Kultur in der Krise – ein Podium im Münchener Volkstheater in drei Szenen


(nmz) -
Das Problem ist global, die Auswirkungen regional: In München trafen sich jetzt Kulturpolitiker, Veranstalter und Kreative zum Krisengespräch im Volkstheater an der Briennerstraße.
01.10.2020 - Von Andreas Kolb

Covid-19 untergräbt das Geschäftsmodell von Solisten und Ensembles gleichermaßen wie das von Veranstaltern, Konzert- oder Opernhäusern. Aufgrund der Pandemiebestimmungen bröckeln weltweit die Strukturen des Veranstaltungsmarktes und inzwischen gerät auch das deutsche System subventionierter darstellender Künste gehörig in Schieflage. Manche Kommune denkt schon über Kürzungen und temporäre Schließungen ihrer Häuser nach. Immerhin können die Tonkünstler hierzulande in die Grundsicherung – in München aber reicht das zum Leben nicht. Zwei Münchnerinnen, die Jazz- und Popsängerin Anamica Lindig, und die Verwaltungsrätin der Jazz School München, Katrin Neoral, wollten nicht länger tatenlos zusehen und wurden aktiv. 

Bereits im Mai hatte Katrin Neoral mit Unterstützung des Tonkünstlerverbands Bayern, des Netzwerks Freie Szene München, der Kulturplattform jourfixe-muenchen sowie 220 Privatpersonen eine Sammelpetition zur Nachbesserung des Bayerischen Hilfsprogramms für freischaffende Künstlerinnen und Künstler initiiert. Anamica Lindig wiederum organisierte im Juli eine Diskussionsrunde mit Vertreterinnen der Musikbranche und Wolfgang Heubisch, von 2008 bis 2013 Bayerischer Kultusminister und aktuell Vizepräsident des Bayerischen Landtags, im heimischen Wohnzimmer.

Ungefähr 10.000 Kunstschaffende, im Fachjargon Soloselbständige, beantragten im Freistaat Bayern Soforthilfe. Erwartet hatte man 60.000, so Kunstminister Bernd Sibler, und so wurde viel Geld bis heute gar nicht erst abgerufen. Die Gründe sind vielfältig und reichen von komplizierten Modalitäten bis hin zu persönlichen Gründen. Diejenigen aber, die nichts auf der hohen Kante hatten oder bei denen das Familieneinkommen die Lücken nicht kompensieren konnte, entschieden sich stattdessen für Hartz IV.

Da die offensichtlichen Löcher im bayerischen Künstlerrettungsschirm bis heute nicht wirklich gestopft sind, wurden die beiden Sängerinnen erneut und jetzt erstmals gemeinsam aktiv. Sie initiierten eine Diskussionsveranstaltung „Kultur in der Krise – wie bewahren wir die Vielfalt der bayerischen Kultur- und Veranstaltungsbranche vor dem Point of No Return“?

Vor etwa 60 Besuchern, die im Pandemie-affin umgebauten Volkstheater Platz gefunden hatten  – jede zweite Sitzreihe war demontiert –, begann man auf der großen Theaterbühne recht launig mit einem kulturpolitischen Stück in einem Akt und drei Szenen. Doch bald wurde es ernst.

1. Szene. Katrin Neoral bittet Bernd Sibler, Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, sich vorzustellen, er sei studierter Jazzmusiker, der von Konzerten, Hochzeiten und Unterricht geben lebt. Sein Mitdiskutant Rainer Ludwig, MdL und Mitglied des Ausschusses für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie, soll sich in die Rolle eines Münchener Clubbetreibers hineinversetzen, die kulturpolitische Sprecherin der Landtagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, Susanne Kurz, wird von den Moderatorinnen zur Theaterintendantin gekürt und Wolfgang Heubisch zum Betreiber einer privaten Musik- und Kabarettbühne in München. Volkmar Halbleib, der kulturpolitische Sprecher der SPD im Landtag, gibt den Festivalchef, der der Pandemie Paroli bieten muss.

Ausnahmslos beweisen alle Akteure genügend Empathie, um die teils ausweglos scheinende Lage verbal darzustellen. Dass Empathie aber nicht alles ist, und dass damit noch keine tragfähigen Hilfsprogamme zu machen sind, zeigt der Auftritt einiger Schwergewichte der Kultur- und Veranstaltungsbranche, die von den Moderatorinnen nach der 1. Szene auf die Bühne gebeten werden.

