinierender Klangkosmos ohne jegliche Redundanz lässt die pausenlosen knapp 80 Minuten wie im Fluge vorübergehen und im Publikum den Wunsch nach Wieder- und  Mehrhören von diesen Komponisten wecken.

Gegen Ende der Handlung verlässt das vokale Ensemble den Aufführungsort, ihre Stimmen erklingen nur noch entfernt von Draußen. Dann setzt Dunkel und ergriffene Stille ein, gefolgt lang anhaltendem, heftigem Applaus des einhellig begeisterten Premierenpublikums. Dieser Opernbesuch erscheint als ein Muss.

Weitere Aufführungen; 20., 23., 25., 28. ,30. Januar und 2. Februar 2019.

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