Partiell entschlüsselt – Bellinis „La Somnambula“ an der Deutschen Oper Berlin


(nmz) -
Vincenzo Bellinis Oper „La Somnambula“ aus dem Jahre 1831 verfügt über eine bis heute lückenlose Aufführungstradition, auch wenn die Aufführungszahlen in den vergangenen Decennien von der „Norma“ dieses Komponisten überrundet wurden. Die vor sieben Jahren in der Kritikerumfrage der „Opernwelt“ zur „Aufführung des Jahres“ gekürte Stuttgarter Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito, wurde für die Deutsche Oper Berlin neu einstudiert, das einstige Skandalon nunmehr fast widerspruchslos akzeptiert.
27.01.2019 - Von Peter P. Pachl

Das Regie-Dramaturgie-Doppelpack hat die Story von der Schlafwandlerin Amina, die am Abend vor ihrer Hochzeit in das Zimmer des gerade zurückgekehrten Grafensohnes Rodolfo steigt und dort vermeintlich die Liebesnacht mit ihrem künftigen Ehemann, dem reichen Gutsbesitzer Elvino, vollbringt, weitergedacht und dramatisch zugespitzt: Rodolfo, der zunächst die – im Gegensatz zum Text – ihm gegenüber keinerlei Sprödigkeit aufweisende, sondern sexuell aktive Wirtin Teresa flach gelegt hat, koitiert mit der schlafwandelnden Amina, die dann in dessen Bett entdeckt wird – mit den eindeutigen Blutspuren ihrer Entjungferung. Das weiße Gespenst, welches hier im Schweizer Dorf herumgeistert, ist in dieser Lesart Aminas Mutter (Rebecca Shein), eine Untote, die sich bei ihrem Erscheinen auf Essensreste stürzt, welche sie gierig verschlingt.

Am Ende der Oper, mit deutlich gebrochenem Happy End, begegnet Striga, die untote Mutter von Amina, dem Grafen und verdeutlicht, dass Amina die Tochter einer Liaison des Grafen ist. Die Inszenierung spitzt die inzestuöse Situation weiter zu, indem Amina von Roberto, ihrem Vater, schwanger wird und vorzeitig dessen Kind gebiert – obgleich zwischen der Handlung von erstem und zweitem Akt nur ein Tag vergehen.

Eine weitere Zuspitzung erfährt die Handlung in der Inszenierung des Duos Wieler- Morabito durch die Aggression der Dorfgemeinschaft gegen den zurückgekehrten Grafen. Da diese offenbar die Wiederherstellung der vorrevolutionären Machtverhältnisse befürchtet, wollen sie Rodolfo mit ihren Werkzeugen und Waffen im Bett totschlagen, wohingegen sie ihn im Libretto von Felice Romani nach Eugen Scribe eine Huldigung darbringen wollen.

Die Ambivalenz von Musik kommt im konkreten Fall der Umdeutung entgegen. Witziger jedoch wird diese im zweiten Akt eingelöst, wenn die Dorfbevölkerung den arkadisch schönen Gesang nicht im Wald, sondern erneut in Anna Viebrocks Einheitsbühnenraum mit Tonnengewölbe und hohem Treppenhaus im Hintergrund (in den typischen Brauntönen dieser Ausstatterin) anstimmt: die Dorfbewohner durchwühlen das Reisegepäck des Grafen und entnehmen die Ortsbeschreibung mit dem lieblichen Bach dem Reiseführer in einem seiner Koffer.

Störend, weil gegen die Piano-Einsätze im Wechsel von Piano und Forte erfolgend, war im ersten Akt die lärmende Aufstellung von Wirtshaustischen und -Bänken. Später wurden diese bei einem Einschnitt in die Musik abgebaut und – Grabplatten gleich – auf dem Bühnenboden positioniert um dann, für das Schlussbild des zweiten Aktes, in einem erneuten Einschnitt nochmals aufgestellt zu werden.

Die stilistisch einheitliche, stimmungsreiche Partitur von Vincenzo Bellini, mit ihren starken, volkstümlich gefärbten Affekten, verlangt herausragende Stimmen – insbesondere wenn man die Partien von Amina und Elvino in der originalen Tonhöhe belässt und nicht, wie häufig praktiziert, um eine Terz nach unten transponiert. Die melismenreiche Titelpartie verkörpert Venera Gimadieva mit perlenden Koloraturketten, im Spannungsfeld zwischen lyrischem Koloratursopran und der durch die Callas geschaffenen Deutung dieser Partie als jugendlich-dramatische Diva, und dies mühelos und intonationssicher, nur mit geringen Ermüdungserscheinungen ganz am Ende des Abends. Dabei spielt sie die Partie mit liebevollen Details und mit körperlichem Einsatz, auch mit blutigem Schoß und Beinen.

Genussreich verkörpert der Tenor Jesús León den Elvino im Aufbau der melodischen Linien und mit einer bravourösen, mühelosen Höhe in den überaus langen Melodiefakturen. Machtgeil, zickig und rauchend, gleichwohl mit sauberen, hellen Koloraturen, gibt Alexandra Hutton die Wirtin Teresa, und der an diesem Haus enorm gewachsene Bassist Ante Jerkunica erfreut mit der uneingeschränkt großartigen Verkörperung des Grafen Rodolfo, ambivalent im Sinne der inszenatorischen Deutung. Köstlich Aminas tüddelige, nur auf ihren wirtschaftlichen Vorteil bedachte Stiefmutter Teresa, welcher Helene Schneiderman als szenische Charakterstudie, musikalisch aber durchaus mit Belcanto, überzeugend Profil verleiht.

Der von Jeremy Bines einstudierte Chor der Deutschen Oper, in dieser Inszenierung überaus präsent und prägnant und individuell geführt, spielt aufgrund des offenen Hauptvorhangs auch in der Pause noch stumm weiter, bis das Publikum das Auditorium verlassen hat. Auf der Bühne dirigiert Andrew Harris, als der von der Inhaberin des Gasthauses verschmähte Liebhaber Alessio, das Huldigungsständchen der lavierenden Dorfbewohner für Amina.

Im Orchestergraben vollbringt das Dirigat der nach dem Ausscheiden von Diego Fasolis erst in der Hauptprobe eingesprungene musikalische Assistent Stephan Zilius. Der vom Publikum schon im Vorfeld als Retter frenetisch gefeierte junge musikalische Leiter schwelgt in Bellinis Klangsinnlichkeit mit ihren schwerblütig sinnlichen Triolen, ihren komplexen Gebilden, und ihm gelingen in den reich gegliederten Finales wirkungsvolle Steigerungen. Nachdem anfangs einige Einsätze zwischen Graben und Bühne gewackelt haben, gewann der musikalische Fluss am Premierenabend mit dem insbesondere in den Holzbläsern gut disponierten Orchester der Deutschen Oper Berlin, auch mit der weit entfernten Bühnenmusik, an Sicherheit und Überzeugungskraft.

Dass das Regieteam mit allen Solist*innen und Chor exzellent gearbeitet und dieses zu Spitzenleistungen im Zusammenspiel von Szene und gesanglicher Darbietung geführt hat, vermöchte wohl niemand zu leugnen. Gleichwohl mischten sich in den langen Jubel am Ende der Oper auch einige Buhrufe beim ersten Applausauftritt von Jossi Wieler und Sergio Morabito mit Anna Viebrock.

  • Weitere Aufführungen: 2., 7., 10. Februar 2019.

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