NOW-Festival in Essen erforscht die Zwischenwelten


(nmz) -
Vergessen Sie alles, was Ihnen als gewohnte musikalische Parameter vertraut sind. Verlassen Sie die rigide Ordnung von Tonhöhen und tauchen ein in die reichhaltigen Zwischenwelten von Mikrointervallen. Und spüren die Poesie, welche von Glissandi und reibungsvollen Schwingungsverläufen ausgehen kann...
29.10.2015 - Von Stefan Pieper

So etwa hätte das Manifest der Spektralisten lauten können, die seit den 1980er Jahren nach neuen Grundlagen fürs Hören und Musizieren forschen. Solche Gedanken drängten sich beim Essener NOW-Festival auch ohne Kenntnis solcher Hintergründe auf. Das zeugte von einer gelungenen Musikvermittlung dank der gut durchdachten thematischen Konzentration seitens der Festival-Macher!

Ambitionierte Streichquartettkunst der Gegenwart kann und soll an musikalischen Überzeugungen rühren und diese gerne auch mal brechen. In dieser Hinsicht stand im Alfried-Krupp-Saal das „Quatour Diotima“ dem legendären Arditti-String-Quartett in nichts nach. Pierre Boulez‘ Kultstück „Livre pour quatour I und II“ wird zur atemlosen Tour de Force. Georg Friedrich Haas‘ Streichquartett versinnbildlicht das eingangs formulierte Manifest. Willkommen in der Welt der verbogenen Tonhöhen und Schwebungen! Einen entsprechenden, fiebernden Showdown setzte das Quatour Diotima schließlich mit dem sperrigen Meisterwerk „Tetras“ von Iannis Xenakis.

Findet Neue Musik vor allem in elitären Zirkel von ergrauten Akademikern statt? Weit gefehlt ist diese Annahme! Man brauchte -unmittelbar nach dem Streichquartett-Konzert- nur jenes im Jahr 2009 in den Reihen der Kölner Musikhochschule gegründete „Ensemble Garage“ zu erleben. Kreative Freiheit ist hier Lebenselixier. „Wir haben dieses Ensemble gegründet, um nicht immer nur Auftragsnehmer von Festivalveranstaltern zu sein“ betont Brigitta Muntendorf die Notwendigkeit, sich von zu viel Fremdbestimmung und auch vom üblichen Kuratoren-Wesen auf Festivals zu emanzipieren.

Froh sind die „Garagen-Leute“ daher auch, dass sie beim Essener NOW-Festival so viel freie Hand bei der Programmierung ihres Auftritts haben. Entsprechend disparat und mitunter „rough“ (so Brigitta Muntendorfs hier gepflegtes Attribut) huldigte das Repertoire in Essen der „spektralen“ Leitidee. In einem Duostück von Tristan Murail reiben sich die Physiognomien von Violine und Klarinette. Simone Movio komponierte sein Stück „Zahir III“, um die improvisatorisch anmutenden Klangschichten eines Baritonsaxofones mit viel Raumklang-Elektronik zu überhöhen. Ganz dem programmatischen „Kerngeschäft“ huldigte die Uraufführung eines neuen Werkes von Caspar Johannes Walter, den „Schwebenden Symmetrien“ für Obertonklavier und Pedal-Steel-Guitar: Auf der Pedal-Steel-Gitarre, die normalerweise in der Country Music beheimatet ist, lotet eine Art „Steelfinger“ wie beim Slidegitarrenspiel immer enger zugespitzte mikrotonale Räume aus. Wie unverbraucht, ja revolutionär ein Klassiker der Moderne daher kommen kann, belegte mittendrin die Pianistin des „Ensemble Garage“ Malgorzat Walentynowicz in Olivier Messiaens „Canteyodjaya“.

Die Spezialensembles der Gegenwartsmusik bestehen aus fabelhaften Solisten und arbeiten sich an neuen Ausdrucksformen ab. In dieser Hinsicht haben das „Ensemble Intercontemporain“ und ihr weltweit gefragter Leiter Matthias Pintscher in perfekter Weise zusammengefunden. Matthias Pintscher selbst redet ebenfalls nur begeistert von diesem Ensemble: „Niemand hat einen so stark ausgeprägten Sinn für Farben und niemand kann so intensiv zuhören - und vor allem auch leise spielen.“ Auch hierbei ging es in Sachen musikalischer Spektren-Auslotung ans Eingemachte:

Auf Quartett-Konstellation reduziert sich zunächst der Apparat in Franck Bedrossians „We met as Sparks“ für Bassflöte, Kontrabass, Klarinette, Viola und Violoncello. Da lebt eine reibungsvolle Interaktion wie ein hochverdichteter Atem, entfaltete eine eigenwillige Geräuschpoesie.

Ganz anderen, intensiv auflodernden Farbenreichtum entfesselte Matthias Pintscher danach mit einer größeren Besetzung plus zugespielter Elektronik. Ungeahnte Klangmixturen bäumen sich in Tristan Murails Werk „Desintegrations“ aus dem Jahr 1982/83 auf. Synthetische Klänge verbinden sich mit dem akustisch gespielten orchestralen Spektrum – beide Sphären durchdrangen im Alfried Krupp Saal mit explosiver Dynamik.

Flutete all dies wirklich durch den weiten Alfried-Krupp-Saal – oder passierte das mitten im eigenen Kopf? „Für mich war es extrem schwierig, so völlig synchron zu einer elektronischen, statischen Klangwelt zu dirigieren“ benannte Matthias Pintscher im Gespräch hinterher die Herausforderung dieser Konstellation.

Pintscher lebt in New York und ist dort tief in die jüdische Geisteswelt eingetaucht. Perfekt beherrscht er die hebräische Sprache und kann sich somit alle Texte im Original erschließen. Dies hat sein spirituelles Empfinden tief geprägt. Dementsprechend ist seine Komposition „bereshit“ für 28 Musiker aus dem Jahr 2011/12 wohl als besonders „persönliches“ Werk aufzufassen.

Am Anfang der Musik steht ein leiser Ursprungston, aus dem sich ein Schöpfungsmythos ableitet, der sich hier in Klangfarbenmelodien und solistisch expressiven Parts, aber auch leitmotivisch eingesetzte subtile Geräuscheffekte „übersetzt“ findet. So sinnlich und feinnervig atmend entfaltete das französische Spezialensemble diesen ganzen Reichtum und bescherte dem Abend damit gewissermaßen einen Kontrapunkt und abstrakteren französischen Kompositionen zuvor.

Bis zum 8. November kann man in Essen noch vielfältige neue Erfahrungen mit Musik machen. Der Elektronik gewidmet ist der nächste Programmpunkt beim NOW-Festival: Paul Frick, der sonst im Brand-Bauer-Frick Ensemble die Minimal Music mit dem Techno vereint, spielt im ehemaligen Salzlager der Kokerei Zollverein eine Soloperformance auf dem Moog-Synthesizer. Einen Tag später gibt der Avantgarde-Musiker Robert Henke ein Performance-Konzert mit Laser- und Tongeneratoren. Eines der erstaunlichsten Ereignisse widmet sich dann wieder einem Klassiker der neuzeitlichen Tonschöpfung: „Vexation“ ist ein Konzert am 7. November übertitelt, wo alle Zeitmaße gesprengt werden sollen. Erik Saties gleichnamiges kurzes Stück wird in einer Art Endlosschleife aufgeführt - durch verschiedene Spieler, die sich wie Staffelläufer abwechseln werden. Insgesamt 18(!) Stunden lang!

Komplette Infos unter www.now-festival.de

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