Kollektivistische Interpretation – Operation der Künste an der UdK Berlin


(nmz) -
Die deutschen Musikhochschulen trafen die Beschränkungen und Maßnahmen innerhalb des akademischen Betriebs mit am härtesten. Ein Universitätsseminar als Videokonferenz abzuhalten ist suboptimal, Gesangs- und Instrumentalunterricht in dieser Form enorm einschränkend, gemeinsames Musizieren über den Bildschirm ist schier unmöglich. Viele Hochschulen haben außerdem sämtliche öffentliche Veranstaltungen abgesagt, weshalb den Studierenden wertvolle Auftrittserfahrungen aktuell fehlen. Inmitten dieser Situation ermöglicht das hochschulübergreifende Studierendenprojekt „operationderkuenste“ seinen Mitgliedern mit dem Programm „Figaro classique“ – einer Zusammenstellung aus Prokofjews 1. Symphonie und Szenen aus dem „Figaro“ – das gemeinsame Musizieren vor Publikum.
09.11.2020 - Von Konstantin Parnian

Eigentlich hätte bereits Mitte März Mozarts „Le nozze di Figaro“ zur Aufführung kommen sollen. Inmitten der Endproben und wenige Tage vor der Premiere dann die Hiobsbotschaft für das Projekt: Lockdown. Alle größeren Veranstaltungen müssen auf unbestimmte Zeit abgesagt werden und das kulturelle Leben in Deutschland steht auf Pause. Zweifellos ein harter Schlag für alle Beteiligten, die seit Wochen geprobt und seit Monaten geplant hatten. Als letzte Aktion konnte ein Durchlauf auf Video aufgezeichnet werden, von dem ein Teaser einen Zusammenschnitt zeigt. Ein kleiner Trost für die Gruppe, die sich der Verbindung der Künste und einer Realisierung auf der Bühne verschrieben hat.

Gemeinsam Schaffen

Verbinden möchte „operationderkuenste“, kurz odk, nicht nur Künstler*innen unterschiedlicher Metiers, sondern auch Studierende aus verschiedenen Städten und Hochschulen. Dazu zählen u. a. die Musikhochschulen und Konservatorien von Frankfurt, Rostock, Hamburg, Weimar, Karlsruhe, Lübeck, Köln, Hannover, Detmold, Nürnberg und die Universität der Künste Berlin. Für die gebündelten Proben- und Aufführungsphasen der Einzelprojekte kommen sie von überall her zusammen. Neben der Gemeinschaft ein weiterer Anreiz: Fahrtkosten und eine Mahlzeit pro Tag werden durch odk finanziert. Zwar gibt es wie bei jedem Projekt dieser Art Wechsel in der Zusammenstellung des Ensembles, doch ein fester Kern bleibt bestehen.

Kompromisse finden

Nicht für alle neuen Mitglieder sei es einfach, sich auf die spezielle Herangehensweise einzulassen, erzählt Lukas Kleitsch aus dem Organisations-Team. Denn sämtliche künstlerische Entscheidungen werden im Kollektiv getroffen. Das bedeutet konkret, dass auch mal länger über diese oder jene Stelle in der Partitur diskutiert wird – und zwar nicht nur von denen, die dort zu spielen haben. Zu einer reinen Orchesterpassage können sich ebenso die Chormitglieder äußern, wie das Orchester Anregungen zur szenischen Umsetzung geben darf. Regie und musikalische Leitung verstehen sich eher als Moderationsorgane, die hier und da das Steuer übernehmen, damit die Arbeit nicht ins Uferlose gleitet.

Probe des Zusammenseins

Natürlich verlängere das Gespräch, an dem sich stets ausnahmslos alle beteiligen können, den Prozess der Probenarbeit an einigen Stellen, so Lukas Kleitsch weiter, doch das zahle sich aus. Neulinge, die zu Beginn skeptisch zum Ansatz stünden, seien nicht selten nach einiger Zeit mit Feuer und Flamme am Mitdebattieren. Außerdem sei es immer möglich sich mit Anliegen an ihn zu wenden: Als Awarenessbeauftragter hat Lukas Kleitsch ein offenes Ohr für alle Probleme, die nicht vor der Gruppe angesprochen werden möchten. Gemeinsam mit acht weiteren Mitgliedern koordiniert der Tonmeisterstudent das Projekt. Vertreten sind neben rein musikalischen Fächern auch Bühnenbild, Veranstaltungstechnik, Regie und Grafikdesign. Der Eigenanspruch besteht nicht einfach nur in der parallelen Koexistenz der Künste, sondern in der Auseinandersetzung aller mit den verschiedenen Teilbereichen. Dafür stehen nicht nur die ausladenden Diskussionsrunden, die auch mal nach den Proben in der Kneipe weitergeführt werden. Auch die performative Einbindung des Orchesters mittels choreographischer Elemente soll die festen Grenzen überwinden.

Bewegte Zeiten

Eigentlich war die Aufführung von „Figaro classique“ im Oktober nach Absagen von Veranstaltungsorten schon in einem Parkhaus geplant, doch kurz vor knapp bot die UdK dann doch noch ihren großen Konzertsaal an. Mit enorm reduziertem Publikum und einem umfangreich ausgearbeiteten Hygienekonzept auch für die Beteiligten auf der Bühne konnte eineinhalb Jahre nach dem Start von odk mit der Zauberflöte nun wieder ein Projekt über die Bühne gehen. Nur zehn Tage Zeit hatten die jungen Musiker*innen zum gemeinsamen Einstudieren in Berlin. Eine nicht unerhebliche Zahl war kurzfristig wegen Bedenken aufgrund der ungewissen Corona-Lage abgesprungen, sodass sich nach Ersatz umgesehen werden musste. Nach diesen Hürden auf den letzten Metern und dem ständigen Bangen vor dem erneuten Lockdown kam es endlich zu den zwei Konzerten.

Tage der Aufführung

Stehend spielt das Orchester, in roten Strümpfen statt Konzertschuhen – agil und beweglich. Pfiffig belebt erklingt da Prokofjews „Klassische“. Die Kontrabässe werden in Pirouetten gedreht, andere Spieler*innen bewegen sich an Ort und Stelle choreographiert im Takt oder gehen in die Hocke um das Augenmerk auf eine hervortretende Instrumentengruppen zu legen. Dann wiederum verabschiedet sich Dirigent Simon Scriba für einen kurzen Abschnitt an den Bühnenrand und überlässt das Orchester sich selbst. Bei all dem bleibt die Klanggebung stets homogen und vor allem in bestechender Balance auf Profi-Niveau.

Balance prägt auch die anschließenden Szenen aus dem „Figaro“. Das Gesangsensemble um Mitbegründer Giacomo Schmidt als Conte Almaviva belebt mit feurigem Elan und ungebrochener Energie die Bühne. Auf der Hinterwand laufen parallel Projektionen. Szenische Interaktion war trotz beweglicher und in das Geschehen eingearbeiteter Spuckschutzwände schwierig. Dem Spiel haftet den Umständen geschuldet der leichte Beigeschmack des Faden Begriffs „halbszenisch“ an. Doch das was dieses Projekt ausmacht ist jeden Moment spürbar: die unvergleichliche Moral und Dynamik einer jungen Gruppe mit Bereitschaft zum kreativen Experimentieren. Viel Potenzial, das sich womöglich in günstigeren Zeiten erst vollends entfalten wird.

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