2. Szene. Auftritt Christian Stückl, Intendant der Volksbühne und erfolgreicher Regisseur, Dieter Semmelmann, Veranstalter, und Till Hoffmann, Musik- und Kabarettveranstalter in München (Lustspielhaus, Lach- und Schießgesellschaft, Milla Club u.a.).

Stückl sieht sein Haus, aber auch die gesamte Kultur von Sparmaßnahmen bedroht und kritisiert die – inzwischen aufgehobene – Ungleichbehandlung von Staatsoper, Philharmonie und Volkstheater bei den Besucherobergrenzen im Rahmen eines sogenannten Pilotversuchs mit 500 statt 200 Personen im Zuschauerraum. Ganz abgesehen davon, dass nur 16 Mitglieder seines Ensembles festangestellt sind und er bis zu vierzig Künstler im freien Engagement hat, die jetzt „nichts haben“, sieht er die Verunsicherung des Publikums als größte Gefahr. Man stelle sich vor, alles ist pandemiegerecht eingerichtet und man will spielen und keiner kommt, weil alle Angst haben, sich zu infizieren.

Der Bayreuther Konzertveranstalter Dieter Semmelmann verweist darauf, dass er bereits 1.500 Veranstaltungen ins nächste Jahr verlegt habe. Seine große Befürchtung: „Wenn wir nicht spielen, wird es nächstes Jahr keine Struktur mehr geben, die wir in vielen Jahren aufgebaut haben. Dann wird die gesamte Kultur- und Veranstaltungsbranche zusammenbrechen.“

Das wäre der „Point of no return“, weil wichtige Mitarbeiter in andere Branchen abgewandert sind. Auch der Münchner Clubbetreiber Till Hofmann wendet sich an die Politiker auf der Bühne: „Ich glaube, ihr habt nicht auf dem Schirm gehabt, wie viele Leute da dranhängen! Das ist eine Katastrophe, wie die ganzen Solo-Selbstständigen, die an uns hängen, wie die abgehängt werden! Man hätte deren Einkommen längst, basierend auf ihren Steuerergebnissen berechnen und mit 70 Prozent Kurzarbeit honorieren können.“

Szene 3. Mehr als eineinhalb Stunden sind bereits diskutiert worden, doch die Politiker werden nicht entlassen. Sie halten stand und hören sich die Erfahrungsberichte des Liedermachers Roland Hefter, des Schauspielers Sven Hussock sowie des Flötisten und Präsidiumsmitglieds des Deutschen und Bayerischen Tonkünstlerverbands, Edmund Wächter, an.

DTKV Bayern und DTKV München hatten unter ihren 3.000 Mitgliedern eine Umfrage zur Künstlersorforthilfe gemacht, deren Ergebnisse eigentlich ins Stammbuch jedes Kulturpolitikers gehören. Da war die Rede von Unübersichtlichkeit der Förderung, Unklarheit über die Zielgruppen, fehlende Kooperation zwischen Kunstministerium und Wirtschaftsministerium, Verdienstausfällen, Kurzarbeit und der starke Wunsch nach Sofort-Maßnahmen. Es gab aber auch positive Rückmeldungen: Etwa die Solidarität vieler Eltern gegenüber den Instrumentallehrern, die Entwicklung von Online-Unterrichtsangeboten und das Feedback dankbarer Konzertbesucher, nachdem die ersten Konzerte wieder durchgeführt werden konnten.

Kultur zählt nach wie vor zu den Freiwilligen Leistungen der Kommunen. „Wir sind Pflichtaufgabe“, sagte Stückl unter Beifall und weiter: „Es geht nicht um ein, zwei Monate im Sommer, sondern um eine Perspektive bis zum Jahresende.“ Auch dieser Zeitraum scheint zu kurz gegriffen, bedenkt man den ungewissen Fortgang der Pandemie, bedenkt man die Fragilität einer Branche, die auf Kulturveranstaltern aufbaut, deren Mitarbeiter und Kulturschaffende  überdurchschnittlich oft in prekärer Lage existieren und in einem System von „hire and fire“ ohne feste Anstellung und soziale Absicherung ihren Träumen nachjagen. Neben den vielen Fragen, die die Covid-19-Pandemie aufwirft, zählt auch die, wie ein derart prekäres und instabiles System über die Jahrzehnte entstehen konnte, dazu.

Das könnte Sie auch interessieren: