Keine Ruhe vor dem Sturm – Georges Aperghis “L‘ avis de tempète“ am Staatstheater Mainz


(nmz) -
Nach der Uraufführung im französischen Lille 2005 hat sich bislang kein Theater an Georges Aperghis‘ Oper „L‘Avis de Tempète“ gewagt: Nun hat das Staatstheater Mainz die deutsche Erstaufführung auf die Beine gestellt – eine bewundernswerte Leistung, die als Bühnenereignis trotzdem seltsam unberührt lässt. Andreas Hauff berichtet.
20.03.2019 - Von Andreas Hauff

GMD Hermann Bäumer ist mit Recht stolz auf das musikalische Ergebnis. Er habe das Stück lange für unspielbar gehalten, sich aber schließlich von Anselm Dalferth überzeugen lassen. Dalferth, der zeitweise bei Aperghis studiert hat, setzt sich als Regisseur in seinen Mainzer „Hörtheater-Produktionen“ seit Jahren beharrlich und erfolgreich für experimentelle Musiktheater-Formate ein. Lebendig berichten Dirigent und Regisseur in der Auftaktveranstaltung zur Premiere von den Schwierigkeiten der Einstudierung. Bäumer demonstriert mit Dramaturgin Gracia-Fernandez die Herausforderung, einen Text aus durcheinander geschüttelten Wortsilben mit abweichenden Betonungen zweistimmig vorzutragen, und er studiert mit dem Publikum sogar eine komplexe Folge von Ein- und Ausatemvorgängen ein – beides nicht ohne den Hinweis, dass es sich hier nur um ein stark verlangsamtes Übtempo handele. Tatsächlich müssen Sänger und Instrumentalisten ihre jeweiligen Partien so schnell vortragen, dass keine Zeit mehr zum Notenlesen oder Nachdenken bleibt.

Daher, so der GMD, habe man die übliche Einstudierungsroutine durchbrochen und bereits im September mit anderthalbstündigen Proben begonnen, zunächst im Zeitlupentempo und dann mit zunehmender Sicherheit immer schneller. Die am Klavier nicht darstellbaren Vierteltonpassagen mussten die Korrepetitoren dabei singend markieren. Doch nach einem knappen halben Jahr habe er bei der Generalprobe in lauter zuversichtliche Gesichter geschaut, und inzwischen stelle man Überlegungen an, auch für andere Produktionen eine so langfristige und vorausschauende Probenarbeit zu ermöglichen. Dass sie effektiv war, wird bei der Aufführung am deutlichsten sichtbar, als die Sopranistin Alexandra Samouilidou in halsbrecherischem Tempo eine endlose solistische Silbenfolge absolviert. Regisseur Dalferth rühmt Aphergis‘ gut einstündige Komposition für ihren Drive und sagt: „Das ist kein Stück über den Sturm, das Stück selbst ist der Sturm.“

„Das ist kein Stück über den Sturm, das Stück selbst ist der Sturm.“

Bereits die Texte sind gewissermaßen durcheinandergewirbelt. Aphergis greift zwar auf Hermann Melvilles Novelle „Der Blitzableitermann“, dessen Roman „Moby Dick“, William Shakespeares Tragödie „King Lear“, Victor Hugos Roman „Die Arbeiter des Meeres“ und einen Essay des französischen Philosophen und Musikwissenschaftlers Peter Szendy zurück, doch nach dem von dem US-Autor William S. Borroughs übernommenen Verfahren des Cut-up wurden die Texte in Fragmente zerschnitten, neu zusammengesetzt und in dieser Form einer Besetzung aus Sopran, zwei Baritonen und einer Schauspielerin anvertraut. Zusätzlich wurden gesampelte Vokal- und Instrumentalklänge verfremdet und zerstückelt. In Mainz zeichnet hierfür das SWR Experimentalstudio Freiburg verantwortlich. „Ich glaube nicht an eine Welt, in der gedankliche Kohärenz und Harmonie herrschen,“ zitiert das instruktive Programmheft den Komponisten, „Ich glaube eher an kleine Fragmente, Bruchstücke des Lebens, die zufällig aufeinandertreffen.“

