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Singer Pur Tage 2019: Die Stammbesetzung, erweitert um die Gäste Stefan Steinemann und Jan Kuhar, in der Kirche auf dem Adlersberg. Foto: Juan Martin Koch
Singer Pur Tage 2019: Die Stammbesetzung, erweitert um die Gäste Stefan Steinemann und Jan Kuhar, in der Kirche auf dem Adlersberg. Foto: Juan Martin Koch
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Kontinuität und Neuanfang: die Singer Pur Tage 2019

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Eigentlich war alles wie immer: In der voll besetzten Kirche auf dem Adlersberg bei Regensburg ertönte bei freiem Eintritt himmlische Vokalpolyphonie, durchsetzt von neuer Musik und Orgelklängen. Aber eben nur eigentlich: Denn Jahr eins nach dem Ende der Stimmwercktage bedeutete gleichzeitig Jahr eins der Fortsetzung des wunderbaren Festivals in Form der Singer Pur Tage.

Ganz im Geist der Formation Stimmwerck, die sich Anfang des Jahres aufgelöst hat, wollte das Weltklassensemble deren Vermächtnis fortführen. Die Ovationen nach dem letzten Konzert am Sonntag nachmittag machten deutlich, dass dies gelungen war. Anstelle eines Eintauchens in die Klangsprache eines einzelnen Komponisten – so waren die Stimmwercktage meist angelegt – nahmen Singer Pur ihr Publikum mit auf eine Reise in die Zeit Maximilians I., dessen 500. Todestag heuer begangen wird. Unter den Tonsetzern aus seiner Hofkapelle und aus deren Umfeld konnte man somit vielen Namen aus den vergangenen Jahren wiederbegegnen: Heinrich Isaac, Ludwig Senfl, Jakob Obrecht oder Josquin Desprez.

Unverwechselbarer Ensemblesound

Zunächst ließ aber einer der vielen anonymen Komponisten dieser Zeit aufhorchen. Das fünfstimmige „Ave mundi spes Maria“, das am Anfang des ersten Konzerts stand, setzte gleich den Maßstab in Sachen Linienführung und Klangentfaltung. Die Entwicklung eines aus individuellen Stimmfärbungen und -verläufen bestehenden, unverwechselbaren Ensemblesounds ist – neben der ungewöhnlichen Besetzung aus fünf Männerstimmen plus Sopran – ein Markenzeichen von Singer Pur. Wie sie diesen in satztechnisch oft wechselnden Konstellationen, auch unter Mitwirkung Stefan Steinemanns (Alt) und Jan Kuhars (was für ein Bass!), stets aufs Neue herstellten, war beglückend zu hören. Höhepunkte waren hier unter anderem das nachträglich auf den Tod Maximilians umgetextete „Quis dabit oculis“ von Constanzo Festa und das „Salve Regina“ von Adam Rener.

Vereinzelte Spannungsabfälle gab es auch – keine Schande bei einem solchen Mammutprogramm über drei Tage, inklusive wissenschaftlicher Akademie und Workshop-Angebot. Wohl eher der Klangphilosophie des Ensembles geschuldet ist es andererseits, wenn bisweilen über spannende harmonische Rückungen oder einzelne prägnante Stimmführungen eher glättend hinweggesungen wird, als sie demonstrativ herauszuarbeiten.

Das alles bewegt sich allerdings auf schwindelerregendem Niveau, wie etwa die Stimmkopplungen in der hohen Lage in Josquins „O virgo prudentissima“ zeigten, bei denen sich erst Markus Zapp und später Manuel Warwitz herrlich an Claudia Reinhards Sopranton anschmiegten.

Neues von Joanne Metcalf

Auf diese grandiose Motette bezieht sich Joanne Metcalf in dem Stück „Among Dark Whirlwinds“, das sie eigens für diese Singer Pur Tage geschrieben hat. Als composer in residence bereicherte die amerikanische Komponistin, die dem Ensemble seit 25 Jahren freundschaftlich verbunden ist, das Festival. Dabei hinterließen ihre älteren Stücke – allen voran das expressiv-aufgefächerte, im ersten Konzert überragend gesungene „Kyria christifera“ – gegenüber den neuen einen stärkeren Eindruck.

Inspiriert von den Sting-Arrangements aus dem Singer-Pur-Repertoire habe sie akkordischer komponieren wollen, erläuterte Metcalf in einem Einführungsgespräch. „Gold and Thorns, Fire and Ice“ und „It is enough“ (textlich eine Antwort auf Bachs Choral „Es ist genug“) gaben sich dabei allzu bereitwillig dem Schönklang und der betörenden Tessitura Claudia Reinhards hin. Deren Stimme tritt dann auch in „Among Dark Whirlwinds“ leuchtend aus den Melismen heraus, die sie – ähnlich dem Satz „Maria II“ aus dem Zyklus „Il nome del bel fior“ von 1998 – kunstvoll auf Endvokalen aufbaut.

Einen klanglichen Gegenakzent zu den vokalen Höhenflügen bildeten die von Peter Waldner souverän präsentierten Orgelstücke an dem nach einem historischen Stich rekonstruierten Apfelregal. Der nasale, leicht schnarrende Klang, den die dekorativ apfelförmigen Resonanzkörper auf den Pfeifen des Instruments von Christian Kögler erzeugen, verlieh den geistlichen Vorlagen der Werke einen ganz eigenen Charakter von herber Volkstümlichkeit, der dann auch die launige „Sitzweyl“ im Stadel bereicherte.

Gut zu wissen, dass dieses einzigartige Festival auf dem über 15 Jahre erarbeiteten Niveau eine Fortsetzung findet. Schön zu sehen, dass dies auch vom Bayerischen Rundfunk gewürdigt wird, der die Konzerte am Freitag und Samstag mitgeschnitten hat. Der Sendetermin auf BR-Klassik steht noch nicht fest.

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