Schwerter zu Leuchtstäben: „Lohengrin“ in Erfurt


(nmz) -
Regisseur Hans-Joachim Frey hatte im „Polit-Chaos“ (Sachsen TV) des von ihm verantworteten Semperopernballs nicht die erforderliche Aufmerksamkeit für die Schlussproben seiner „Lohengrin“-Inszenierung. Und Wagners dramaturgisch motiviertes Patriotismus-Dröhnen fand in der naiven Blechlastigkeit unter GMD Myron Michalidis nicht die sensible Deutung, welche man sich für dieses Prestigeprojekt im nur 24 Kilometer vom Uraufführungsort Weimar entfernten Theater Erfurt gewünscht hätte. Wohlwollender Beifall und laute Buhs.
09.02.2020 - Von Roland H. Dippel

Es war einmal in ferner Zukunft … Fehlanzeige: Auch Science-Fiction-Märchen nützen sich ab. So im ‚neuen‘ Erfurter „Lohengrin“: Hartmut Schörghofers Pagen-Perücken und weitere krude Ideenanleihen aus „Metropolis“ und „Star Wars“ haben das fröhliche Unterhaltungspotenzial eines C-Movies. Das musikdramatische Spannungskonstrukt aus Richard Wagners romantischer Oper blieb bei der Premiere ungenutzt. Über weite Strecken dominierten auf der Bühne plakative Standardgesten und annähernd verzweifelte Pflichterfüllung. Wagners Studie der wundersamen Ankunft eines Retters und das Unvermögen, dieses Wunder konstruktiv zu nutzen, fand nicht statt. Dabei wirkte Freys Regie-Idee, wie heute fast immer ohne Schwan und Boot, durchaus ambitioniert. Doch bis Elsa auf der Gangway Richtung Raumschiff taumelt, erschöpft sich die Aufmerksamkeit. Der Applaus für die Darsteller und Musiker war wohlwollend – das Regieteam wurde attackiert von Buhs, die wahrscheinlich nicht nur dem Anlass geschuldet waren. Zu den szenischen Nicht-Verwandlungen ging ein Vorhang runter – dann leuchtete die Bühnenwelt in Himmelblau.

Lohengrins Gralserzählung bringt sogar den Straßen- und Flugverkehr zum Stillstand. Das wahre Ereignis im Erfurter „Lohengrin“ ist die Hintergrund-Projektion Marc Löhners: Eine gigantische Megalopolis – Zeitsprung ins 23. Jahrhundert. Mindestens! Schwebende Autobahnen winden sich ohne Trägersäulen um Wolkenkratzer. Lichter dieser Großstadt gleißen zu Ortruds und Telramunds Racheschwur. Bezeichnend, dass eine alberne Tänzelei der Edelknaben die starre Gruppen-Aufstellung der Zukunftsstatisterie gewaltig auflockert. Schon am Ende des ersten Akts verglüht das chorische Stimmenfunkeln im kaum motivierten Herumstehen. GMD Myron Michalidis, der seine Augen nur selten von der Partitur Richtung Bühne zu richten wagt, hat Probleme mit den Wagnerschen Freudenfeuern und genauso mit der in der Partitur steckenden Gefährlichkeit, deren Glanz und der schuberthaften Kantabilität. Aber für die großen Taten der Musik hat er jederzeit die komplikationsfrei ausladende Gestik. Die beiden Klangproduzenten – also die hauptstädtische Philharmonie und die ThüringenPhilharmonie Gotha-Eisenach – fügen sich mit sämigem Streicherklang und extrovertiertem Blechgeschmetter.

Es war einmal in ferner Zukunft: Der mönchisch hünenhafte König (bärbeißiger Belcanto mit Akzent: Kakhaber Shavidze) fummelt den ganzen Abend am Rosenkranz-Substitut. Schwerter zu Leuchtstäben: Der Zweikampf Lohengrins mit Telramund und des letzteren Tod geschehen in Zeitlupe, das böse Paar Ortrud und Telramund kommt aus einem nachtschwarzen Mysterienspiel zurück in die Zukunft. Da fleddert Telramund erst eine Mumie im Prunkornat und liegt bei Ortruds Klagen dann selbst im Glassarg. Indes umkreisen sich Elsa und Lohengrin wie Sonne und Mond. Bei Hans-Joachim Frey ist das eher gefühlsneutral als gefühlsecht. In den Pausen unternimmt die Dramaturgie verzweifelte Rettungsversuche mit Textprojektionen: Erst mit durch die Gegenüberstellung entlarvenden Parallelen von Björn Hocke und Adolf Hitler, dann Heinrich Manns Sätze über den Chauvinismus der „Lohengrin“-Schwärmerei aus der Romansatire „Der Untertan“.

Am Ende kommt wieder das Raumschiff und zur unbekannten Begegnung mit der dritten Art wird auch davor allerlei. Kurz davor setzt Michalidis auf Wagners Vers „So sei des Reiches Kraft bewährt!“ ein jubilierendes Pauken-Crescendo. Leidtragende der halbfertigen Szenerie sind die Solisten. Was für ein ätzend gefährlicher Telramund wäre Máté Sólyom-Nagy, dessen Charakterisierungsvermögen diesmal brach liegt. Vieles hätte vermieden werden können: Die Ermüdungserscheinungen der mit großen Gesten und rollenuntypischen Samttönen beginnenden Anne Derouard als Ortrud, das kraftraubende Dauerforte von Siyabulela Ntlales Heerrufer, das als verzweifelte Notlösung eingesetzte Vibrato von Margrethe Fredheim als Elsa. Uwe Stickert befreite sich in der Titelrolle nach ratlosem Beginn aus den erschwerten Rahmenbedingungen. Zum Glück nicht durch Kampf-Singen, sondern mit kluger Ökonomie. Nach einem Pyrrhus-Sieg in der Gralserzählung glänzte Stickerts Abschied von Elsa auf Höhe der großen Erwartungshaltung. Noch immer wendet König Heinrich den Rosenkranz zwischen den Fingern, noch immer umkreisen Flugdrohnen statt Raben die Türme der Megalopolis.

PS. Feine Zeichen von Selbstironie: Wer wollte, konnte zwischen Heinrich Manns „Lohengrin“-Text und dem Dargebotenen einige Parallelen entdecken.


Musikalische Leitung: Myron Michalidis – Inszenierung: Hans-Joachim Frey – Bühne und Kostüme: Hartmut Schörghofer – Projektion: Marc Löhrer – Chor: Andreas Ketelhut – Dramaturgie: Stephan Drehmann – Uwe Stickert (Lohengrin) – Margrethe Fredheim (Elsa) – Máté Sólyom-Nagy (Friedrich von Telramund) - Anne Derouard (Ortrud) – Siyabulela Ntlale (Heerrufer) – Opernchor des Theaters Erfurt – Philhamonisches Orchester Erfurt – Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach – Statisterie

Premiere: Sa. 25. 1. 2020. 19.30 Uhr / Sa. 1. 2. / Fr. 7. 2. (Besuchte Vorstellung) / So. 16. 2. / Fr. 27. 3. / So. 19. 4 / So. 26. 4. 2020

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