Nicht schweigen, nicht mehr schweigen – Zimmermanns „Weiße Rose“ in Schwerin


(nmz) -
Ob man will oder nicht, jede Aufführung von Udo Zimmermanns Kammeroper „Weiße Rose“ ist eine Geschichtsstunde, eine imperativische zugleich, nicht mehr zu schweigen. Sie ruft kaum Erträgliches aus der Vergangenheit wach und zerrt Fatales der Gegenwart ins Bewusstsein. Eine Inszenierung des Zwei-Personen-Stückes kann deshalb noch so musikalisch wie ästhetisch verklärt sein oder sich dokumentarischem Realismus verweigern, das Grauen der letzten Stunden des Geschwisterpaares Sophie und Hans Scholl dringt durch. Anders noch bestätigte sich das in Schwerin, wo intensiv der Seelenverfassung der beiden zum Tode Verurteilten nachgegangen wurde.
09.12.2019 - Von Arndt Voß

Udo Zimmermann ist 1943 geboren, in dem Jahr, in dem Sophie und Hans Scholl sowie andere Mitglieder der „Weißen Rose“ in München-Stadelheim enthauptet wurden, möglicherweise ein Auslöser dafür, sich nachhaltig mit den Widerständlern zu befassen. Zudem ist er in Dresden aufgewachsen. Er musste damit einen Staatsapparat kennenlernen, dessen Gestapo nun Stasi hieß. Grotesk ist ferner, dass auch Hitler 1922 kurzfristig dort einsaß, wo das Leben von Hans und Sophie Scholl endete, wo auch 1934 Hitlers Duzfreund und Intimfeind Erich Röhm erschossen wurde. Jetzt hat am gleichen Ort Beate Zschäpe jahrelang auf ihren Prozess gewartet.

Schwerin hat eine lange Beziehung zu Zimmermanns Werk, das jetzt mit den Texten Wolfgang Willaschecks gespielt wurde. Genau genommen ist es die dritte Fassung. Die erste, dokumentarisch basierte und textlich von Zimmermanns Bruder Ingo gestaltete, wurde 1967 als Studentenproduktion in Dresden uraufgeführt. Für Schwerin überarbeitete und erweiterte Zimmermann das Werk bereits ein Jahr später. Als es 1986 in Hamburgs Opera stabile wieder aufgeführt werden sollte, lieferte Zimmermann eine textlich wie musikalisch völlig neue, auch stark verkürzte Version, eine, die am Folgetag nicht nur Eisenach, sondern auch Schwerin wieder nachspielte. Immerhin zwei der jetzt mitwirkenden Orchestermusiker waren bei der Aufführung vor 32 Jahren schon dabei.

Die Aufführung fand im E-Werk statt, auf der Schweriner Studiobühne, dessen Gebäude noch immer den einstigen industriellen Charme atmet, der für solch ein Thema wie geschaffen ist. Links saßen die 15 Instrumentalisten, daneben sah der Zuschauer in einen schwarzen Kasten. Er stand auf metallischen Böcken, womit sich ein Darunter ergab, gestuft zwei kleinere Spielflächen davor. Unwirklich schwebte er wie ein Sarg über einem erdigen Boden. Lichteffekte verstärkten den trostlosen Eindruck. Den Raum selbst wiesen zwei vergitterte Fenster und zwei Pritschen als Kerker aus. Kathrin Kegler hatte mit dieser Gestaltung die platte Erinnerung an eine Gefängniszelle vermieden, auch durch einen Spalt in der Rückwand. Durch ihn sah man in eine Landschaft mit einem Gebilde, das Kirchturm oder Grabaufsatz sein konnte. Von dort allerdings, zugleich der stärkste optische Eindruck, wehten gleichsam Flugblätter herein, machten die „Sünden“ der Delinquenten sinnhaft. Schon beim Hereinkommen fand der Zuschauer weiße Bögen auf dem Boden und angepinnt an den Wänden. Je eine der 16 Szenen der Oper war darauf abgedruckt.     