Dennoch baut Aperghis an einer Stelle unvermittelt eine choralartige Blechbläserpassage ein, und zum Ende hin erklingen immer mehr unverschüttelte und klar verständliche oder übertitelte Literaturzitate. Dem Dirigenten selbst hat Aperghis einige Passagen des Kapitäns Ahab aus „Moby Dick“ anvertraut, in denen dieser den völligen Verlust der Kontrolle über das Schiff zu erleben glaubt. Den Sturm meint Aperghis aber nicht nur metereologisch, sondern auch metaphorisch. Er habe „auch an Kriege, an menschliche Emotionen, an Finanzmärkte“ gedacht, gibt er zu Protokoll, und „an die Komplexität des großen Lunaparks, der uns umgibt.“

Anselm Dalferth lässt das Ensemble auf der Bühne neben und zwischen kreisrunden Vorhängen agieren, die schnell hin- und hergeschoben werden können, sich aber auch für die Videoprojektion aktuellen Geschehens und aktueller Ereignisse eignen. Schnelle Bildfolgen unterstreichen die stürmische Atmosphäre. Anders als die Schauspielerin Konstantina Samouilidou, die sich kurz vor der Premiere das Bein gebrochen hat, ihren Part nun im Vordergrund sitzend deklamiert und bisweilen von ungenannten Statisten gedoubelt wird, ist die Sängerbesetzung mit Alexandra Samouilidou und beiden Baritonen Brett Carter und Michael Dahmen zumeist mit den verschiedensten Gesten und Aktionen in Bewegung. Das aus acht Instrumentalisten und zwei komplex programmierten Keyboards bestehende Orchester sitzt im Hintergrund. GMD Bäumer trägt eine Kapitänsuniform statt seines Anzugs, und für seine Textsolo wird er in einer Hebevorrichtung hochgefahren. Szenische Grundidee von Regisseur Dalferth und Bühnenbildnerin Birgit Kellner ist es, das Publikum in den (bestürmten und verwirrten) Kopf der Schauspielerin schlüpfen zu lassen. Dazu erscheint anfangs eine entsprechende Projektion auf dem Bühnenvorhang, und über den ausnahmsweise geöffneten Mittelgang zwischen den Zuschauerreihen schreitet eine Statistin über einen Steg in die Bühne hinein. Dass dieser Steg ebenso wie die Übertitelung der zusammenhängenden Textpassagen in Gelb gehalten ist, kann man als Anspielung auf die Gelbwesten-Bewegung in Frankreich verstehen.

„Polyphonie der szenischen Mittel“ resultiert in Reizüberflutung

Doch obwohl die elektronischen Einspielungen über verschiedene im Zuschauerraum verteilte Lautsprecher erklingen, verfolgt man als Zuschauer und Zuhörer das Geschehen mit erstaunlicher Nüchternheit. Der Sturm, den die Akteure auf der Bühne erleben, kommt beim Empfänger nicht so recht an. Der Schwindel, der einem beim unvoreingenommenen Blick in den Alltag und ins Weltgeschehen ergreifen kann, wird zwar auf der Bühne potenziert. Doch die vom Regisseur angestrebte „Polyphonie der szenischen Mittel“, der man Einfallsreichtum beileibe nicht absprechen mag, resultiert in Reizüberflutung. Statt – wie vom Regisseur erhofft – eigene Gedanken freizusetzen, ist das Publikum damit beschäftigt, eine Unzahl von Signalen zu dechiffrieren, sie in Beziehung zu bringen und schließlich davor zu kapitulieren. Auch die durchaus vorhandenen musikalischen Feinheiten gehen dabei zunehmend unter. Vergleicht man die Inszenierung mit Dalferths vorausgegangener Hörtheater-Produktion „Zerbrechliche Gespräche“ vom Herbst, die auch Stücke aus Aperghis Vokalstücken „Récitations“, „Retrouvailles“ und „Le corps à corps“ enthält, ergibt sich ein deutlicher Unterschied. Musikalischer und technischer Aufwand sind dort wesentlich geringer, doch die Aufführung hat Witz, Poesie und immer wieder Ruhephasen, in denen das Gehörte und Gesehene nachklingen kann. Fast möchte ich bei der Aufführung von „Avis de Tempète“ ein Missverständnis des Titels vermuten: Er bedeutet „Sturmwarnung“ und nicht „Sturm“. Eine Sturmwarnung lässt immer noch Zeit zur Vorbereitung – bis hin in die sprichwörtliche, unheimliche „Ruhe vor dem Sturm“.

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