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Andrea Zietzschmann
20-jährige Erfahrung als Orchestermanagerin: Andrea Zietzschmann. Foto: Stefan Höderath
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Lernkurven, Perspektiven – Andrea Zietzschmann, die Intendantin der Berliner Philharmoniker im Gespräch

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Seit September 2017 ist Andrea Zietzschmann (49) die Intendantin der Berliner Philharmoniker. Die Corona-Krise ist für die erfahrene Kulturmanagerin die bislang größte berufliche Herausforderung. Im Gespräch mit Georg Rudiger in ihrem Berliner Büro am 10. Juni 2020 gab sich die Schwarzwälderin kämpferisch.

Georg Rudiger (nmz): Was macht eine Intendantin, wenn das Orchester nicht spielt?

Andrea Zietzschmann: Sie arbeitet (lacht). Ganz haben die Berliner Philharmoniker ihre Aktivitäten aber auch nicht eingestellt. Es waren immer Musikerinnen und Musiker im Haus. Seit unserem Europakonzert am 1. Mai haben wir etliche Produktionen für die Digital Concert Hall gemacht, drei davon mit unserem Chefdirigenten Kirill Petrenko. Aber natürlich ist meine Lernkurve seit März stark angestiegen.

In welchem Bereich?

Krisenmanagement. Wir mussten den Dialog mit unserem Publikum und mit unseren Mietern führen. Und bewegten uns dabei in der Anfangszeit auf unsicherem Terrain, weil fast jede Woche eine neue Pandemieverordnung erschien. Dann wurden die Osterfestspiele Baden-Baden und die große Europa-Tournee und die Konzerte in Israel abgesagt. Auch das aufwändige Projekt mit Gustavo Dudamel bei den olympischen Spielen in Japan wurde gecancelt. Es gab in den letzten Monaten viele unangenehme Dinge zu klären: Wie löst man Verträge auf? Wie bekommt man seine Gelder zurück? Wir haben die längste Spielpause in der gesamten Geschichte des Orchesters seit der Gründung 1882. Weder in den beiden Weltkriegen noch in der Zeit der Spanischen Grippe hat das Orchester länger pausiert.

Für das Europakonzert am 1. Mai in der leeren Philharmonie gab es eine Ausnahmegenehmigung. Die Berliner Philharmoniker waren mit diesem weltweit übertragenen Konzert das erste Orchester, das wieder spielen durfte. Das „Adagio for strings“ von Samuel Barber, das auf dem Programm stand, erklingt häufig bei Trauerfeiern und Beerdigungen. Empfanden Sie das Konzert als Klage oder als Neuanfang?

Für mich war es ein Meilenstein im Hinblick auf einen zukünftigen Spielbetrieb. Natürlich hatten die Werke mit Innehalten und einer Reflexion über die traurige Zeit zu tun. Das Konzert war auch ein stilles Gedenken an die Opfer der Pandemie. Viele Zuhörer saßen weinend vor dem Fernseher, wie wir durch Zuschriften erfuhren. Aber am Ende des Programms stand die 4. Symphonie von Gustav Mahler, die in einer sehr lichten, positiven Stimmung schließt.

Ist das Orchester derzeit in Kurzarbeit?

Ja – von Anfang April bis Ende August. Angesichts unserer riesigen Defizite eine wichtige Maßnahme, um Kosten zu sparen.

Auf der Website des Orchesters wird zu Spenden aufgerufen. Wie ernst ist die finanzielle Situation?

Wir werden zwar subventioniert von Land und Bund, aber haben einen hohen Eigenfinanzierungsanteil von fast 60 Prozent – da gibt es massive Einbrüche. Allein im ersten Monat lag der Verlust bei 1,7 Millionen Euro. Es gab aber schon Signale aus der Politik, dass wir nicht alleine gelassen werden. Das Publikum haben wir gebeten, auf die Rückerstattung der Karten zu verzichten – da hilft uns jetzt auch die Gutscheinlösung. Und es ist einiges an Spenden zusammengekommen. Natürlich haben wir es insgesamt viel besser als jedes freie Ensemble.

Mitten im Lockdown kam die Meldung, dass die Zusammenarbeit der Berliner Philharmoniker mit dem Festspielhaus Baden-Baden bei den Osterfestspielen auch nach 2022 weitergehen wird. Zuvor gab es starke Gerüchte, das Orchester gehe wieder zurück nach Salzburg.

In den Medien wurde das Thema stark diskutiert, intern allerdings nicht. Das Orchester ist schon längst in Baden-Baden angekommen. Wir haben programmatisch viel mehr Möglichkeiten als früher in Salzburg. Die Residenz ist über die Jahre gewachsen. Die Zukunft möchten wir mit einer klaren Perspektive planen. Es ist natürlich ein Jammer, dass dieses Jahr die Osterfestspiele ausfielen. Wir hatten uns so auf den „Fidelio“ mit Kirill Petrenko und das ganze Festival gefreut.

