Kurz-Schluss – Wie ich einmal bei der Umsetzung eines beschlossenen Heftschwerpunktes massiv ins Schleudern geriet


(nmz) -
Bekannt und beliebt in gewissen gebildeten Kreisen bin ich für die trockene Präzision meiner Sprache, für die wissenschaftliche Exaktheit meiner Abhandlungen gerade im Rahmen dieser Rubrik unserer Kultur- und Naturzeitschrift. Während die meisten Autorinnen und Autoren des vorliegenden Themenheftes sich etwas überraschend teils mit der faszinierenden Vielfalt und Historie der Kerbtiere befassen oder mit deren auch pestizidverursachten Auslöschung, samt den für uns Menschen verheerenden Folgen, gerate ich in die mentale Zwangsjacke einer dramatischen Kindheitserinnerung: … [Vorabdruck aus Politik & Kultur 2021/06]
27.05.2021 - Von Theo Geiẞler

Ein Schulfreund, Sohn des örtlichen Kinobesitzers, ermöglichte mir schon im zarten Alter von sieben Jahren den heimlichen Besuch des dörflichen Lichtspiel-Häuschens. Schon als zweites oder drittes Filmerlebnis geriet ich in den Bann des soeben erschienenen Science-Fiction-Thrillers (in edlem Schwarz-Weiß) namens „Formicula“.

Kurz der Plot, soweit ich mich entsinne: In der Wüste New Mexicos wird ein verstörtes und völlig verängstigtes Mädchen aufgegriffen, deren Eltern wenig später tot aufgefunden werden. Da sich die örtliche Polizei keinen Reim auf das schreckliche Verbrechen machen kann, ziehen sie einen Biologen hinzu, dem schon bald klar wird, dass es sich bei den Tätern um mutierte Riesenameisen handelt. Denn die Todesursache ist Ameisensäure. Zu Monstern gerieten die Ameisen, weil in dieser Gegend Atombombenversuche stattfanden. Jede Menge Menschen wurden noch gemeuchelt, bevor die Brut – sie hatte inzwischen Los Angeles erobert – dank Flammenwerfern vernichtet werden konnte.

Bibbernd verließ ich das Kino, machte künftig größere Bögen um Ameisenhaufen, bis mir – ich war trotz des anhaltenden Schocks zum Science-Fiction-Fan geworden – ein, wie es meine Eltern definierten, sogenanntes Schundheft aus der seinerzeit berühmt-berüchtigten „Terra-Reihe“ die Augen öffnete. Der – wie ich fand – geniale Schriftsteller K. H. Scheer beschrieb in knappen Sätzen auf den handelsüblichen 60 Seiten der Edition den durch Aliens verursachten Untergang der menschlichen Zivilisation aufgrund absichtlicher radioaktiver Verseuchung des Planeten. Es ging um Ausbeutung der Bodenschätze und gemeinen Wasserraub. Nur eine kleine Schar Frauen, Männer, Kinder konnten sich in Höhlensysteme retten und nannten sich Formicanten – die Ameisenmenschen. Leider kann ich mich nicht daran erinnern, wie das Ganze ins Happy End gewendet wurde.

Allerdings fiel es mir wie Schuppen von den Augen (ich las das Heft gerade während des Mathematikunterrichts unter der Bank), dass natürlich nicht die Krabbeltiere Verursacher allen Übels waren, sondern eine gewisse machtgierige technophile Fraktion der Gattung Homo sapiens. So hörte ich mit etwa zwölf Jahren auf, Maikäfer in Kisten zu sperren, Ameisenhaufen mit Stöcken zu traktieren und Wespennester auszuräuchern. All das gab es seinerzeit noch – ich lebte, wie eingangs gesagt, auf dem Land.

Nach dem berufsbedingten Umzug meiner Familie in die Großstadt ersetzten recht bald andere Interessen meine Naturaffinität. Immerhin geriet ich umgehend zu einem begeisterten Ostermarschierer, im Kampf gegen Atomwaffen und auf der Suche nach engagierten Weggefährtinnen. Die Beschreibung der nächsten 50 Jahre meiner wechselvollen Biografie erspare ich Ihnen schon aus Platzgründen.

Ein wenig erklärungsbedürftig allerdings mag ausgerechnet der Grund für mein aktuell plötzlich erwachtes Interesse an chitingepanzerten Tierwesen sein. Wie es sich für eine meinungsstarke diskussionsfreudige demokratisch-diverse Redaktion einer Kultur- – und neuerdings zusätzlich auch Naturzeitschrift gehört, werden Themenschwerpunkte am Zustand der Gesellschaft abgemessen, evaluiert und gründlich besprochen. Für dieses Heft waren zentral ursprünglich Aufsätze über Dystopie und Science Fiction vorgesehen.

Allerdings ist mein geschätzter Mitherausgeber ein wirklich umfassend engagierter Kulturmensch, der nicht nur Museen aller Art, Galerien, Konzertsäle und Abgeordnetenhäuser durchforscht, sondern auf allen Vieren auch Wald- und Wiesenböden. Er fotografiert hochwertigst und kartiert unbekannte und bekannte Käfer-, Wespen- oder Ameisenarten. Als ich meine Science-Fiction-Story für dieses Heft – eine düstere Geschichte über künstliche Intelligenz und Virtual Reality – schon fertig hatte, machte er mich in einer langen lautstarken Diskussionsnacht darauf aufmerksam, dass das Insektensterben eine mindestens ebenso große Gefahr für die menschliche Zivilisation sei wie die weißrussische Atombombe. Zwischendurch spielte er mir auf seinem Tablet eine Doku über Horden von Zwangsarbeitern vor, die Fruchtblüten mangels Bienen (Glyphosat) händisch bestäuben, damit wir fetten alten weißen Männer an vitaminreiches Obst kommen. Als ich etwas verwirrt einwandte, dass auch die Natur grob sei, die Bienen beispielsweise ihre Drohnen im Herbst verhungern ließen, schalt er mich einen ungebildeten Kretin und verwies darauf, dass ich mir dystopisches Geschwurbel angesichts der biologischen Realitäten sparen könne. Science sei jetzt wichtiger als Fiction. „Wir machen ein zukunftsweisendes Insektenheft.“

Da überfiel mich statt wütender Widerrede meine Kindheitserinnerung, Formica und die Formicanten – und ich fand die Präzisierung des zentralen Heftthemas leider plötzlich schlüssig …

Theo Geißler ist Herausgeber von Politik & Kultur

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