Mei, oh Meier! – Die eine Hälfte von Yello kam nach München zum Konzert. Die andere fehlte ein wenig


(nmz) -
Rein rechnerisch wird Dieter Meier bald 70 Jahre alt. In Wirklichkeit aber ist er eigentlich Kind geblieben. Die Faszination, die von dem Schweizer Kosmopoliten und Kunstunternehmer ausgeht, der je nach Lebensabschnitt mal als Pokerprofi, Produzent, Rinderzüchter, Biobauer, Winzer, Finanzjongleur, Schauspieler, Regisseur, Konzeptkünstler oder eben Sänger fungiert, gründet in der Selbstverständlichkeit, mit der er seine Rollen ausfüllt. Dieter Meier – so scheint‘s – hat sich seinen Spieltrieb erhalten und ihn zum Motor seines Handelns werden lassen.
30.05.2014 - Von Ralf Dombrowski

Damit fährt er gut, denn im gleichen Arbeitsgang hat er sich als Marke etabliert, als knorrig eleganter Bonvivant mit Schnurrbart, wellig wildem Haar, in edles Tuch gekleidet und zuweilen mit Zigarren als Genuss-Accessoire. 

Musik ist da nur ein Teil des inszinatorischen Gesamtpakets, aber ein wichtiger. International bekannt wurde Dieter Meier zwar auch durch Aktionen auf der documenta oder als Moderator im Fernsehen. Wirklich groß aber wurde er durch Yello, Ende der Siebziger als akustischer Laborspaß zwischen musique concrète, Electro-Pop und Art Punk konzipiert. Das Duo schaffte es, dem Zeitgeist des reflektiert Synthetischen einen Schritt voraus zu sein, wurde gefeiert, trat aber mit Ausnahme zweier Konzerte in einem New Yorker Musikschuppen niemals live auf. Das wird auch bis auf weiteres so bleiben und so waren die Konzerte von Dieter Meier, die ihn mit einer kleiner Tournee durch das deutschsprachige Europa führten, die vorerst einzige Gelegenheit, zumindest einen Teil der längst legendären Band einmal auf der Bühne zu erleben.

Yello ohne Yello

Allerdings hat das Programm „Out Of Chaos“ kaum etwas mit Yello zu tun. Dieter Meier solo klingt wie ein freundlicher, tendenziell nachdenklicher Rockpoet, der sich vor der Möglichkeiten des Exaltierten verneigt. Der Einstieg des Konzerts im Münchner Freiheiz gibt sich psychedelisch mit exzentrischer Geige, über den Abend hinweg wirkt die Musik mal varietéhaft und verschmitzt, mal nach Art des Songwritertums verhalten bis hin zu einem kleinen punk-insipirierten Energieschub gegen Ende des Abends. Topoi des Künstlerischen werden bemüht, etwa der rezitierte, mit Geräuschen garnierte Einschub „Manhattan Babylon“ als Spoken-Word-Intermezzo. Eine Prise ästhetische Kauzigkeit schwingt in dem Schwytzerdütschen Tribute „Schueffele“ an den Maschinen-Künstler Jean Tinguely mit und die Leinwand im Bühnenhintergrund bietet zumindest die Möglichkeit visueller Akzente.

So wirklich aber geht das Konzept nicht auf. Meiers sechsköpfige Begleitband kommt nicht in die Puschen und spielt eigenartig energiegedämpft. Die Visuals hangeln sich an schlichten, zumeist amorphen Bildern von Punkt/Flächenstrukturen, wallendem Wasser und Lichteffekten entlang, Meier selbst gönnt sich nur wenig Theatralik, singt mäßig mitreißend und wirkt bei aller Inszenierung zwar charmant und auf seine Art verbindlich, aber wenig präsent. Nun ist Boris Blank, der andere Teil von Yello, nicht dazu zu bewegen, seine ausgefuchste Elektronik auf der Bühne zu präsentieren. Aber insgeheim wünscht man sich Dieter Meier doch einen Visionär an die Seite, der seinem musikalischen Solo-Ausflug live ein wenig mehr Konzept und Konsistenz verleiht. So gab es nur ein schönes, aber kein überwältigendes Konzert zu erleben, bei dem man das Gefühl nicht los wurde, dass noch mehr drin gewesen wäre.

Dieter Meier „Out Of Chaos“ on Tour: 5.6. Frankfurt (Batschkapp), 6.6. Köln (Gloria)

www.outofchaos.de

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