Mutiger Genresprung: „Alles Schwindel“ am Maxim-Gorki-Theater Berlin


(nmz) -
Christian Weise setzt nach einer sehr gediegenen Lesart der Semperoper mit artifizieller Verspieltheit auf Mischa Spolianskys und Marcellus Schiffers Revue „Alles Schwindel“. Mit dem in diesem Genre ungeübten Ensemble des Berliner Maxim-Gorki-Theaters erarbeitete er eine zwischen Roaring Twenties und heutigem Optimierungswahn springende Vaudeville-Groteske. Leider drückt er dabei zu stark auf die von ihm angestrengte Motorik, deshalb stumpft das große Witzpotenzial gegen Ende ab. Schade, denn die ganze Crew zeigt Lust, Spaß und Können!
20.12.2017 - Von Roland H. Dippel

Es mag ein Zufall sein, dass die Namen von Artur Henschke und Erna Schmidt die gleichen Initialen haben wie Adam und Eva. An diesen Urmythos gemahnt das Paar in der Inszenierung von Christian Weise, der mit „Wie werde ich reich und glücklich“ am Deutschen Nationaltheater Weimar eine genial-glückliche Hand für Mischa Spoliansky bewiesen hatte. Denn Artur und Erna zeigen wenig Liebe füreinander, mehr Pragmatismus und Zweckopportunismus. Das sind die neuen Tugenden, die man beim jungen Sündenfall anstelle alter Vorzüge wie Solidarität und Mitgefühl erwirbt. Schon bei Spoliansky und Schiffer liegt „Selbstoptimierung“ in der Luft, obwohl dieses Lieblingswort von jetzt noch nicht existierte, damals zur Uraufführung 1931 im Theater am Kurfürstendamm mit Gustaf Gründgens als Regisseur und Darsteller des Artur-Tonio. Am Semper2 scheiterte man in der ersten Produktion nach 85 Jahren an den langen Dialogszenen und deren Brüchen zu den Musiknummern. Dank der Vielfalt seiner Spieltechniken hat das „Gorki“-Ensemble keinerlei Schwierigkeiten damit.

Hier ist vor dem Blick durch die Bühnenbildröhre auf das gemalte und gebastelte Berlin der Zwanziger Jahre fast alles möglich: Die Darsteller stecken, oft nicht erkennbar, unter fetten Makeups, schweren Perücken, breiten Zwirbelbärten, langen Wimpern und ausgepolsterten Roben. Sogar die Chausseebäume sind aus echtem Schauspielermaterial: Aram Tafreshian, Mehmet Yilmaz und alle anderen schlüpfen in mindestens vier Rollen. Das kommt einem aus Weimar bekannt vor, wo Christian Weise seinem Bild der späten zwanziger Jahre einen apokalyptischen Anstrich gegeben hatte. Doch hier, unter dem Brauereischild „Berliner Schwindl“ in der Pinke-Bar, interessiert sich der Regisseur mit Julia Oschatz (Bühne), Adriana Braga Beretzki und Frank Schönwald (Kostüme) mehr für die Automatismen des gesellschaftlichen und intimen Verkehrs. Der Tanz auf dem Vulkan wird gefährlich, weil man im Glauben an das, was man sehen kann, die Wahrheit aus den Augen verlieren will. In der auf Schmuddel dekorierten Pinke-Bar und beim klunkerschweren Empfang von Direktor Panke sind alle anderen noch weitaus besser optimiert als Artur und Erna, die im Textbuch und auf dem Besetzungszettel mit ihrem mondänen Fantasienamen Evelyne Hill und Tonio Hendricks genannt werden. Die künstliche Identität ist betoniert als Voraussetzung und Mittel zum Überleben.

Sogar die Zeit darf nicht fließen. Deshalb wird die Jagd nach der riesigen Geldsumme immer wieder abgebremst. Für das Zeitgefühl gilt „Alles Schwindel“ wie für Ernas Kontaktanzeige mit den von Mr. Right erbetenen Attributen. Weil sie bekommen will, was sie sich wünscht, schaltet Erna-Evelyne ihre Glaubwilligkeit auf Höchststufe, lässt aber die eigene Glaubwürdigkeit im Reservemodus. Für das erste Rendezvous nimmt sie sich vom Arbeitgeber heimlich die Luxusroben, der Chauffeur Artur von seinem Boss den Luxusschlitten: Alles kaputt beim Autounfall nach dem Rendezvous im Edellokal am Wannsee! Jetzt fehlt es dem bei seiner Selbstoptimierung böse mitgespielten Pärchen am schnellen großen Geld. Dieses Akutproblem schweißt zusammen. Obwohl sie sich eigentlich viel zu gut füreinander halten, tricksen sie sich teamfähig an den Zaster zur Schadensbehebung heran. Das ist ganz einfach, weil jeder als etwas Besseres erscheinen will und es deshalb mit den Identitäten anderer nicht allzu genau nimmt. 

