„Reihe 9“ (#73) — Kein Silbersee


(nmz) -
In diesem Monat erscheint erstmals in der nmz „Reihe 9“, eine monatliche Kolumne von Michael Kube. In der ersten Ausgabe für die nmz macht er sich Gedanken über Neujahrskonzerte und Nachwuchstalente im Alter von 13 bis 25 Jahren.
09.01.2023 - Von Michael Kube

Haben Sie oder haben Sie nicht? Ich meine nicht das Zünden von glitzernden Raketen, eines lauten Wumms zum Jahreswechsel oder des bloß aufploppenden Tischfeuerwerks, sondern den Besuch eines der alle Jahre wiederkehrenden Silvester- oder Neujahrskonzerte. Vielerorts ist das Programm oder wenigstens der Werkbestand klar definiert: von der ewigen Neunten (wie passend in dieser Kolumne!) bis hin zum gefälligen Walzer- oder Operettenstrauß. Dabei schaut man zugleich neugierig wie verblüfft auf die allfälligen Pressemitteilungen aus Wien: Wer darf dort im Musikverein den Dreiviertel-Takt vorgeben (und wer nicht), was wird auf den Pulten der Philharmoniker liegen? Selten einmal war etwa das Interesse an Raritäten von Eduard Strauß so groß wie heuer – um diese auch gleich wieder ad acta zu legen, spätestens dann, wenn der Mitschnitt erschienen ist und nochmals abgefeiert wurde.

Ins Hintertreffen geraten dabei all jene Konzerte, die wirklich etwas Besonderes bieten – sei es vom Repertoire her, sei es mit Blick auf die Ausführenden. In diesem Sinne überraschte mich gleich zu Beginn des Jahres die Junge Philharmonie Brandenburg im Konzerthaus Berlin. Es handelt sich um das Jugendsinfonieorchester des Landes, in dem vielversprechende Nachwuchstalente im Alter von 13 bis 25 Jahren versammelt sind. Zum 30-jährigen Bestehen durften diesmal die 86 Musiker:innen selbst das Programm ihres Neujahrskonzerts bestimmen. Die Wahl fiel auf Bruckners Sinfonie Nr. 4 Es-Dur – ein „Hammer“ für ein Nachwuchsorchester, das aber gerade an solchen Herausforderungen wächst, manchmal auch über sich hinaus. Tatsächlich war es Peter Sommerer, in der Nachfolge von Sebastian Weigle seit 2018/19 künstlerischer Leiter der Jungen Philharmonie Brandenburg, in der wie immer viel zu begrenzten Zeit der Arbeitsphasen gelungen, einen frischen Bruckner-Sound mit wunderbaren Momenten zu etablieren (etwa im Scherzo). Nach dem C-Dur-Konzert für Violoncello von Joseph Haydn (Solist: Claudio Bohórquez) war dies also kein bloßes „früh übt sich“ der jungen Musiker:innen, sondern ein klares gemeinsames Statement des musikalischen Vermögens. Der Abend war ausverkauft, das sachkundige Publikum einmal kein „Silbersee“, sondern erfreulich jung & bunt.


Immer am 9. des Monats setzt sich Michael Kube für uns in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, manchmal aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb. Die Folgen #1 bis #72 erschienen von 2017 bis 2022 in der Schweizer Musikzeitung (online). Für die nmz schreibt Michael Kube regelmäßig seit 2009.

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