Klage vor leerer Pracht – Die Bayerische Staatsoper meldet sich ein bisschen zurück


(nmz) -
Die Krise macht auch auf künstlerischem Gebiet fundamentale Ungleichheiten offenbar. Der Kulturstaat Bayern fängt die Ausfallverluste seiner Staatsoper auf. Im Haus muss es also keine Existenzängste geben. Vielmehr kann die Leitung innovativ tätig werden, um gemäß den Lockerungsbestimmungen erste Angebote zu machen: „Fester Samstag I“ – „und folgende“ heißt eine Kammerkonzertreihe – für die auch unser Kritiker Wolf-Dieter Peter die Bühne des Nationaltheaters betrat.
08.06.2020 - Von Wolf-Dieter Peter

Fünfzig personalisierte Eintrittskarten, zwei separate Eingänge mit Organisation von Handdesinfektion über abstandsgerechte Garderobe bis zur Wegführung durchs Parkettfoyer hinter und dann auf die Bühne; dort abstandsgerechte, fixierte Stühle mit Blick ins dunkle Theaterhalbrund – sogar das für all das zuständige Hauspersonal freute sich erkennbar, endlich Publikum begrüßen und an den nummerierten Platz führen zu können.

Auf dem Podium im Bühnenvordergrund nahm dann Intendant Nikolaus Bachler, vom Werdegang her ausgebildeter Schauspieler, Platz und las ein etwa zehnminutiges Konzentrat aus Philip Roths „Jedermann“-Roman von 2006. Das war eine passende Einstimmung in den folgenden Konzertteil: der anschließende gezielt rückwärtsgewandte Sprachduktus Hugo von Hofmannsthals kontrastiert mit der Lebens- und Sterbensproblematik eines heutigen Jedermann. Bachler traf den unprätentiös sachlichen Tonfall exakt. Warum der für die „szenische Einrichtung“ verantwortliche Andreas Weirich, Spielleiter am Haus, dann aus dem ja leeren, hellerleuchteten Theater rauschenden Beifall und Bravorufe vom Band einspielen ließ, bleibt sein Karriere-Geheimnis.

Am Flügel neben dem Podium schlug dann Pianistin Sophie Reynaud die ganz textdienlichen Akkorde oder kurzen Einwürfe von Frank Martins Klavierpart für „Sechs Monologe aus Jedermann“ an. Dazu kam Bariton Michael Nagy dann in Trenchcoat und Anzug aus dem Parkett über den geschlossenen Orchestergraben aufs Podium gegangen - ein heutiger, Philip Roths namenlosem Protagonisten naher Mann mit seinen Todesahnungen. Nagy spielte dazu die kurz aufbrechenden heftigen Emotionen von Zerknirschung, kurzem Aufbegehren bis hin zur Hinnahme seines Sterbens stimmgestalterisch und körperlich expressiv aus. Das prachtvolle Theaterrund leuchtete in wechselnden Färbungen gelegentlich auf. Zum Text passend wurden auf der Seiten- und Hinterbühne luxuriös gekleidete „Menschenpuppen“ sichtbar. Später hievte Nagy einen einfachen weißen Sargkasten aufs Podium und erkannte in der herausgegriffenen, aus seiner Hand riesenden Erde unser aller Vergänglichkeit. Beeindruckter echter Beifall für die Begegnung mit einem Werk, das 1944, abseits des blutigen Gemetzels in der Schweiz entstanden, wie ein Gegenentwurf zu den damals herrschenden „Jedermännern“ wirkt – und den Wunsch weckte, Martin hätte auch die Schlussworte des Teufels vertont: „Die Welt ist dumm, gemein und schlecht / Und geht Gewalt allzeit vor Recht,/ Ist einer redlich, treu und klug, / Ihn meistern Arglist und Betrug.“

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