„Schlecht, aber sexy“? – Social Media und die Zukunft der klassischen Musik


(nmz) -
Vor Kurzem war der 100. Geburtstag von Franco Corelli; im Klang der Einspielungen seiner Tenorstimme bade ich regelmäßig. Da der 2003 verstorbene Corelli seine Karriere frühzeitig beendete – das Lampenfieber machte ihm extrem zu schaffen – dürften ihn nicht mehr viele heut Lebende von der Bühne kennen. Die Aufnahmen aber packen mich derart, dass ich oft denke: So eine Stimme gibt es nicht mehr. Und dann frage ich mich: Woher kommt das?
16.05.2021 - Von Konstantin Parnian

Geht es mit der Qualität klassischer Musik womöglich schon lange kontinuierlich bergab? Und wir merken es nur nicht, weil es schleichend geschieht und wir das Gerede darum als alte Leier à la „Früher war alles besser“ abtun? Oder ist es doch die altbekannte Verklärung von Vergangenheit, der ich auf den Leim gehe?

Heute jedenfalls ist die Bühne zudem online eröffnet – auch für Tenöre, Dirigentinnen und Harfenisten. Das ändert so manches! Über den Social-Media-Auftritt klassischer Musiker*innen sprach jüngst der Filmkritiker und Autor Wolfgang M. Schmitt beim SWR. Nicht erst seit der Absagenflut machen Stars und Sternchen der Klassikwelt im virtuellen Raum auf sich aufmerksam. Die Palette der Beiträge reicht von Probenausschnitten bis zu Privateinblicken – und da setzt Schmitt an: Fotos von Geigerinnen, wie sie sich „tief dekolletiert am Strand räkeln“ oder von „muskulösen Klarinettisten“ nähmen nicht die Arbeit ab, die eine Auseinandersetzung mit klassischer Musik oftmals fordere – einleuchtend. An die Stelle des schwindenden Genie-Kults trete allmählich der Ich-Kult, so Schmitts Analyse. Den präsentieren zweifellos Influencer: Bei ihnen geht es nicht mehr um Leistungen bzw. selbst Geschaffenes, sondern um die Person, ihr alltägliches Leben und die Produkte und Marken mit denen sie sich umgibt. Auf die Frage, ob die klassische Musik in Zukunft „schlecht, aber sexy“ sein werde, gibt Schmitt zu bedenken, dass Veranstalter offenbar auf die Zahl der Follows schauen, wenn sie entscheiden, wen sie buchen.

Wer sich also in Zukunft fragt, warum diese oder jene Person da auf der Bühne steht, kann im Anschluss an die Vorstellung ja mal auf den einschlägigen Plattformen online suchen. (Bitte nicht währenddessen! – Nein! Auch nicht, wenn die Vorstellung schlecht ist!) Gerade schreibende Kolleginnen und Kollegen möchte ich ermuntern, den Social-Media-Auftritt von Künstler*innen zukünftig mehr ins Blickfeld zu rücken – auch ergänzend zum realen Auftritt. Denn es ist durchaus denkbar, dass Social-Media-Reichweite eine noch bedeutendere Rolle für Besetzungsplanungen einnimmt.

Ein Weltklasse-Pianist, der Wohnzimmerkonzerte gibt, ist übrigens nicht automatisch auch schon Influencer. Wenn er an einer Werbepartnerschaft mit einem Klavierhersteller verdienen würde, könnte man darüber diskutieren. Wenn er etwa mit einem Modelabel kooperierte, wäre es ein Indiz. Dennoch bliebe natürlich ein Unterschied bestehen, da sich das Influencertum in Reinform gerade durch das Fehlen herausragender Talente oder bestaunenswerter Fähigkeiten auszeichnet. Die begriffliche Schärfe, die Schmitt und sein Partner-in-crime Ole Nymoen in ihrem Buch „Influencer: Die Ideologie des Werbekörpers“ stark machen hilft, möchte man online unterscheiden zwischen Kleinkunst / Satire / Journalismus (die sowieso schon eng verwoben sind) und Werbung / Produktplatzierung.

Aber stattfinden sollte die klassische Musik online – vor allem im Sinne einer Heranführung und Vermittlung, um einen Pfad zu bauen aus dem virtuellen Raum in die Opern- und Konzerthäuser. Denn eigentlich ist es in Anbetracht der temporären Schließungen äußerst bedauernswert, dass sich diese nicht früher (und vor allem nicht kreativer) mit den Möglichkeiten des Internets auseinandergesetzt haben. Während sich bildende Künste in der (freilich optisch dominierten) Digitalität leichter tun, muss die Musik nach anderen, neuen Möglichkeiten suchen. Vielleicht wird es durch den aktuell kontinuierlichen Anstieg an Video- und Audio-Inhalten irgendwann möglich, auch dem feinen Ton mehr Gehör zu verschaffen. Oder zumindest eine Spur zu legen.

Auch sind musizierende Kolleg*innen nicht per se zu kritisieren, wenn sie aus Geldgründen hier und da Kooperationen eingehen – mit etwas Geschick können sie diese sogar für die größere Sache nutzen, die die Musik bleiben muss. Aber es gilt achtsam zu sein und bewusst zu entscheiden (der viel bemühte Begriff der Awareness hat eben zahlreiche Facetten). Natürlich ist die klassische Musik noch nicht verloren.

Dennoch: Wenn ich daran denke, wie ich damals auf der Liste einer meiner Gesangsaufnahmeprüfungen im Verhältnis 8:1 Sängerinnen- gegenüber Sängernamen stehen sah, erklingt in meinem Ohr leise Violettas Stimme: „Addio, del passato bei sogni ridenti“, – nur dass im anschließenden Finale kein Alfredo mehr auftritt. Und ich bleibe dabei, dass ich alle beneide, die Franco Corelli auf der Bühne erleben durften, aber freue mich zugleich über jeden jungen aufstrebenden Tenor. Möge die Oper nicht vom Weg abkommen!

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