Schiller beflügelt: Vier neue Melodramen mit dem duo pianoworte in Hannover


(nmz) -
Das 1994 vom Schauspieler Helmut Thiele und dem Pianisten Bernd-Christian Schulze gegründete duo pianoworte hat sich ganz dem noch im 19. Jahrhundert florienden, doch längst im Raritätenkabinett gelagerten Melodram verschrieben. Dem Zusammenklang von Sprechsprache und Klaviertönen entlockte es so manche poetische Pointe, und die Reihe der von den Interpreten animierten Komponisten ist so lang, dass mühelos eine melodramatische Performance zum 250. Schiller-Geburtstag arrangiert und in der Musikhochschule Hannover sowie im Schloss Burgdorf uraufgeführt werden konnte.
13.11.2009 - Von Ludolf Baucke

Die Verbindung von Dichtung und Musik hat freilich Tücken dort, wo die Musik die poetische Vorlage nur tonmalerisch nachzeichnet. Drei der vier vom duo pianoworte angesprochenen Komponisten erlagen dieser Gefahr. Sie gerieten in den affirmativen Sog eines puren Klangzaubers, der die Deutung des jeweils gewählten Gedichts auf Kulissenwirkung reduzierte und Mehrdeutiges kanalisierte.

Thomas Schmidt-Kowalski etwa hatte das längst zum Steinbruch geflügelter Worte heruntergekommene „Lied von der Glocke“ so neoromantisch kostümiert, dass nicht die Dichtung, sondern die permanent anklingenden, doch niemals die Rätselhaftigkeit des Vorbildes erreichenden Schumann-Andeutungen den Zuhörer forderten. Matthias Drudes Melodram „Der Handschuh“ verdichtete nicht die Balladenvorlage, sondern dehnte sie bis hin zu einem langatmigem Klaviernachspiel, dass die Pointe der Handlung vergessen ließ. Auch Christoph J. Keller hatte sich eine Ballade ausgesucht. „Der Taucher“ wurde von ihm mit einer Perkussionskamera mehrfarbig gefilmt, und die uraufführenden Interpreten präsentierten sich gern als nette Sprechakrobaten und Klavierschlagzeuger von nebenan.

Blieb als anregendste Novität das Melodram „Das verschleierte Bild von Sais“ von Alfred Koerppen mit ausgesparten, kargen und immer wieder auf den Tritonus konzentrierten Klavierakkorden, die keines der vielen Fragezeichen des Dichters übertünchten. Auch Koerppen kennt und nutzt Tonmalerei – dies aber nicht in nachzeichnender Manier, sondern viel überzeugender in vorweggenommenen Andeutungen. Bevor Schillers Jüngling also „leicht die Mauer ersteigt“, hat Koerppen diese Bewegung bereits akzentuiert. Eine eintaktige und rasch in die Höhe schleudernde Triolenfigur weckt Ahnungen im Zuhörer, der erst anschließend den Zusammenhang von Musik und Poesie begreifen kann.

Geheimnisvoll, aber unnachgiebig wirken die immer wieder pulsierenden, vielfach in Akkorden versteckten Tonrepetitionen. Die über dem Ton h schwingenden Glockenklänge des Vorspiels kehren im Nachspiel wieder. Sie umklammern das Schillergedicht und könnten es fast runden, wenn sich nicht durch entschieden wechselnde Akkorde ein rätselhafterer Ausblick ins Ungewisse öffnete. Vier einfach fallende, staccato getupfte, aber durch immer längere Pausen getrennte Quarten im Diskant genügen wie das „Hopp hopp“ des einsamen Kindes in Alban Bergs „Wozzeck“ als Fragezeichen und existentielles Symbol.

Wer’s nachprüfen will, hat’s leicht. Die vom duo pianoworte noch vor den konzertanten Uraufführungen im Studio produzierten Schiller-Melodramen sind von Musicaphon unter dem Titel „Schiller beflügelt“ als CD (M 56913; Vertrieb: Klassik Center) veröffentlicht worden.

„Schiller beflügelt“ - doofe Rezension

Sorry, aber ich finde diese Rezension ziemlich doof, teilweise ganz schön respektlos und inhaltlich mindestens streitbar. Was wollen Sie uns mitteilen? Dass das duo pianoworte künstlerisch zurückgeblieben ist, weil es sich mit einer musealen romantischen Kunstform wie der des Melodrams beschäftigt? Ich hab gehört, dass es immer noch Leute geben soll, die im 21. Jahrhundert geistliche Musik komponieren. Mittelalterliches Raritätenkabinett?

Am meisten ärgere ich mich darüber, dass Sie uns und die vier gestandenen zeitgenössischen Komponisten über die “Gefahren” und “Tücken” der Vertonung “poetischer Vorlagen” belehren wollen. Mir ist neu, dass es plötzlich verpönt ist, Texte “nur” tonmalerisch nachzuzeichnen. Ich habe irgendwo mal gelernt, dass die musikalische Deklamation eine kompositorische Kunst sei. Vielleicht hab ich im Unterricht auch einfach nicht so gut aufgepasst. Dass Klangzauber mittlerweile ein “affirmativer Sog” sei, dem es zu entkommen gilt, ist mir ebenfalls neu. Dann kann ich meine halbe Klassik-Sammlung ja getrost wegwerfen.

Ich habe mir die CD “Schiller beflügelt” angehört und muss zugeben, dass die romantische Glocken-Vertonung von Schmidt-Kowalski mein Ding auch nicht ist. Dass Drude und Keller jedoch so schlecht bei Ihnen wegkommen, das versteh ich nicht so ganz. Ich halte insbesondere die Taucher-Vertonung für sehr gelungen. Sie ist kompositorisch äußerst differenziert, sie bedient sich zahlreicher experimenteller Stilmittel beim Klavier und ergänzt Klangfarben durch Perkussionsinstrumente, jedoch nie aus Selbstzweck, sondern zur Ausdeutung der spannenden und rätselhaften Textvorlage. Eine - wie ich finde - gelungene Verknüpfung eines klassischen Textes und zeitgenössischer musikalischer Ausdrucksformen. Die Ausführenden dabei als “nette Sprechakrobaten und Klavierschlagzeuger von nebenan” zu degradieren ist Polemik und hat mit sachlicher Konzertkritik natürlich nichts zu tun.

Warum Sie ausgerechnet die Vertonung von Koerppen hervorheben, wird wohl Ihr Geheimnis bleiben. Wenn kompositorische Stilmittel wie “Aussparung” und “Kargheit” oder “vorweggenommene Andeutung” heutzutage die qualitätsbildenden Merkmale sind, wundert mich nicht, warum Menschen die CDU und Angela Merkel wählen. Und warum nun ausgerechnet die Tonrepititionen auf h so besonders sein sollen (Holla: sie verstecken sich sogar in Akkorden! *gähn*), versteh ich auch nicht so ganz. Ich jedenfalls habe nichts gegen Menschen, die sich trauen, sprachliche oder musikalische Aussagen zu treffen, auch auf die Gefahr hin, sich damit angreifbar zu machen.


Ach wie süß, eine Kritikerschelte

Sorry, aber ich finde diese Rezension ziemlich doof, teilweise ganz schön respektlos und inhaltlich mindestens streitbar.”

Ziemlich doof, weil so unglaublich verkopft, finde ich diese Rezension auch. Respektlos LEIDER gar nicht. Und streitbar? Ach Gottchen, wie süß…


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