„Platée“, (k)ein Puppenspiel – Rameaus Oper an der Semperoper Dresden


(nmz) -
Mut zur Hässlichkeit: Die Nymphe Platée soll ja überhaupt nicht schön gewesen sein, jedoch über großes Liebesbedürfnis und reichlich Selbstbewusstsein verfügt haben. Jean-Philippe Rameau hat ihr eine bezaubernde Oper gewidmet, die nun erstmals an der Semperoper Dresden gezeigt worden ist. Musikalisch ist das gelungen und bunt, die Inszenierung von Rolando Villazón „verspielt“ aber Potentiale, meint Michael Ernst.
08.04.2019 - Von Michael Ernst

Die Musikwelt kennt ihn vor allem als Sänger, den mexikanisch-französischen Tenor Rolando Villazón. Doch seit etwa acht Jahren ist er zunehmend auch als Regisseur im Musiktheater unterwegs. Zudem ist er ein witziger Karikaturist, ein brillanter Romanautor sowie ein von der Musik faszinierter Fernsehmoderator. Hinzu kommt die Künstlerische Leitung der Mozartwoche Salzburg. Der Mann ist also entweder nicht ausgelastet oder extrem gut organisiert. Jetzt hat er auch an der Semperoper Regie geführt, wo Intendant Peter Theiler sich ja politisches Musiktheater auf die Fahnen geschrieben hat. Auf den ersten Blick wirkte an der Dresdner Erstaufführung der ohnehin selten gespielten Oper „Platée“ von Jean-Philippe Rameau gar nichts politisch. Stattdessen amüsant bis unterhaltsam – was von der aktuellen Politik ja kaum zu behaupten ist (es sei denn, man vermag das Brexit-Debakel ironisch zu sehen).

Bei genauerem Hinschauen hat „Platée“ aber durchaus kritisches Potential und wirft jede Menge an Fragen auf. Schon die 1745 am Hof von Versailles uraufgeführte Oper ist ja fragwürdig, denn als Hochzeitspräsent taugt diese Posse um Betrug, Eifersucht und eine Scheinehe eigentlich nicht. Doch der Ausflug in die mythologische Götterwelt war schon bei Rameau eine ebenso anspielungsreiche wie geduldete Metapher auf das verkommene Blaublut-Gehabe. Den Kopf jedenfalls hat es ihn nicht gekostet.

Erhobenen Hauptes konnten auch Rolando Villazón mit seinem Inszenierungsteam und dem gesamten Ensemble die Dresdner „Platée“-Premiere verlassen und wurden vom Publikum überwiegend gefeiert. Weil eine politische Dimension in dieser Sicht nicht zu erkennen gewesen ist? Weil die Bühnenspäße abgelenkt haben davon? Oder weil man gar nicht wahrhaben wollte, dass die Titelfigur hier wie schon bei Rameau wie schon in der Antike im Grunde genommen vorgeführt worden ist?

Es geht in dieser Ballettkomödie, einem Ballet bouffon, eigentlich nur darum, Jupiters Gattin Junon von ihrer krankhaften Eifersucht (für die der geile Göttervater reichlich Grund liefert) zu heilen. Am besten funktioniert das mit Irreführung und Intrige, also wird zum Schein eine Liaison mit der Nymphe Platée arrangiert, was in einer prächtigen Hochzeit gipfeln sollte. Die wohl einzige Person, die ernsthaft daran glaubt, ist eben Platée, eine so hässliche Sumpfnymphe, dass sogar Junon überzeugt davon ist, dass es hier keinerlei Grund zur Eifersucht gibt. Um dies zu verdeutlichen, hat schon Rameau diese Rolle als – seinerzeit gar nicht unübliche – Travestie vorgeführt und mit einem Tenor besetzt. Platée ist also in doppeltem Sinne eine Außenseiter-Figur, wird in ihrer Andersartigkeit missbraucht zur Erheiterung von Publikum und Bühnenpersonal. Aus dieser Sicht hinterlässt der Abend einen durchaus zwiespältigen Eindruck, denn der Missbrauch wird ziemlich verharmlost. Andererseits ist es durchaus die erklärte Absicht von Villazón gewesen, mit seiner Produktion Fragen zu stellen.

Posse geht nicht auf

Vor allem jedoch hat er seiner offenbar grenzenlosen Fantasie freien Lauf gelassen und zusammen mit dem Bühnenbildner Harald Thor und der Kostümbildnerin Susanne Hubrich ein Feuerwerk an bunten Spielideen gezündet, sie mit reichlich Klamauk verbunden, mit Überraschungen ausstaffiert und zu keinem Moment des knapp dreistündigen Abends irgendeinen Stillstand zugelassen. Da war ständig was los auf der Bühne, auch an den Seiten und im Hintergrund, perlend vielfältig wie Rameaus Musik sorgte insbesondere die Choreografie von Philippe Giraudeau mit tollen Balletteinlagen für permanente Abwechslung. Dennoch konnte mich diese Götterkomödie nicht durchweg überzeugen, weil mit dem Blick unter die Oberfläche – trotz Rummelszenen, Theater im Theater, Puppenspiel, Woodoo-Zauber und immer wieder rasantem Ballett – die Posse nicht aufgeht, wenn die Titelfigur Platée denunziert wird.

Dabei kann diese Geschichte der von sich so überzeugten Sumpfnymphe in ihrer Andersartigkeit als Parallele zur heutigen, ebenfalls gern ausgrenzenden Menschenwelt gesehen werden. Philippe Talbot aber, ein hübscher Mann mit toller Mimik und Ausstrahlung, wird dazu in eine fragwürdige Infantilität gezwungen, trägt seine Frauenkleider durchaus mit Grandezza, setzt diese Rollensicht auch sehr glaubhaft und vor allem musikalisch höchst überzeugend um, verkörpert aber zuletzt diejenige, auf deren Kosten das ganze Spektakel stattfindet.

Vokal zeigte sich der aus Frankreich stammende Tenor als Glücksgriff, da er über ein großes Spektrum an Gestaltungsmitteln und Klangfarben verfügt. Überhaupt bot die musikalische Seite der Dresdner Rameau-Premiere durchweg Anlass zur Freude. Die Sächsische Staatskapelle musizierte unter Paul Agnew, der dank seiner Sängerkarriere und nicht zuletzt seiner eigenen Platée-Erfahrungen durchaus als Sachwalter dieser Musik gelten kann. Das in der Partitur steckende Schillern, die Spannungsbögen, der Witz und die Heiterkeit ebenso wie die Tragik in dieser Oper entfalteten sich prachtvoll, der Staatsopernchor sang seine Parts mit großem Esprit – und von dem knappen Dutzend Solisten muss unbedingt Bassbariton Andreas Wolf hervorgehoben werden, der diesen verlogenen Jupiter mit gehöriger Strahlkraft dargestellt hat, und darf Inga Kalna als La Folie nicht unerwähnt bleiben. Deren wahnsinnige Verrücktheit avancierte zu einer spielerisch und darstellerisch aberwitzigen Zugnummer, die dennoch so etwas wie Respekt für die geschundene Platée erkennen lassen hat.

Fazit: Wenn ein Opernabend – zumal mit einem derart selten gespielten Stück – musikalisch so stimmig gerät und in seiner verspielten Inszenierung einiges an Fragen aufwirft, hat er die unbedingte Empfehlung verdient, sich ein eigenes Urteil zu diesem „bunten“ Abend zu bilden.

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