Mozart an der Moldau: Vom Himmel regnet’s Seifenblasen – Eine poetische „Così fan tutte“


(nmz) -
Dass diese Premiere überhaupt stattfinden konnte, sei nahezu ein Wunder gewesen. Per Boye Hansen, als Künstlerischer Leiter von Nationaltheater und Staatsoper quasi der oberste Opernchef in Prag, grüßte am Samstag beglückt und freute sich für Ensemble und Publikum über die Negativ-Tests der A-Besetzung. Die B-Premiere von Mozarts „Così fan tutte“ freilich ist vorerst gecancelt, weil deren Besetzung pandemiebedingt nicht ausreichend proben konnte.
10.01.2022 - Von Michael Ernst

Dass dieser Mozart an der Moldau dennoch ein gefeierter Erfolg werden konnte, lag sowohl an der einfallsreich sinnlichen Regie von Tatjana Gürbaca als auch am zupackenden Dirigat von Karsten Januschke im sogenannten Ständetheater, bekanntlich der Uraufführungsstätte von „Don Giovanni“ und „La clemenza di Tito“. Die 1790 am Wiener Burgtheater herausgekommene „Così“ wurde nun völlig entstaubt und – als Koproduktion mit dem Theater Mannheim, wo sie im Juli Premiere haben soll – in geradezu kammermusikalischer Brillanz auf die Bühne gebracht.

Beinahe singspielartig beginnt diese Fortsetzung des im vergangenen Jahr gestarteten Da-Ponte-Zyklus’ auf der Vorbühne mit einem Federball-Duell zwischen den Herren Ferrando und Guglielmo. Beide werden Verlierer sein, da Don Alfonso hier schon seine Machenschaften um die Untreue der Frauen zu spinnen beginnt, die er den beiden beweisen will. Und auch, nachdem sich der Vorhang geöffnet hat, spielt sich fast alles auf kleinstem Raum ab, vornehmlich in einem Papierhäuschen, deren Wände bei Bedarf durchgetreten werden, um Ein- und Ausblick und Durchgang zu haben.

Die Geschichte ist auch optisch hübsch auf den Punkt gebracht. Die Schwestern Dorabella und Fiordiligi freundlich in langen hellen Kleidern mit zum Stolpern verleitender Schleppe, das durchtriebene Hausmädchen Despina kommt quirlig aus einer Klappe im Bühnenboden hervor, Alfonso wahrt mit langem Mantel die Chefposition und die gehörnten Liebhaber wechseln zum Spiel im Spiel aus edel beigen Anzügen in eine Art Outdoor-Kluft. Lediglich für einen Soldatenaufmarsch hat Ausstatterin Ingrid Erb in die Historienkiste gegriffen, dafür als Pendant allerdings auch ein schneeweißes Schäferstündchen in Rokoko-Manier mit Kunstschaf serviert.

So klein die Bühne auch ist, es gibt stets viel Bewegung, das spielfreudige Ensemble wird von Regisseurin Tatjana Gürbaca mit kundiger Hand geführt und präsentiert Höhen und Tiefen von Liebe und Verführbarkeit in überzeugender Hingabe. Da wird gerungen, gekämpft und gezärtelt, am Ende ist diese „Schule der Liebenden“ nichts anderes als die allseitige Einsicht ins Desaster – mit immerhin emanzipatorisch zu deutendem Ausstieg: Zwar hat es bei der fingierten Eheschließung der Schwestern mit den angeblich noblen Albanern noch Seifenblasen vom Himmel geregnet, doch nach der Ent-Tarnung dieser Intrige sind alle am Boden zerstört. Fiordiligi flieht in ihre frühere Beziehung zurück, Dorabella aber wagt eine Flucht nach vorn: Trotzig steigt nun sie in eine Soldatenmontur. Der weitere Ausgang ist offen.

Sämtliche Solopartien dieser Neuproduktion sind als Rollendebüts ausgewiesen. Sie adeln Mozarts Komposition mit Eleganz in Ausdruck und Stimmführung, wobei Kateřina Kněžíková als Fiordiligi und Arnheiður Eiríksdóttir als Dorabella ebenso miteinander harmonieren wie Petr Nekoranec und Lukáš Bařák als Ferrando und Guglielmo. In vergleichbarer Weise ergänzen sich Pelageja Kurennaja und Jiří Hájek als Despina und Don Alfonso. Ein spielerisch agiler und vokal so überzeugender Opernchor ist in Zeiten wie diesen beinah schon eine Überraschung für sich (Einstudierung Jan Bubák). Und ein derartig mit Verve aufspielendes Orchester, das Karsten Januschke ebenso auftrumpfend wie umsichtig führt, ist für Mozarts Musik geradezu ein Idealfall.

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