Oper-Orchidee in Erl – „Francesca da Rimini“ von Saverio Mercadante


(nmz) -
Komponisten und Opern teilen oft Schicksalsschläge. Der 1795 getaufte Saverio überlebte die kriegerische Plünderung Neapels 1799 nur, weil seine ledige Mutter mit ihm aus der Stadt geflohen war. Der anschließend ausgezeichnet ausgebildete und dann später europaweit bekannte Komponist Mercadante schied im Streit um Sopran-Star Adalaide Tosi als Francesca 1830 aus der Oper von Cadiz – Werk unaufgeführt. 1831 führte der Tod des Mailänder Scala-Intendanten zur Absetzung – Werk unaufgeführt. Dann: Werk verschollen – Wiederentdeckung der Partitur 2011 (!) in Bologna – Uraufführung 2016 beim Festival Valle d’Itria – nun Tiroler Winterfestspiele in Erl.
29.12.2022 - Von Wolf-Dieter Peter

Mit drei, vier gelegentlich gespielten Opern aus seinem über 50 Bühnenwerke umfassenden reichen Schaffen steht Mercadante im Schatten von Bellini und Donizetti. Doch die Erler Erstaufführung im Musikland Österreich ließ durch das fein ausdifferenzierte Dirigat von Giuliano Carella nun aufhorchen: da gibt es kleine Reste von belcanteskem Ziergesang mit Glissandi und Fiorituren; da gibt es Melodiebögen mit weitgespannten Emotionen; da gibt es die bühnenwirksame Einbettung von Rezitativ-Arie-Cabaletta in den Fluss der Handlung – aber auch das innehaltende Versenken ins lebensbestimmende, fast überlebensgroße Gefühl; da prallen in Duetten, Terzetten bis hin zum Sextett die Gegensätze aufeinander – und das Finale des 1.Akts steht dem frühen Verdi etwa des „Ernani“ in nichts nach. Vielfacher Szenenapplaus im Erler Festspielhaus.

Dazu kommt, dass die Verheiratung der schönen Francesca mit dem wild-wüsten Lanciotto, ihre verbotene Liebe zu dessen feinsinnig eleganten Bruder Paolo – mit beider Lesen von „Königin Ginevra-Ritter Lancelot-König Arthus“ - in Felice Romans Libretto die Frau als brachial genutzten wie liebesblinden Spielball von Männer-Macht-Politik-Dominanz zeigt und gar nicht so „von Gestern“ wirkt. Ihr wird der Fluchtweg ins Kloster verweigert und alles mündet in ein blutiges Ende der Liebenden samt Wahnsinn Lanciottos.

Treffend hatten Regisseur Hans Werner Richter und Bühnenbildner Johannes Leiacker entschieden, dass sich die Bühne zur Seelenlandschaft, dass sich Reales immer wieder in surreale Gefühlswelten wandeln sollte. Folglich traten wiederholt zu den drei Protagonisten drei tanzende Doubles und ergänzten Gestik und Gesang durch expressive Bewegung eines zweiten Ichs (Choreographie: Gabriel Wanka). In einem schräg gesetzten Saaleck stand ein weißes Doppelbett, ein hilflos öffentlicher Zufluchtsort Francescas. An der Wand gegenüber ragte ein kleines Felsenplateau herein. Dorthin flüchtete sich Francesca gleich zu den ersten Takten – und die Rückwand öffnete sich ins Dunkle, später zum bühnenhohen Nachbau der Abtei-Ruine aus Caspar Davis Friedrichs berühmtem Gemälde: Fluchtimago und romantisch entrückter Liebesort. Im Saalraum wogten Hofstaat und Volk als hilfswillige, aber brutal verängstigte Masse. Im 2. Akt tobt Lanciotto immer wieder auf dem leeren schwarzen Bettgestell als schlagendem Sinnbild entleerter Emotion. Jan Hartmanns Lichtwechsel verstärkten all diese Wirkungen bis zu finaler Düsternis.

Über den gut abgestuft singenden Chor und zwei rollendeckende Nebenfiguren stellte sich Festspielniveau ein. Dem Vater Francescas verlieh Erik van Heyningen baritonale Grandezza ohne seine Tochter von der Zwangsheirat zu befreien. Tenor Theo Lebow brachte für Lanciotto über die bullige Bühnenfigur hinaus gerade genügend Agilita für die kleinen belcantesken Glissandi und Fiorituren mit und dann volltönende Kraft für den vokalen Furor dieses enthemmten Machtmenschen. Ihm gegenüber wirkte Anna Nekhames‘ Francesca schon figürlich mädchenhaft verloren und verströmte mal liebevolle Sopransüße bis zur bitterkalten Klage angesichts des Gifts als letztem Ausweg. Mezzosopran Karolina Makula überragte in der Hosenrolle des Paolo alle: eine blendende Bühnenerscheinung; ein glaubhaftes Ausagieren der herzzerreißenden Emotionen; ein warm strömender Mezzo mit dunkler Tiefe und strahlender Höhe – eine sängerdarstellerische Leistung wie „am Beginn einer ganz großen Karriere“.

Einzige Befremdung: diese Wiederentdeckung hat den wohl auf benachbarte Star-Festivals fixierten ORF weder zu medialer Großberichterstattung noch gar zu einer Übertragung oder Aufzeichnung animiert. Doch der einhellige Schlussjubel sollte aus dem Festspielhaus Erl weit hinaus auf andere Bühnen tönen!

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