Respektloser, schön schräger Zugriff – „Der Freischütz“ am Theater Basel


(nmz) -
Der „Freischütz“ hat gerade Hochkonjunktur im Südwesten. Im Frühjahr präsentierte das Freiburger Barockorchester im Konzerthaus Freiburg und auf anschließender Deutschlandtournee eine halbszenische Fassung mit einem von Dirigent René Jacobs neu komponierten Auftritt des Eremiten zu Beginn der Oper. Am 2. Oktober feiert die Auseinandersetzung des Künstlerkollektivs „Showcase Beat Le Mot“ mit Carl Maria von Webers romantischer Oper am Freiburger Theater Premiere. Auch das Theater Basel eröffnete gerade seine Spielzeit mit dem „Freischütz“, wenngleich Christoph Marthalers Inszenierung phasenweise nur wenig mit dem Original zu tun hatte.
18.09.2022 - Von Georg Rudiger

Bei Carl Maria von Weber nimmt die Geschichte sofort nach der Ouvertüre im Molto vivace an Fahrt auf, wenn das Volk Kilians Siegesschuss beklatscht, während der Jägerbursche Max als Verlierer vom Platz geht. Am Theater Basel mündet die vom Kammerorchester Basel so plastisch wie transparent musizierte Ouvertüre ins Nichts. Statt eines ausgelassenen Volksfestes zeigt man hier ein paar stumpfsinnig dreinschauende, schweigende Männer in Olivgrün, die über den Raum verteilt an einzelnen Tischen sitzen. Anna Viebrocks Setting (Bühne und Kostüme) ist eine Mischung aus Kneipe, Wartesaal und Klassenzimmer. Ein Rehbock aus Pappe mit integrierter Zielscheibe fährt vorbei. Ueli Jäggi als „Der große Jäger vom Schwarzwald“ doziert über die neue Rollhasenanlage und gedenkt der „von Euch Erschossenen“. Keine Waldeslust, sondern tiefe Depression im Schützenverein. Kein lustiges Beisammensein, sondern totale Isolation an der Grenze zum Autismus.

Max (mit Zwischentönen: Rolf Romei) ist bei Marthaler ein verklemmter Volltrottel, der meist gegen die Wand starrt und seinen Kopf auch mal ganz in den Spind steckt. Sein Gewehr fällt bereits vor dem Schussversuch auseinander, was der in Kittelschürzen (Frauen) und Brauntönen (Männer) gewandete Chor (Einstudierung: Michael Clark) im Takt hüpfend mit Spott überzieht („Hehehehe“). Marthaler dekonstruiert lustvoll die mit Symbolik aufgeladene Oper, um sie nach seinen eigenen Regeln neu zusammenzusetzen. Da schwurbelige Libretto von Friedrich Kind lässt er im ersten Aufzug in geteilten Rollen vorlesen oder gleich auf Englisch übersetzen, weil es von Agathe nicht verstanden wird („What?“). Das Bild des Urahnen fällt nicht wie in der Oper nur einmal bedrohlich von der Wand, sondern knallt immer wieder unter dem Gelächter des Publikums auf den Boden, um von Ännchen wieder zurückplatziert zu werden. Auch die Pole Gott und Teufel, zwischen die das Geschehen eingespannt ist, interessieren den Regisseur nicht. Der Eremit und Samiel sind bei ihm sogar die gleiche Person, die in Gestalt von Jasin Rammal-Rykala Agathe während ihrer Arie „Wie nahte mir der Schlummer“ nicht nur einen Rosenstrauß schenkt, sondern immer wieder neue überreicht. Nicole Chevalier lässt sich durch das Blumenmeer aber nicht aus der Ruhe bringen, sondern zeigt Agathes reiches seelisches Innenleben. Wie überhaupt die Amerikanerin, die letzte Saison am Theater Basel als Violetta Valéry in „La Traviata“ beeindruckte, auch von Agathes Sehnsüchten erzählt, die wenig mit den karierten Pantoffeln, in denen sie steckt, zu tun haben.

Marthalers respektloser, schön schräger Zugriff auf den bedeutungsschwangeren „Freischütz“ funktioniert nicht immer an diesem über dreistündigen Abend. Manches zerfranst wie die neu hinzugefügten Dialoge am Ende des ersten Teils mit Weisheiten wie „Jeder Jäger wird mal ein Hase“ oder die Wolfsschlucht-Szene, zu der der Chor und Agathe, warum auch immer, lautlos auf Geigen fiedeln. Auch die Idee, aus dem jugendlichen Ännchen eine Gouvernante mit viel Tremolo in der Stimme zu machen (Rosemary Hardy), geht nicht richtig auf. Jochen Schmeckenbechers Bariton fehlt es in der Rolle des Kaspar etwas an Schwärze. Das Kammerorchester Basel, das im Laufe des Abends im Orchestergraben immer wieder hoch- und heruntergefahren wird, summt nicht nur rhythmisch exakt und intonationsrein den Jägerchor in gefüllte Bierhumpen, sondern erweist sich unter der souveränen Leitung von Titus Engel auch sonst den vielfältigen Aufgaben gewachsen. Die vielen Unterbrechungen durch die Regie gefährden jedenfalls die Spannung im Orchester nicht. Wach und aktiv agieren die Musikerinnen und Musiker in jeder Sekunde, die Horngruppe ist ein Traum, die Streicher artikulieren deutlich, das Holz schenkt lyrische Momente.

Am Ende gelingt Marthaler ein kleiner Geniestreich, indem er den dramaturgisch problematischen Schluss des Werkes mit dem salbungsvollen Auftritt des Eremiten negiert und stattdessen die Hits der Oper in Chor, Bühnenmusik und Orchester übereinanderschichtet. Jeder der Protagonisten zuckt auf eine andere Weise, das Opernmedley wird zur gespenstischen Kakophonie.

 

 

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