Leise schwebende Töne am Rand der Hörbarkeit – Diana Damrau als Anna Bolena im Opernhaus Zürich


(nmz) -
Ganz am Ende nach der langen Wahnsinns-Szene steht Diana Damrau bei ihrem Rollendebüt als Anna Bolena nochmals allein auf der Bühne. Der erste Vorhang im Opernhaus Zürich gehört der deutschen Sopranistin, die den stürmischen Applaus berührt entgegennimmt. Zu Beginn des Abends war eine andere Sängerin im Mittelpunkt: Edita Gruberova, die vor wenigen Wochen verstorbene Königin des Belcanto.
07.12.2021 - Von Georg Rudiger

Die slowakische Koloratursopranistin hat vierzig Jahre lang 17 verschiedene Rollen in über 200 Vorstellungen am Züricher Opernhaus gesungen, wie Intendant Andreas Homoki berichtet. Der mit einer Schweigeminute beginnende Abend ist ihrem Andenken gewidmet. Auch Diana Damrau hat von der bewunderten Kollegin, die noch die letzte Züricher Anna Bolena gesungen hatte, manchen Rat bekommen, wie sie im Magazin-Interview erzählt.

Wie Gruberova sucht Damrau immer wieder die leisen Töne am Rand der Hörbarkeit, die gerade durch die Zurücknahme zu schweben beginnen. Alle drei Königinnen-Dramen von Gaetano Donizetti mit David Alden als Regisseur und Diana Damrau mit Debüts in der jeweiligen Hauptpartie sind am Züricher Opernhaus zu erleben. „Maria Stuarda“ war bereits 2018 zu sehen, „Roberto Devereux“ ist nächste Spielzeit geplant. Bei der 1830 uraufgeführten Tragedia liricia „Anna Bolena“ geht es um Anne Boleyn, die zweite Ehefrau von Heinrich VIII., für die sich der englische König von Katharina von Aragon scheiden ließ. Da sie ihm aber keinen männlichen Thronfolger schenken konnte, verlor er das Interesse an ihr, heiratete ihre Hofdame Jane Seymour, bezichtigte Anna Boleyn der Untreue und ließ sie mit weiteren Männern hinrichten – soweit der historische Opernstoff.

Bei ihrem ersten Auftreten erscheint Diana Damrau als Anna Bolena mit Haube und Reifrock (Ausstattung: Gideon Davey). Die Gefühle des Gatten sind erkaltet, die Hofdame Giovanna Seymour (auf Augenhöhe: Karine Deshayes) ist noch ihre Vertraute. In der Kavatine „Come, innocente giovane“ (Wie sehr, unschuldiger Jüngling) schwelgt Damrau mit modellierten Koloraturen und einem perfekten Messa di Voce, dem für Belcanto so typischen An- und Abschwellen der Stimme, in Liebeserinnerungen. Auch wenn diese Anna Bolena ihre fortschreitende Verzweiflung in durchdringenden Spitzentönen ausdrücken kann – Diana Damrau gestaltet in ihren langen Melodiebögen vor allem die Zwischentöne und Übergänge, färbt sie unterschiedlich und bleibt dabei immer im Cantabile. Auch angesichts des Todes, der in Zürich als Henker mit einem langen Schwert umherschleicht, lässt Diana Damrau dieser Königin Würde und Verbindlichkeit im Ton. Das Drama geht nach innen.

Wahnsinnig wird in David Aldens Inszenierung der König, der sich vom kultivierten Macho zum enthemmten, brutalen Despoten entwickelt. Luca Pisaroni verleiht Enrico VIII. nicht nur Kantabilität und entspannte Tiefe, sondern entwickelt gesanglich wie darstellerisch mehr und mehr Dämonie. Nur am Ende forciert der italienische Bassbariton stimmlich eine Spur zu stark forciert. Auch Alexey Neklyudov führt in der Rolle von Anna Bolenas Jugendliebe Riccardo Percy seinen zunächst noch etwas engen, sich aber im Laufe des Abends freier entfaltenden Tenor an Grenzen, so dass er in der dramatischen Schlussszene für einige Takte ins Falsett flüchten muss. Nadezhda Karyazina ist mit ihrem beweglichen Mezzo ein charmanter Hofmusiker Smeton, Anna Bolenas Bruder Lord Rochefort erhält durch den runden Bariton von Stanislav Vorobyov Sympathiepunkte. In der Partie der Rivalin Giovanna Seymour zeichnet Karine Deshayes mit ihrem strahlkräftigen, satten, aber dennoch enorm flexiblen Mezzosopran ein vielschichtiges Frauenporträt. 

Regisseur David Alden hat ein paar gute Ideen, wenn er Elizabeth, die spätere Königin, als traumatisiertes Mädchen auf die Bühne bringt oder eine weiße Marmorwand von der Kälte der Macht erzählen lässt. Mit dem gut ausbalancierten Chor (Leitung: Ernst Raffelsberger) weiß er aber nicht viel anzufangen. Der Inszenierung fehlt es vor allem an Stringenz. Sir Hervey (Nathan Haller) als Nosferatu für Arme sorgt auch nicht für Beklemmung, sondern eher für unfreiwillige Komik. Wie überhaupt die blutverschmierten Gefangenen inklusive Waterboarding ein bisschen too much sind. Dafür schießt die Philharmonia Zürich unter Enrique Mazzola nicht übers Ziel hinaus, sondern zeigt, von einigen verwackelten Einsätzen abgesehen, Flexibilität, rhythmische Prägnanz und einen sehr kultivierten Streicherklang. Mazzola bewältigt die ständigen Tempowechsel, Neuanfänge, Beschleunigungen und Stauungen mit großer Metiersicherheit – und lässt trotz großer Freiheiten immer einen Puls spüren.

  • Weitere Vorstellungen: 9./14./18./23./29. Dez., 2./5./9./13. Jan.www.opernhaus.ch

 

 

 

 

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