Man kommt aus dem Lachen, Schmunzeln und zustimmenden Rumoren nicht heraus, immer wieder gibt es bei der zweiten Vorstellung antreibende Zwischenrufe. Der Amüsierfaktor ist überdurchschnittlich hoch für das bunt-queere Ambiente, in dem jede normale Tour die allzu banale Tour wäre. Das beginnt beim mit seinem Hund in fröhlich bizarrer Harmonie vereinten Detektiv (Alexander Darkow) und geht so weiter bis zum Schmuckhändler Krybytzky (Oscar Olivo), der mit marionettenhaften Zoten glänzenden Ratten-Else (Sonja Liebau) und dem schwerhörigen Zimmermädchen Bianka (Mareike Beykirch) in dem kleinen Hotel, wo sich Erna-Evelyne und Artur-Tonio mit ein paar müden Vertraulichkeiten erholen. Für das „Gorki“-Ensemble ist es ja längst Alltag in seiner vorbildlich diversifizierten Theaterwelt, dass es auf der Bühne ohne Hürden durch die drei Geschlechter zu Männern, Frauen, Tieren, hier sogar Fast Food, Alkoholflaschen und Bäumen wird. Vidina Popov als Erna-Evelyne ist keine Revuediva, sondern ein Rädchen in diesen forcierten Dialogen und Gesängen. Nichts, auch gar nichts wirkt echt an dieser Figurenführung: Emotionen und Gelüste im Keller, Ehrgeiz als Triebmotor. Die kantige Choreographie von Posen und Requisiten zieht sich auf immer gleichem Pegel durch und wird deshalb gegen Ende zur bleischweren Bürde.

Es fällt schwer zu entscheiden, ob die Wendigkeit von Jonas Dassler in der Gründgens-Rolle des Artur-Tonio ein vorsätzlicher Kontrast dazu sein soll oder diese Wirkung seiner sternklar aus dem Ensemble herausblitzenden Darsteller- und Tänzer-Qualitäten zuzuschreiben ist. Dieser schon aus verschiedenen Film-Fernsehrollen bekannte Darsteller wächst über sich hinaus und in eine fast chaplinesk anmutende Musicalsouveränität hinein. Gesang ist dabei ebenso wenig Jonas Dasslers große Stärke wie die seiner Mitspieler. Das muss es hier nicht, weil die Spieler mit Text und dem musikalischen Sinn von Spolianskys Liedern weitaus besser umgehen könnten als sie an diesem Abend zeigen. Als Einziger schwebt aber Jonas Dassler im Himmel über Revue-Berlin, während die anderen am Boden bleiben.

Hier merkt man, wie stark ein so ambitioniertes und artifizielles Projekt an der musikalischen Realisierung hängt. Mischa Spolianskys und Marcellus Schiffers Lieder sind mehr Vaudeville-Nummern als durch Musik konditioniertes Theater. Das Arrangement von Jens Dohle (Schlagzeug, Vibraphon) mit den auf der Bühne agierenden Musikern Falk Effenberger (Klavier) und Steffen Illner (Kontrabass) wäre eigentlich die genau richtige Besetzung. Doch die Lieder gewinnen, noch dazu flächig verstärkt, keinen inneren Puls. Sie bleiben ohne dynamische Differenzierung und sinngemäße Verdichtung des Ausdrucks. Das drückt den quirlig gedachten Automatismus. Spontane Überraschungen werden immer mehr zu absehbaren Slapsticks. Sobald man diese Methodik begreift, knickt die Spannungskurve nach unten.

Dabei holt das Ensemble Spolianskys „Alles Schwindel“ bemerkenswert intelligent und kreativ in die Gegenwart und brachte das eigene Potenzial mit hoher Gewinnwahrscheinlichkeit ein. Das einzig Fehlende sind mehr Mut zur Leichtigkeit und etwas von jener Geschmeidigkeit, die bei Spoliansky und Schiffer genauso goldrichtig wäre wie bei Brecht und Weill.