Das Programm der nächsten Saison stellten Sie am 20. April in einem Video in der leeren Philharmonie vor. Es soll mit der Biennale ein großes neues Festival geben und viel russisches, groß besetztes Repertoire. Ich habe mich darüber gewundert, dass es ein normaler Spielplan geworden ist ohne jede Einschränkungen. Haben Sie einen Plan B in der Tasche?

Damals war der Blick auf die Saison zugegeben noch sehr optimistisch. Natürlich arbeiten wir mit verschiedenen Szenarien, aber hoffen darauf, dass wir im August mit unserem geplanten Programm beginnen können - und auch mit möglichst viel Publikum. Das würde aber bedeuten, dass die gegenwärtigen Abstandsregeln fallen müssten. In Österreich spielen die Orchester mit einem Mindestabstand von nur einem Meter. Die Wiener Philharmoniker spielen ohne Abstand mit Corona-Tests für das ganze Orchester. Wir sind hier natürlich mit vielen intensiv im Gespräch – auch mit Fachleuten. Wir haben ja selbst eine Studie bei der Charité in Auftrag gegeben, die die Aerosolbildung bei Bläsern untersuchte. Wir können nicht verstehen, dass Wirtschaftszweige wie Tourismus oder Gastronomie ganz anders behandelt werden als Musikveranstalter. Dass Konzerthäuser gefährlicher sein sollen als Gaststätten, kann mir nicht einleuchten.

Der Sänger Michael Volle hat ein Foto getwittert, welches das bis auf den letzten Platz besetzte Flugzeug auf dem Flug zu seinem Konzert im Opernhaus Wiesbaden zeigt. Und danach ein Foto aus dem spärlich gefüllten Zuschauerraum – mehr Personen seien nicht erlaubt gewesen.

Das bringt es auf den Punkt. Warum gibt es beispielsweise für die Bahn und das Flugzeug Freigaben und für uns so harte Auflagen? Auf der Basis der jetzigen Vorschriften in fast allen Bundesländern kann man die Konzerthäuser nur zu rund 20 Prozent besetzen. Das ist weder für das Publikum noch für das Orchester ein schönes Erlebnis. Wirtschaftlich kann sich das natürlich nicht tragen. Wir müssen eine gute Mischung finden, mutig voranzugehen und trotzdem verantwortungsbewusst zu handeln.

Vom Orchester gibt es keine vorsichtigen Stimmen?

Unsere Orchestermitglieder wollen spielen. Es ist eher schwierig zu vermitteln, warum ihre Kollegen in Österreich auf die Bühne dürfen und wir hier nicht.

Bei den Salzburger Festspielen werden die Berliner Philharmoniker aber auftreten. Halten Sie sich dort an die lockeren österreichischen Vorgaben?

Nein. Wir sind dazu angehalten, auch in Österreich die deutschen Abstandsregeln umzusetzen, weil wir hier versichert und angestellt sind. Ich hoffe aber, dass wir bis zum 25. August auf einem anderen Stand sind. Die Schulen werden in Berlin nach den Ferien ohne Abstandsregeln geöffnet. Das ist für uns ein gutes Signal.

Aber Sie können Ihre Planungen nicht alleine auf Hoffnung gründen.

Bei den Konzerten der neuen Saison werden wir Dirigenten und Solisten behalten, aber programmatisch können wir etwas ändern, falls die Orchesterbesetzung zu groß sein würde. Es gäbe auch die Möglichkeit, mehrere Konzerte zu machen, wenn der Saal nicht voll belegt werden darf.

Welche langfristigen Folgen wird die Krise für die klassische Musik haben? 

Ich befürchte, dass unser musikalisches Ökosystem leiden wird, manche freie Ensembles, aber auch Veranstalter und Agenturen kämpfen in der Krise ums Überleben. Wenn keine zweite Welle kommt, was ich natürlich hoffe, haben wir gute Chancen, dass sich der Musikbetrieb erholt und in seiner Vielfalt erhalten bleibt. Es wird vermutlich weniger Tourneen geben. Man muss sich ja auch unter Klimaschutzgründen fragen, wie künftig Tourneen aussehen sollen.

Wird das Publikum kommen, wenn es wieder möglich ist? Der große Teil davon gehört zur vielzitierten Risikogruppe.

Ein Selbstläufer wird es auf jeden Fall nicht – das zeigen die ersten Erfahrungen in Nordrhein-Westfalen.

Ist das die bislang größte berufliche Herausforderung Ihres Lebens?

Ja, das würde ich schon sagen. Mich beschäftigt am meisten, wie wir alle als Kulturschaffende für mehr Aufmerksamkeit sorgen können und unsere gesellschaftliche Relevanz anerkannt wird. Wir müssen in Zukunft viel mehr für unsere Interessen sorgen und auch lauter sein.

Heißt das nicht auch, dass sich die Orchester in ihren Aktivitäten noch mehr der Gesellschaft zu wenden müssten?

Wir können uns sicherlich noch weiter öffnen, um eine noch größere Abbildung in der Gesellschaft zu erreichen.

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