Skater, Drummer, Streicherinnen: Ein Tag beim Acht Brücken Festival in Köln


(nmz) -
Einen abwechslungsreichen Tag hat nmz-Chefredakteur Juan Martin Koch auf dem Kölner Acht Brücken Festival verbracht, unter anderem mit einer fulminanten van der Aa-Uraufführung und einem Skateboard-Konzert.
10.05.2019 - Von Juan Martin Koch

Akiko Ahrendt schabt über ihre Violinsaiten, Dirk Rothbrust über einen Gong, Tim Hachen, Janosch Pugnaghi und Marcel Weber über die Holzrampen der AbenteuerHallen im Kölner Stadtteil Kalk. Dorthin hatte man einst die störenden Skateboardfahrer von der Domplatte verbannt und dorthin lud nun das Acht Brücken Festival zu dem sehr speziellen Konzert-Setting „2 Second Manual“.

GroßstadtPolyphonie & Skateboard

Die Regisseurin Lea Letzel hatte die, vor allem im Zusammenhang mit dem Festival-Motto „GroßstadtPolyphonie“, gar nicht so abwegige Idee, die spezifischen Geräusche des Skatens ins Musikalische zu überführen, Konstantin Butz lieferte in einer mittäglichen Einführung die kulturwissenschaftliche Unterfütterung. Dabei blieb vor allem sein Bild von den die urbanen Oberflächen wie eine Plattennadel abtastenden Skateboardfahrern im Gedächtnis. Die Oberflächen in einer speziellen Halle sind aber nun mal weniger abwechslungsreich und entsprechend erwartbar entwickelte sich dann auch das selten wirklich klanglich ineinandergreifende Agieren des Schlagzeugers Rothbrust und der Geigerin Ahrendt mit den Fahrgeräuschen der Skater. Trotzdem eine schöne Aktion, die auch viele Familien anzog.

Abends dann ein konzertantes Standard-Setting in der Kölner Philharmonie. Peter Eötvös dirigierte, wie schon bei der musica viva am vergangenen Freitag, sein dreisätziges Orchesterwerk „Alle vittime senza nome“ von 2016. Im Vergleich zum BR-Symphonieorchester im Münchner Herkulessaal hatte des Concertgebouw Orchester Amsterdam in der Philharmonie mehr Möglichkeiten, den solistischen Vereinzelungen und den im Stile eines Seestücks aufbrausenden Klanggesten Raum zu verschaffen. Der weiter aufgefächerte, luftigere Klang trug allerdings nicht dazu bei, das ohnehin wohl zu „runde“, zu „gelungene“ Stück die Beklemmung entfalten zu lassen, die das Sujet – die Tragödie ertrunkener Flüchtlinge – eigentlich erfordern würde.

Michel van der Aas Doppelkonzert „akin“

Riesenjubel entfachte anschließend die Uraufführung von Michel van der Aas zweisätzigem Doppelkonzert „akin“ für Violine und Cello. Wer an Brahms denkt, liegt nicht ganz falsch, denn auch hier geht es nicht um einen Wettstreit zweier Solisten um die „Lufthoheit“ über dem Orchester, sondern um das Porträt zweier Instrumente im Einklang, um ein konzertantes Ineinandergreifen, ein klangliches Sich-Ergänzen und ein gegenseitiges rhythmisches Sich-Aufschaukeln.

Van der Aa hatte dabei explizit Patricia Kopatchinskaja und Sol Gabetta mit ihrer einvernehmlichen, extrovertierten Musizierenergie im Sinn und bedient diese aufs Trefflichste. Aus einer klar konturierten Harfeneröffnung entwickeln die Solistinnen gemeinsame, aus fasslichen, tonal grundierten Motiven bestehende Gesten, deren Ausdruck schnell von den beiden Streichinstrumenten auf das ganze, nur mittelgroß besetzte Orchester übergreift und dort effektsicher in die Breite projiziert wird. Oft wird Kopatchinskaja dabei zur Primaria der hohen Streicher, Gabetta führt das tiefere Register an. Eine erste Beschleunigungs- und Steigerungswelle beruhigt sich am Ende des ersten Satzes wieder, im zweiten wird die rhythmische Zuspitzung, die im Verbund mit den beiden Orchesterschlagwerkern fast groovende Züge annimmt, dann aber konstitutiv. Der mitreißende, freilich auch etwas eindimensionale Sog trägt den Satz dann bis zur abrupten Finalpointe, zu der die beiden Solistinnen im Blick aufeinander einfrieren. Das Stück hat das Zeug dazu, sich mit entsprechend explosiven SolistInnen im Repertoire festzusetzen.

Gekrönt wurde die instrumentale und kompositorische Virtuosität dann nach der Pause mit Witold Lutosławskis Konzert für Orchester. Das Concertgebouw Orchester brillierte in allen Gruppen, Peter Eötvös entfesselte die Kraft der folkloristisch durchwirkten Strukturstrenge mit großer Übersicht und Präzision, die Philharmonie vibrierte.

Kölsche Urban-Hippness

Wer wollte, konnte den Tag dann noch in den ungeheizten Gewölben des klubs domhof ausklingen lassen. Dort frönte unter dem Projektnamen „Marek Johnson“ der Jazzbassist David Helm als Sänger, Gitarrist und Keyboarder zusammen mit Thomas Sauerborn am E-Bass und dem entfesselten Dominik Mahnig am Drumset seiner zweiten Leidenschaft: einem vernuschelten und absichtsvoll rumpeligen Indie-Grunge-Rock-Jazz. Kölsche Urban-Hippness vom Feinsten.

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