Die Inszenierung hatte Toni Burkhardt besorgt, Operndirektor und Hausregisseur in Schwerin. Geschickt nutzte er den Raum, erzeugte sinnvoll Spannungen, die aus Text und Musik verständlich waren und ohne Exaltiertheiten in Gesten und Aktionen das Auf und Ab der Gefühlsmomente verdeutlichten. Dadurch überforderte seine Deutung nie, machte klar, dass er vor allem die Einsamkeit beider zeigen wollte. Nur in ganz wenigen Augenblicken berührten sie sich, standen Rücken an Rücken, lagen beieinander, wie sich gegenseitig schützend. Einmal deckte Hans seine Schwester mit ihrem Mantel zu, ein andermal schien sie ihn in ihrem Schoß trösten zu wollen, Handlungen, die auch die Szenen mit ihren disparaten Themen pantomimisch verbanden. Das Stumme wurde trotzdem laut, wenn Hans zum Schluss dreimal „Freiheit“ mit Kreide in die Wand zu gravieren schien. Das war ein starker Bühnenmoment und zugleich einer der doch einmal die geschichtliche Realität einbezog, Hans‘ letzte Worte „Es lebe die Freiheit!“

Marie-Theres Cramers Kostüme blieben im Privaten, waren schlicht, keine Gefängniskleidung. Auch das fügte sich zum Gesamtkonzept, das nicht dokumentieren, sondern die inneren Motive verdeutlichen wollte, die Qual, aus der heraus sie handelten, die Zweifel, ob alles sich mit ihrem Gewissen vereinbaren ließe, das Leid, das mit dem Verlust von Mutter und Vater, mit Unausgesprochenem verbunden ist. Es war eine Darstellung, die sicher auf dem schmalen Grat zwischen psychologisch glaubhafter Darstellung und monologischer Innenschau immer auch theatralisch überzeugte.

Stimmen

Zwei hauseigene Kräfte hatten die Partien übernommen, Katrin Hübner die der Sophie und Cornelius Lewenberg die des Hans, gesanglich wie in der Erscheinung, auch darstellerisch beide eine Idealbesetzung. Viel wird ihnen abverlangt und sie lösen es faszinierend ein. Der Gesangspart liegt für den Sopran oft extrem hoch. Dennoch schien Katrin Hübner mit ihrer wandlungsfähigen Stimme das zu bewahrheiten, was Sophie in der zweiten Szenen so formuliert: „Mein Herz ist wach, ich spüre jede Ader, jeden sanften Hauch“. Das ist berührend bis zum Schluss, wenn sie ihren Bruder fragt: „Sterbe ich durch den Strick oder durch das Fallbeil?“

Wenn Sophie auch scheinbar zerbrechlicher erscheint, ist Hans trotz all seiner Stärke doch der Schwächere. Cornelius Lewenberg lässt das spüren, wenn er voller Verzweiflung, dem Wahnsinn nahe in der dritten Szene „Schießt nicht! Schießt nicht!“ schreit oder in der zehnten von dem Mann erzählt, der regungslos und erfroren liegt: „Die harte Stimme hinter ihm trägt ordentlich den Tod in eine Liste ein.“ Beides sind Szenen aus der realen Erfahrung von Hans Scholl, die ihn zur Abkehr vom Nationalsozialismus und in den Widerstand gebracht haben. 

Die musikalische Leitung hatte Martin Schelhaas, Studienleiter und Kapellmeister am Hause. Zimmermanns teils schrille Klänge mit ihrer Imitation von Stiefeltritten, von Kettengerassel oder Eiseskälte bildeten die Mitglieder der Mecklenburgischen Staatskapelle bedrohlich nach, gestalteten auch in die kontemplativen Erinnerungsbilder feinsinnig und konzentriert. Ein Höhepunkt wurde das Leierkasten-Rondo mit der grotesk verzerrten Walzerseligkeit und dem Gegenüber von Sophies Text. Sie deutet es in ihrer Sehnsucht nach der Rückkehr in ein Alltagsleben als „Leises frohes Kinderlied. Leises frohes Himmelslied. Leises frohes Sterbelied“, während Hans den Mond auf ein „Totengesicht, eine Wasserlache“ scheinen sieht.

Fazit

„Nicht schweigen, nicht mehr schweigen“ stand anfangs auf dem Vorhang. Die Aufforderung beendete auch die Aufführung. Der Beifall ließ hoffen, dass die Botschaft angekommen war. 

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