Musikfest Berlin: „Beethoven 2020 geht nicht ohne Levit“ – Michael Ernst im Gespräch mit Winrich Hopp


(nmz) -
Das Musikfest Berlin konnte ebenso gerettet werden wie die musica viva in München. Durch die Corona-Pandemie war beides in Frage gestellt, aufgrund der inzwischen eingetretenen Lockerungen dürfen die Veranstaltungen aber stattfinden, freilich in aktualisierter Form sowohl hinsichtlich des Publikums als auch der Programme. Winrich Hopp, seit 2006 Künstlerischer Leiter beim Musikfest und seit 2011 in gleicher Funktion auch bei der musica viva tätig, spricht mit Michael Ernst über seine Freude, dass komplette Absagen verhindert werden konnten, sowie über die notwendig gewordenen Abstriche.
24.08.2020 - Von Michael Ernst

nmz: Winrich Hopp, Sie stehen im Spagat zwischen Spree und Isar. Künstlerischer Leiter sowohl beim Musikfest Berlin als auch bei der musica viva in München, das ist eine doppelte Herausforderung, kann aber auch Synergieeffekte bündeln. Wie sehen Sie diese Verbindung?

Winrich Hopp: Ich empfinde da nichts Akrobatisches. In beiden Flüssen kann man baden – und natürlich auch „baden gehen“. Beide Städte sind Weltzentren der Musik, die unter internationaler Beobachtung stehen. Die musica viva und das Musikfest Berlin wiederum sind wesentlich different: Die erstere ist eine Konzertreihe über die ganze Saison, veranstaltet von einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt, verbunden in enger Partnerschaft mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das die meisten der Programme spielt. Das Musikfest ist ein internationales Tournee- und Gastspielfestival zum Saisonstart, veranstaltet von den Berliner Festspielen, einer Einrichtung des Bundes, mit der Stiftung Berliner Philharmoniker als engstem Partner, wobei die Philharmoniker nur zwei der insgesamt rund 30 Programme beisteuern. Übertragen auf die Schwesterkunst des Schauspiels: Die musica viva ist ein Theaterhaus mit einem festen Ensemble, das Musikfest Berlin ist ein Festival der gastierenden Ensembles, ein Art Berliner Theatertreffen der Musik. Also, die Münchner Konzertreihe und das Berliner Festival sind hinreichend different, um sich punktuell auch von Zeit zu Zeit verbinden zu können.

Beide Orte sind dem Neuen in der Musik verpflichtet, haben schon längst – in unterschiedlicher Form – eigene Traditionen gestiftet und müssen sich gegen eine Vielzahl „seichterer“ Festspiele behaupten. Wie halten Sie die Alleinstellungsmerkmale aufrecht?

Das Musikfest Berlin ist insbesondere ein Gastspielfestival der internationalen Orchester. Insofern spielt das symphonische Repertoire beim Musikfest eine wichtige Rolle. Aber mir liegt daran, den Horizont zu erweitern: in die Gegenwart und zurück in die ältere Musikgeschichte. Wir haben große Filmprojekte mit Livemusik, japanischem No-Theater, Musik der Metro Goldwyn Mayer Produktionen, elektronische Projekte, Jazz-Abende, Frank Zappa usw.  Aber immer geht es auch um die Orchester, die Interpreten und Dirigenten, wegen der viele Besucher sich die Tickets kaufen. Bei der musica viva sind die Auftragsarbeiten zentral. Die Konzertreihe ist eigentlich, so hatte es schon ihr Gründer Karl Amadeus Hartmann gesehen, ein Forum der Komponistinnen und Komponisten. Insofern ist auch die Konzertsituation ein komplett andere.

Im Krisenjahr 2020 waren beide Veranstaltungsreihen gefährdet, konnten aber – mit programmatischen Einschränkungen – gerettet werden. Wie viel von den Ursprungsideen konnten gehalten werden?

