Mit Opulenz ins Happyend: Enrico Lübbe inszeniert „Tristan und Isolde“ in Leipzig


(nmz) -
Leipzigs Schauspielchef Enrico Lübbe debütierte nach Erfolgen mit Strauss’ „Elektra“ in Bonn und Bergs „Wozzeck“ in Erfurt auch an der Oper Leipzig als Musiktheaterregisseur. Die Premiere von Wagners 1865 in München uraufgeführtem Musikdrama „Tristan und Isolde“ endete mit lautem Jubel. Der Liebestod wird in Lübbes Inszenierung zum Happyend. Schon bei König Markes letztem „Warum?“ steht Tristan von den Toten auf.
07.10.2019 - Von Roland H. Dippel

Zum kompletten Großprojekt „Wagner22“, mit dem die Oper Leipzig vom 16. Juni bis zum 14. Juli 2022 am Ende der Generalintendanz von Prof. Ulf Schirmer alle Bühnenwerke Wagners in der Reihenfolge der Entstehung von „Die Feen“ bis „Parsifal“ präsentieren wird, fehlt jetzt nur noch „Lohengrin“. Dieser kommt noch - in der Regie von Katharina Wagner aus Barcelona.

Schon jetzt ist allerdings klar, dass Enrico Lübbes Inszenierung zu den spannendsten Produktionen des derzeitigen Leipziger Wagner-Repertoires gehört. Seine Sicht auf das komplizierte Werk greift nämlich nicht nur an die Handlung, sondern auch den philosophischen Kern der Liebesgeschichte, die in schicksalhafter Verstrickung nur mit dem Tod ihre Erfüllung finden kann. Lübbe hat auch keine Angst vor Brüchen. Dass sich Tristan und Isolde wie große Kinder sackhüpfend in ein unbeschwertes Jenseits davonmachen können, hatte bereits Peter Konwitschny vor fast 20 Jahren im Nationaltheater München gezeigt. In Leipzig geht einer vergleichbar optimistischen Schlusswendung noch voraus, dass Tristan sich nicht todessüchtig in die Waffe seines verräterischen Freundes Melot stürzt, sondern diese (Selbst-)Verwundung ein Zufall ist. Am Ende steht Tristan bereits vor Isoldes Liebestod auf, lauscht dem Schlussgesang seiner Geliebten und schließt sie nach dem letzten Ton inbrünstig in die Arme.

Étienne Pluss hat Lübbe hinter einem von fettFilm für viele Projektionen von Nachtschwarz mit weißen Fäden und Vernebelungen genutzten Portalschleier mit Neonrahmen einen Schiffsfriedhof auf die Drehscheibe gesetzt. Es ist also morsch und düster auf Cornwall und der irischen Burg Kareol. Vergangenheit im Verfall. Archaik prallt auf Designer-Mode, Ledermäntel und Fantasy, wenn Isolde von Linda Redlin schließlich doch noch in einen madonnenblauen Mantel gesteckt wird, der auch für eine Priesterkönigin im Romankosmos von Marion Zimmer Bradley gut passen würde.

Wichtiger ist: Erst gegen Ende entschlüsseln sich die Positionen des Paares, das sich bei der ersten Begegnung nur streift und sich in der Liebesszene des zweiten Aktes mit den Körpern gar nicht, mit Blicken selten berührt. Tristan interagiert auch mit Isolde-Doubles an seinem Krankenlager. An einigen Stellen formt ein anderer Tristan Isoldes Worte, eine andere Isolde Tristans Worte mit den Lippen nach. Solche Mittel nutzt Lübbe, um die Wesensverschmelzung des Paare anzudeuten und zeigt damit, dass es um weitaus mehr geht als um die Utopie einer endlosen erotischen Zweisamkeit wie wie in der Minnegrotte von Gottfried von Straßburgs Epos oder der bretonischen Sage, Wagners Quellen.

Trotzdem wirkt irritierend, dass Meagan Miller als Isolde allenfalls verstimmt ist und die tiefe Erschütterung durch Tristans sie schändendes Verhalten in ihren schönen Posen kaum den Widerhall findet, der den geplanten Doppelselbstmord plausibel macht. Die amerikanische Sopranistin fühlt sich in den dramatischen Attacken des ersten Aufzugs generell besser als in den weltabgewandten, lyrischen Stellen der zweiten Hälfte ihres Parts, in denen sie sehr gesund und vital wirkt. Daniel Kirch hat inzwischen ein starkes baritonales Fundament, mit dem er er die Fiebermonologe Tristans ohne Kraftverlust und bestens gestählt bewältigt.

Die stärkste Leistung des Abends ist der König Marke von Sebastian Pilgrim. Tristan und Isolde bleiben hinter ihm an dramatischer Expression zurück: Marke ist die einzige Figur, die tatsächlich wissen will und zu fordernder Kommunikation fähig ist. Keine balsamische, sondern genuin herbe Stimme mit Fülle. Vorsätzlich unauffällig bleiben Jukka Rasilainen als väterlicher Kurwenal und die wohltönende, weitgehend auf diskrete Besorgnis minimalisierte Brangäne von Barbara Kozelj. Der Herrenchor tritt mit der von Wagner verordneten sängerischen Derbheit als Arbeitergruppe auf.

Lübbe erklärt nicht. Deshalb ist die Szene auch eine passende Ergänzung zu dem, was Ulf Schirmer mit dem glänzend disponierten Gewandhausorchester aus Wagners zukunftsweisender Partitur macht. Schirmers „Tristan“ kultiviert nach dem schmachtenden Beginn des Vorspiels von den ersten Crescendi bis zum Verklingen des Liebestods eine flecken- und schartenlose Fülle des Wohllauts. Wagner-Opium also ohne jene vibrierende Nervosität, mit der sich durchsichtigere und mehr an der Deklamation orientierte Einstudierungen auszeichnen. Dafür reihen sich in Masse rauschhafte Wirkungen, die Hörer an dem Dynamit von Wagners prä-modern geschärfter Harmonik mit hochprofessioneller Souveränität vorbeimanövrieren. Frenetisch-verzückter Applaus.

Premiere: Samstag, 5. Oktober 2019, 17 Uhr (besuchte Vorstellung) - Weitere Aufführungen: 12. Oktober / 10. November 2019 / 14. März / 01. Juni 2020 (alle Vorstellungen mit Einführung 45 Min. vor Vorstellungsbeginn)

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