Konzertsaalbau: Zwischen Odeon und Architektur-Leuchtturm


(nmz) -
Nach der Eröffnung neuer Konzertsäle in Paris oder Bochum, vor der Erprobung der Hamburger Elbphilharmonie mit Klassik, Rock und Jazz sowie den Neubau-Planungen in Berlin und München ist die Frage nach dem „idealen Hören“ ein brisantes Thema. Mit Fragen nach dem „Wo“ und „Wie“ erkundete ein Gesprächskonzert des Bayerischen Rundfunks den Zusammenhang zwischen Klang und Raum.
02.12.2016 - Von Wolf-Dieter Peter

Ein qualifiziertes Podium: Architekt Peter Zumthor, Komponistin Isabel Mundry und Akustik-Guru Karlheinz Müller Vokalartistin Salome Kammer und Begleiter Stephan Heuberger. So konnte Moderatorin Christine Lemke-Matwey in der offenen Säulenhalle nach dem großen Eingangsbereich der Bayerischen Versicherungskammer ein vollbesetztes Parkett begrüßen.

Auf ihre Frage nach einem neuen Interesse an Konzertsaalbauten spannte Architekt Zumthor den weiten Bogen vom antiken Odeon über die Kathedrale, den klassischen Konzertsaal zum OpernAir, dem Jazzkeller bis hin zum Club - und dem heute meist vom Städte-Marketing geforderten „Architektur-Leuchtturm mit der Qualität zum Weltkulturerbe von Morgen“.

Zu Arthur Schopenhauers Diktum von „Architektur als gefrorener Musik“ führte Isabel Mundry aus, dass zeitgenössische Kompositionen eben auch neue Räume erforderten: offene Sitzordnungen von Publikum und Ausführenden, Beweglichkeit im Raum, neue Erfahrungen von Nähe und Ferne; derartiges scheitere schon an Raumgegebenheiten bis hin zu Brandschutzbestimmungen. Auch die Grenzüberschreitung von Akustischem zu Visuellem sei oft nicht möglich.

Akustik-Guru Karlhein Müller erklärte, dass viele derartiger Werke und auch der Jazz letztlich „Direktschall“-Räume bräuchten: ohne Nachhall, wo die Mischung durch die Komposition, eventuell den Ausführenden und dann auch den Hörer möglich ist. Architekt wie Akustiker waren sich einig, dass dies Säle für 300 bis höchstens 500 Zuhörer wären. Müller verwies zusätzlich darauf, dass hier dann ökonomische Rentabilitätsüberlegungen hinzukämen und folglich derartige Räume nicht gebaut würden. Die an große Konzertsäle angehängten kleineren würden fast durchweg als Multifunktionsräume geplant und erfüllten dann anschließend kaum spezielle akustische Anforderungen. Angesichts der heute grassierenden Sucht nach architektonischen Extravaganzen ergänzte Zumthor, dass grundsätzlich die Frage dominieren sollte „Wie soll der Saal klingen?“, also das Aussehen letztlich egal sei und somit die Frage nach der Form zuletzt kommen darf.

Einig war sich das Podium, dass die heute in den Städten meist architektonisch wie situativ als „Herz der Kommune“ etablierten Konzertbauten von der Kathedrale bis zum Musentempel unbedingt erhalten bleiben sollten – Müller: „für 1000 Jahre erstklassiger Musik!“ – aber ein Fehlbestand für andere Formen zu monieren sei. Damit einhergehen könne auch eine Öffnung für ein noch nicht klassik-affines, am Ungewöhnlichen und Experimentellen interessiertes Publikum. Mundry führte auch an, dass sich ihre Kompositionsschüler oft auch nicht in den etablierten Saalformen sähen. Müller kritisierte hier auch die Rundfunkanstalten und ganz konkret den Bayerischen Rundfunk: auf zu vielen Wellen „Baby-Baby-Ballaballa und Angloamerikanisches“, die Klassik ins Digitale verlegt und zu wenig Klangraum für Neues – starker Beifall im Saal.

Nochmals einig war sich das Podium, dass angesichts heutiger Klangvermüllung durch die „Vivaldi-Hölle“ in telefonischen Warteschleifen über Gaststätten bis hin zum Kaufhaus auch um Stille zu kämpfen sei. Aus der daraus erwachsenden Neugier auf Klänge könne ein Interesse an der Vielfalt der musikalischen Typologien statt nur an Epochen erwachsen. Eine Ahnung dieser Bandbreite lieferte Vokalartistin Salome Kammer mit Musikeinlagen von Giacinto Scelsi, Isabel Mundry und Kurt Weill. Die Musik wäre also vorhanden…

(TV-Sendung der Veranstaltung in ARD-Alpha am 18.Februar 2017 um 22.30 Uhr)

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