Von „gerettet“ kann insofern gesprochen werden, dass nun in unserem Musikleben Veranstaltungsformate wieder stattfinden können, Institutionen wieder Öffentlichkeit gestalten. Dennoch ist die Bedrohung nicht aus der Welt. Wir spielen vor einem Publikum, das nur ein Viertel dessen ausmacht, was wir sonst in unseren Konzerten hatten. Gewachsene Abonnementstämme erodieren. In der Musik und im Theater, in der Kunst und Kultur herrscht ein ganz klarer Mangel. Mangel an Öffentlichkeit. Digitalität ist ein Notbehelf, sie kann nicht das gemeinsame, das gesellige und gesellschaftliche Leben ersetzen. Trotzdem: Pessimismus ist nicht angesagt, sondern wir wollen unsere Arbeit couragiert und zuversichtlich fortsetzen. Beim Musikfest Berlin sind die Gastkonzerte der internationalen Orchester alle geplatzt. Aber die Grundidee des Festivals, im Beethoven-Jubiläumsjahr die Komponistinnen und Komponisten der Gegenwart ins Zentrum zu rücken, ist erhalten geblieben. In München werden wir viele orchestrale Auftragsarbeiten nicht realisieren können. Stattdessen programmieren wir Ensemblewerke mit rund 20 bis 30 Musikern auf der Bühne für rund 200 Besucher im Saal. Wichtigstes künstlerisches Kriterium: Wir möchten möglichst alle ursprünglich eingeladenen Akteure dabei behalten und Programme präsentieren, die die Einschränkungen, unter denen wir veranstalten müssen, vergessen machen.

Das Musikfest Berlin steht diesmal im Zeichen des Jubilars Ludwig van Beethoven und der in einer Porträtreihe vorgestellten Komponistin Rebecca Saunders. Wo sehen Sie die verbindende Klammer zwischen diesen beiden Antipoden?

Ich finde, mit dem Wort „Antipode“ kommen wir auf den falschen Weg. Es hätte auch nur Rebecca Saunders die Chance, sich antipodisch zu verhalten. Beethoven kann sich ja gegenüber Saunders nicht mehr positionieren. Beethoven heute ist kein Über-Komponist mehr, keiner, dessen Nähe man fliehen möchte oder auf dessen Schultern man meint, stehen zu müssen. Er ist nicht mehr das Rezeptionsungeheuer, von dem Adorno noch meinte, dessen Musik stünde „für das Ganze“ der abendländischen Musik. – Mir war es wichtig, zu Beethoven eine Stimme unserer Gegenwart zu finden, die nicht weniger kräftig, zupackend, zerbrechlich, überschreitend, form- und materialbewusst ist, als es Beethoven auch war. Und grundsätzlich eigenständig und eigensinnig ist – so wie Beethoven. Eine Stimme, die auf ihre ganz eigene originäre Sprachlichkeit setzt. Die nicht Beethoven braucht, um sich ihrer selbst zu vergewissern. Das ist ganz klar Rebecca Saunders. Ich habe mit Saunders nicht über Beethoven gesprochen, sondern über ihre eigene Musik. Ich weiß, dass sie die Nachbarschaft Beethovens in Konzertprogrammen durchaus schätzt. Sie flieht ihn nicht. Auch die Nachbarschaft Weberns, Ustwolskajas, Feldmans und vieler anderer mehr findet sie anziehend. Ohne dass sie sich in ihrer eigenen Musik auf diese Namen beziehen würde. Saunders ist übrigens eine außergewöhnliche Beckett-Kennerin. Von Beckett gibt es diesen schönen Film „Ghost Trio“, also mit der Musik von Beethovens berühmtem Klaviertrio. Den zeigen wir auch beim Musikfest, außerdem den gemeinsamen Film von Gerhard Richter und Corinna Belz, zu dem Saunders die Live-Musik geschrieben hat. Beethoven, Richter, Beckett, Saunders: da kommen viele Dinge zusammen, von denen man nicht dachte, dass sie miteinander eine Konstellation ausbilden könnten. Vielleicht gibt es tatsächlich Bezüge, Klammern … Warten wir ab, was sich zeigt, wie es wirkt.

Als Fest im Fest gibt es eine Konzertreihe mit Igor Levit und allen 32 Klaviersonaten von Beethoven, warum ist Ihnen das wichtig?

Levit ist einer der ganz wichtigen Beethoven-Interpreten unserer Zeit. Ich bin überzeugt, „sein“ Zyklus der Klaviersonaten ist nicht nur mir wichtig, sondern auch sehr vielen Konzertbesuchern. Ich finde ihn in dem Festivalprogramm unverzichtbar. Beethoven 2020 geht nicht ohne ihn.

Ihr Corona-bedingt aktualisiertes Programm wartet mit großen Namen auf, Barenboim, Eschenbach, Jurowski, Petrenko … – wo bleiben da Wagnisse und Entdeckungen?

