Polysexuelle Umzugsoperette: „Der Vogelhändler“ im Leipziger Westbad


(nmz) -
Klamauk, Kabarett, Kammerspiel – das alles ist die Neuproduktion von Carl Zellers Operette „Der Vogelhändler“ im Westbad, der Ersatzspielstätte der Musikalischen Komödie für das Haus Dreilinden im aktuellen Renovierungszustand. Rainer Holzapfel macht bei seinem Leipziger Regiedebüt den Umzug selbst zum Thema eines Theaters auf dem Theater. Dieses klammert Themen wie Besetzungspolitik und Besetzungscouch nicht aus, rückt sie allerdings in ein schillernd polyamouröses Licht. Nicht alle Premierengäste schätzten die szenische Seite des musikalischen Festes, unser Rezensent Roland H. Dippel schon.
03.11.2019 - Von Roland H. Dippel

„Hauspost-Angestellte im amourösen Zwielicht!“ Der Musikalischen Komödie gelingt ein hervorragender Coup: Der Umzug des Ensembles in die Ersatzspielstätte Westbad wird zur überlagernden Handlungsebene im vom Leipziger Operettenpublikum seit jeher geliebten „Vogelhändler“ des österreichischen Juristen und Operettenkomponisten Carl Zeller. Einig waren sich die Premierengäste im voll besetzten Saal über die lautstark bejubelten musikalischen Leistungen. Bei der Verbeugung des Regieteams um den Leipzig-Debütanten Rainer Holzapfel wurde der Applaus allerdings schlagartig leiser.

Klamauk, Kabarett, Kammerspiel!

Das war ungerecht. Denn eine derart szenische Leichtigkeit, einen derart überraschenden Facettenreichtum im Spiel der Leipziger Publikumslieblinge und vor allem eine derart liebevolle Selbstironie erlebte man an der MuKo schon längere Zeit nicht. Bühne und Orchester suchten und fanden im singspielhaften „Vogelhändler“ aus dem Jahr 1891, der auf der Musiktheater-Landkarte die halbe Strecke zwischen „Wildschütz“ und „Schwarzwaldmädel“ markiert, alles, was zählt: Klamauk, Kabarett, Kammerspiel! Für Wortkaskaden wie die von Angela Mehling als Westbad-Chefin und des Adam aus Tirol, der Florian Silbereisen als seinen Coach ausgibt und damit das „spätbürgerliche Unterhaltungstheater“ attackiert, gibt es mindestens Lachen und zweimal sogar Szenenapplaus. Dieser hinreißende Flirt mit den Genre-Gesetzen der Operette hat nur einen einzigen Fehler: Das Feuerwerk der Anspielungen und Zitate hat Rainer Holzapfel verdichtet, dass man zwangsläufig einige der Pointen zwischen Fledermaus-Zitat und Klaus-Kinski-Persiflage verpasst. Dazu trimmte Stefan Klingele das Orchester der Musikalischen Komödie auf edelste und duftige Leichtigkeit. Die sentimentalitätsgefährdeten Lieder vom „Ahnderl“, den „Rosen in Tirol“ und „Kirschenbaum“ kommen schmelzend, aber nie larmoyant. Dazu haben alle Walzer, Galopps und Polkas delikaten Schmiss. Das Orchester profitiert also von der Akustik des Westbads mehr als der auf der Spielfläche etwas diffuse Chorklang, für den Mathias Drechsler nichts kann. Dabei sind alle auf der Bühne – M, W, D – Dramaqueens de luxe!

Ein saalhohes Postpaket steht auf der Spielfläche. Nach der Pause klappt es auf und man blickt in ein umgestürztes Empire-Zimmer. Erst purzeln die Requisiten heraus, dann die Komödianten. Natürlich kommt es zwischen den disziplinierten Westbad-Angestellten und dem bunten Theatervolk zum Crash of Cultures. Kultur leidet Not: Der Subventionshahn ist versiegt, die Kassen leer, entscheidende Partien noch nicht besetzt und der Krankenstand des künstlerischen Personals derart drastisch, dass Männer in Frauenrollen auftreten müssen! Aber Frau Direktorin Marie alias Leipzigs Operettenprimadonna Lilli Wünscher behält trotzdem alle Fäden in der Hand. Sie ist elegante Dompteurin ohne Peitsche im Raubtierkäfig voller sympathischer Narren. Sie alle wollen ein bisschen Spaß und im Stress der sattsam bekannten Theaterprobleme vor allem das Eine. Mit der elfenhaften Verspieltheit, die Rainer Holzapfel den Hüpfereien gibt, erweist er sich als echter Operetten-Regisseur: Denn im originalen „Vogelhändler“-Textbuch geht es noch umfänglicher als in Holzapfels, weder die Queen noch Frau Merkel und Herrn Ramelow schonenden Bearbeitung, um mit sexuellen Risiken belastete Karrierestrategien. Hier machen es alle. Aber das moralische Unwort der letzten Monate springt keinem von den Lippen. Denn die wahre Operette kokettiert mit dem Geschlechtsverkehr, bringt ihn aber nicht (oder nur selten) zum Vollzug. Das gilt auch dann, wenn es zwischen der hinter ihrer braven Brille recht sinnlichen Briefchristel (Mirjam Neururer) und dem geldgierigen Stanislaus knistern könnte. Beate Zoff zieht dazu alle Register ihrer Textilkunst und gibt den scheinbar so bekannten Ensemble-Gesichtern ein faszinierend anderes Aussehen. Andreas Rainer sowieso, der als verliebte Hauptsponsorin Adelaide im rosa Kostüm und fülligem Blond ‚bellissima figura‘ macht. Aber auch Michael Raschle als umfangreich gefordertem und gazellenhaftem Baron Weps, der im von Spinnweben bedeckten Gehrock aus einem Märchenbuch ins Jetzt weht. Eine Konferenz toller Figuren und Konstellationen also, die in einem Kopf-an-Kopf-Rennen der Tenöre gipfelt.

Alle Register der Textilkunst gezogen

Adam, der Vogelhändler aus Tirol, ist hier ein waschechter Südtiroler und einziger Gast im bis zu den liebenswerten Prodekanen Milko Milev und Justus Seeger mit heiterem Sinn und flotter Sinnlichkeit jubilierenden Ensemble: Roman Pichler gibt den baumhohen Neo-Hippie, der mit Schrot und Korn heteronormative alte Schule ist. Er seift die Theaterprinzipalin mit dem verschmitzten Charme des wenig kunstaffinen Hinterwäldlers ein und attackiert sie im entscheidenden Moment mit überrumpelnder Entertainer-Chuzpe. Der andere, hauseigene Adam führt sich auf wie Conchita Wurst als Prinz im Karneval. Allerdings hat Adam Sanchez einen entscheidenden Vorteil: Denn so verführerisch und mit einem derart vibrierend attackierenden Höhenstrahl singt Conchita Wurst (noch) nicht. Was Tenöre können, können eben nur Tenöre. Hingehen!

  • Weitere Aufführungen: 02., 03., 09., 10., 27. & 29 November / 26. Dezember 2019 / 07., 08., 21. & 22 März / 21. Mai 2020

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