Neunzigminütiger Digest – „Die Meistersinger von Nürnberg“ als Oper für Kinder in Bayreuth


(nmz) -
Während sonst für die Sonderreihe „Oper für Kinder“ bei den Bayreuther Festspielen ungewöhnliche Raumlösungen gefunden wurden, ist in diesem Jahr auf der Hälfte der Probebühne IV des Festspielhauses erstmals eine steile Tribüne errichtet. Auf der anderen Hälfte der Fläche der Probebühne ist das Orchester positioniert; davor eine Schusterwerkstatt, wie man sie auch auf dem Handwerkermarkt in Nürnberg zu sehen bekommt und in klassischer „Meistersinger“-Bühnenanordnung rechts davon das Haus Pogners – allerdings mit einem Balkon anstelle des für Beckmessers Ständchen obligatorischen Fensters zu Evas Zimmer. Ein Bericht von Peter P. Pachl.
29.07.2019 - Von Peter P. Pachl

Noch vor den ersten Klängen der Ouvertüre kündigt in der neuen Fassung von Katharina Wagner und Markus Latsch Pferde-Getrappel und -Schnauben die Ankunft des Ritters Walther von Stolzing in Nürnberg an.

Als Liebe auf den ersten Blick bekennt dieser Eva von der Straße aus zum Balkon, er ginge immer zur Kirche, und so verabreden sich beide daselbst. Hierzu werden die beiden Bühnenwagen um die eigene Achse gedreht und verweisen dann, mit farbigen Glasfenstern, auf das Innere der Katharinenkirche. Durch eine weitere Drehung von Ivan Ivanovs Bühnenbild wird daraus die Versammlungsstätte der Meistersinger, mit einem durchaus originellen Gemerk: einem Sitz mit Holzklappen vor den Augen des Merkers.

In gewohnter Weise wird die Aufführungsdauer radikal verkürzt. In knapp neunzig Minuten gibt es einen Digest, der auf Vieles verzichten muss.

Die verbleibenden Ausschnitte aus den Szenen werden durch kurze, neue Dialoge verknüpft. Einmal wird sogar in den Gesangstext Wagners eingegriffen: Beckmessers Preislied, welches die Mitschrift von Walthers erstem Preislied durch Sachs nicht nur durch eine unpassende Weise sondern auch textlich verhunzt, erzählt Beckmesser von seiner Einladung an „garstig und fein“, woraus nun „garstiges Schwein!“ wird.

Zwangsläufig wird auf die Erklärung der Bar-Form im dritten Aufzug verzichtet, und auch von Walthers Einführung in die Meistersinger-Kunst durch David bleibt nur wenig übrig, Stolzing singt hingegen sein erstes Werbelied beinahe komplett.

Personell verzichtet wird auf drei der Meister, auf den Nachtwächter und auf den Chor; der Choral in der Kirche erklingt als Quartett, und die Prügelfuge ist reduziert auf jene Stimmen, die auf der Bühne vorhanden sind und die sich als Kissenschlacht sowie mit Äpfeln und Semmeln als Wurfgeschosse bekämpfen und beim Aktschluss am Boden liegen bleiben, bis sie auf der Festwiese durch ein kleines Derivat das „Wach auf!“-Chores wieder erwachen. Diesen Choreinsatz üben und singen die anwesenden Kinder (und Erwachsenen) nach kurzer Anleitung und Probe unter David (Stefan Heibach).

Das Ende des ersten Aufzugs geht nahtlos in die Johannisnacht des zweiten über. Weniger Skrupel als in den Vorjahren hatte der musikalische Bearbeiter Marco Zdralek diesmal, was das harte Aufeinanderprallen von Harmonien infolge der Striche betrifft.

Optisches Leitmotiv

In der Inszenierung von Dirk Girschik wird ein gefalteter weißer Vogel zu einem optischen Leitmotiv, das die Kinder mittels einer Anleitung im Programmheft zuhause als Origami nachfalten können.

Am Ende überreicht Pogner seinem zukünftigen Schwiegersohn Walther von Stolzing die Meisterkette, welche allerdings im ersten Akt als sein persönliches Schmuckstück mit dem Abbild Evas eingeführt worden war. Beckmesser versöhnt sich verbal und per Handschlag mit Walther, dessen künstlerische Leistung er offenbar ehrlich anzuerkennen bereit ist.

Zu den letzten Klängen der vormittäglichen Opernaufführung wird als Blick auf die deutschen Meister die Rückwand der Probebühne geöffnet: der Blick zum Festspielhaus und ein frischer Luftzug. 

Unter der musikalischen Leitung von Azis Sadikovic wird von dreißig Musikern des Staatsorchesters Frankfurt (Oder) munter musiziert, darunter auch von der Harfenistin Julia Gollner, die – wie in der aktuellen Inszenierung im Festspielhaus – die Beckmesser-Harfe auf der Szene live bedient.

Im Ensemble, wie auch solistisch, wird gut gesungen. Neben den bewährten weiblichen Kinderopern-Kämpen Christiane Kohl (Eva) und Simone Schröder (Magdalene) singen und agieren weitere elf Solisten, die auch im Festspielhaus zu erleben sind, wie Michael Gniffke, Kay Stiefermann, Armin Kolarczyk, Marek Reichert, Paul Kaufmann, Andreas Hörl und Ralf Lukas. Beachtlich heldisch, wenn auch mit Textproblemen, singt Vincent Wolfsteiner die Ausschnitte aus der Partie des Walther von Stolzing. Timo Riihonen steuert als Veit Pogner einen fundierten Bass bei. Und Werner van Mechelen als Hans Sachs ist ein glaubhaft positiver Drahtzieher der Geschicke.

Die von Schulkindern in Duisburg vorentworfenen Kostüme hat Ina Kromphardt realisiert. Wie in den Vorjahren dominiert im Eindruck des Outfits der handelnden Personen die Maske, erarbeitet vom Studiengang Maskenbild der Theater Akademie August Everding in München.

Diesmal sind die kindlichen Besucher weniger in den Spielablauf integriert als bei der Inszenierung der „Meistersinger“ für Kinder vor sieben Jahren.

Doch ohne Ermüdungserscheinungen goutierten sie die bereits vierte Aufführung mit Applaus, Bravorufen und Füßetrampeln.


  • Weitere Aufführungen: 30., 31. Juli, 1., 3. 4. August 2019.

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