Die genannten Dirigentennamen sind die Chefdirigenten der in Berlin ansässigen Orchester, die natürlich beim Musikfest Berlin stets mit von der Partie sind. Das gehört zur Gründungsidee des Festivals. Die Namen waren auch vor der Corona-bedingten Modifizierung des Programms schon dabei. Sie sind meistens jedes Jahr dabei. Und sie sind ziemlich gut für Überraschungen … Denken wir in an die Carter- und Boulez-Beiträge von Barenboim, an die Messiaen-, Schoenberg- und Eisler-Beiträge des DSO, Rattles Engagement für Dessau und Stockhausen, Petrenko kam aus München mit Ligeti, dieses Jahr wollte er mit Xenakis an den Start der Saison gehen. Corona hat das durchkreuzt. Um die Corona-konditionierte Veranstaltungssituation zu thematisieren: Gegenwärtig findet jedes Programm unter experimentellen Bedingungen statt: auf der Bühne, hinter der Bühne, im Saal und vor dem Saal. Alles ist neu, alles steht unter dem Zeichen des Erstmaligen, alles ist experimentell und zwar für jeden.

Der RIAS Kammerchor wird auftreten, mit einem Programm, das sich der klassischen Vokalpolyphonie widmet. Also der Klassik vor derjenigen Klassik, zu der wir Beethoven rechnen und auf die sich der Klassikbegriff unseres Musiklebens verengt hat.

Können Sie schon etwas zum Publikumszuspruch sagen, überwiegen Heißhunger auf Live-Konzerte oder eher Ängste vor öffentlichen Veranstaltungen?

„Heißhunger“ und „Angst“ scheinen mir sehr zugespitzt formuliert. Eher sehe ich den von Sorgen begleiteten Wunsch oder das Verlangen nach öffentlichen Leben. Das eine ist nicht ohne das andere zu haben. Wir arbeiten im Konzertleben unter gesteigerten Vorsichtsmaßnahmen, die durchaus vertrauensbildend wirken. Möglicherweise geht es in den Konzerthäusern zurzeit auch vorsichtiger zu als andernorts im öffentlichen Leben. Aber wer will und soll das entscheiden, ob das eine zu vorsichtig, oder das andere nicht vorsichtig genug ist?

Und wie ist die Situation in München? Die neue Saison der musica viva sollte ja Ende September mit Heiner Goebbels und dem Ensemble Modern starten.

Das neue Heiner Goebbels-Projekt mit dem Ensemble Modern Orchestra, übrigens eines der großen Projekte, die dank der BTHVN-Initiative des Bundes und wesentlich auch durch die Synergie von Berlin und München möglich wurde, ist samt der anschließenden Tournee nach September 2021 verschoben. Die musica viva wird nun am 26. und 27. September mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gestartet, mit Rihms radikalen „Jagden und Formen“, die jedes Ensemble an den Rand des Spielbaren treibt, und seinem für Christian Gerhaher und Tabea Zimmermann geschriebenen „Stabat Mater“, einem unfassbar intim gehaltenen Duo zweier verschlungener Linien für Bariton und Viola. Nur diese beiden „Stimmen“. Sonst nichts. In diesem Programm ist viel Feuer, viel Liebe.

Täuscht der Eindruck, dass auch hier mit Luciano Berio, Chaya Czernowin, Péter Eötvös, György Kurtág, Helmut Lachenmann, György Ligeti und Isabel Mundry eher auf die „sichere Bank“ gesetzt wird?

Ja, der Eindruck täuscht. „Sichere Bank“ kommt als Begriff in meiner Arbeit nicht vor.

Zurück zum Spagat zwischen Isar und Spree: Wo sehen Sie ein aufgeschlosseneres, neugierigeres Publikum, in München oder in Berlin?

Ich habe weder in München noch in Berlin Besuchernot. Wohl aber derzeit größte Not, dem Publikum, den Orchestern und den Musiker*innen an der Isar und der Spree hinreichend viele Veranstaltungen präsentieren zu können. Das Publikum ist aufgeschlossen, neugierig und von Sorgen begleitet aller Orten. Wir alle sorgen uns um unser öffentliches Leben, das wir selber sind. Um so mehr gilt es, es zu gestalten.


  • Gespräch: Michael Ernst

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