Spagat zwischen Masse und Klasse – Die Elbphilharmonie


(nmz) -
Das Rauschen im Blätterwald war groß, als sich Startenor Jonas Kaufmann nach einem Konzert mit dem Sinfonieorchester Basel im Januar über die Akustik der Elbphilharmonie beschwerte. Bei Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ gab es Zwischenrufe enttäuschter Zuhörer, die hinter dem Orchester saßen, weil sie den Sänger nicht hörten. Nach vielen Erfolgsmeldungen und einer Auslastung von 99 Prozent steht der 866 Millionen Euro teure Konzertsaal zwei Jahre nach der Eröffnung in der Kritik. Aber wie klingt denn nun die Elbphilharmonie? Und wie verhält sich das Publikum? Ein Besuch vor Ort von Georg Rudiger.
13.04.2019 - Von Georg Rudiger

Johann Sebastian Bachs Johannespassion ist kein Event. Für viele Musikliebhaber findet das geistliche Werk nur in der Kirche den passenden Rahmen. Eine Passion, die vom Sterben Christi erzählt, in der Elbphilharmonie? Kann das gutgehen? Wenige Minuten vor Konzertbeginn werden im Zuschauerraum Selfies geschossen. Die Besucher winken sich zu. In der ersten Reihe im Block K/Saalmitte deutet sich eine La-Ola-Welle an. Noch ein bisschen Party vor der Passion. Dann betreten das Orchestra of the Age of Enlightenment und sein Dirigent Sir Simon Rattle die Bühne und stellen sich im Halbkreis auf.

Der aufbrandende Applaus klingt heller und perkussiver als in anderen Sälen – wie ein Platzregen auf einem Blechdach. Das Licht wird gedimmt. Die Choristen legen sich auf den Boden. Und heben zum ersten Einsatz „Herr, unser Herrscher“ flehend die Hände. Vor dem Da-Capo macht Simon Rattle eine lange Pause – aber wider Erwarten wird nicht applaudiert, sondern die lockere Atmosphäre im Saal ist längst einem intensiven Zuhören und Zuschauen gewichen. Zwischen beidem entsteht bei dieser von Regisseur Peter Sellars inszenierten Johannespassion ein Zusammenhang. Roderick Williams kann als Jesus nur so leise singen, weil jeder ihm beim Leiden zusieht und so die Spannung hält. Die Sterbeworte „Es ist vollbracht“ haucht der Bariton nur noch. Im schnellen Mittelteil der folgenden Alt-Arie verlässt er bei den Worten „Der Held aus Juda siegt mit Macht“ den Saal – zurück bleibt ein heller Scheinwerferfleck, das leere Grab. Diese Johannespassion mit Mark Padmore als mitfühlendem Evangelisten ist zutiefst berührend. Jedes Wort ist zu verstehen. Das rings um das Geschehen postierte Publikum wird zur Gemeinde.

Balance

Natürlich hat die Akustik auch ihre Tücken. Die Geräusche aus dem Publikum sind ebenfalls alle wahrnehmbar. Der im Vergleich zu anderen Konzertsälen kurze Nachhall des Saals beschönigt nichts. Hier eine gute Balance zu finden, ist heikel. Für den Freiburger Rahmentrommler Murat Coskun, der im Sommer 2017 gemeinsam mit Giora Feidmann, Avi Avital und einem Kammerorchester in der Elbphilharmonie spielte, hat der Saal noch einen anderen Nachteil. „Der Klang und auch die Architektur wirken auf mich eher kühl. Es entsteht eine große Distanz zum Publikum, weil der Saal so hoch gebaut ist und wir viele Zuhörer gar nicht sehen. Auch beim Personal fehlte mir die Wärme, die wir als Musiker gerade vor einem Konzert schätzen.“ Das Freiburger Barockorchester dagegen zeigt sich rundum zufrieden mit dortigen Aufführung von Rameaus „Hippolyte et Aricie“ unter Simon Rattle: „Für uns war das der perfekte Ort für die einzige konzertante Aufführung der Oper“, sagt FBO-Intendant Hans-Georg Kaiser. Christoph Lieben-Seutter wundert sich über die seiner Meinung nach schlecht recherchierte Berichterstattung der letzten Wochen: „Das ist vielleicht auch ein Zeichen unserer Zeit, dass man mit Sensationsmeldungen wesentlich besser durchdringt und sich nicht jeder mit Details befassen will.“ Von der Akustik des Saals ist er nach über zwei Jahren Hörerfahrung nach wie vor begeistert: „Ich bin positiv überrascht, gerade was Barockmusik und Klassik angeht. Besonders kleine Ensembles können unglaublich intensiv wirken. Natürlich muss man mit bestimmten Eigenschaften des Saals sorgsam umgehen, aber dafür hat er so viele Stärken, dass ich ihn nie tauschen würde wollen.

Was der Saal sensationell zum Klingen bringt, ist die Musik der letzten hundert Jahre, wenn die Struktur komplexer wird. Das beginnt bei Mahler und geht über Schostakowitsch und Bartók zur zeitgenössischen Musik“, sagt Lieben-Seutter, der zuvor das Konzerthaus Wien leitete. Für spätromantisches Repertoire mit Gesang empfiehlt er die rechteckig gebaute Laeiszhalle – das habe er vor dem erwähnten Konzert auch dem Sinfonieorchester Basel und Jonas Kaufmann so weitergegeben. Liederabende finden inzwischen gar keine mehr im großen Saal der Elbphilharmonie statt. Da hat es im Haus mit seinen 380 Konzerten im Großen Saal pro Jahr durchaus einen Lernprozess gegeben.

Veränderungen

Auch die Vermietung des Saals wird strikter gehandhabt als zu Beginn. Dass in die Elbphilharmonie viele Konzertbesucher kommen, die vor allem den Saal sehen und nicht unbedingt die Musik hören wollen, ist gelegentlich ein Problem. Die Zahl der touristisch verkauften Karten an Reisegruppen liegt aber mit fünf Prozent unter dem Durchschnitt. „Wir haben den Auftrag, Klasse und Masse zu verbinden. Wir möchten die besten Künstler mit ausgefeilten Programmen präsentieren und gleichzeitig in der Breite zugänglich sein und dem Einsteiger viel bieten. Das ist ein Spagat, der nicht immer leicht zu lösen ist. Es gibt sicher einige Klassikliebhaber, die lieber unter sich bleiben. Wir freuen uns gemeinsam mit vielen Künstlern darüber, wenn zwischen den Satzpausen spontan applaudiert wird. Daran erkennen wir – wir haben neues Publikum.“

Die Zahl der Konzertbesucher wurde in Hamburg auf 1,2 Millionen pro Jahr (Elbphilharmonie und Laeiszhalle) verdreifacht. Zwanzig Musikvermittler kümmern sich um rund tausend Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche im Jahr, die täglich im Haus stattfinden. Für die selbst veranstalteten Konzerte, die rund ein Drittel des Gesamtangebots ausmachen, verschickt man unter der Überschrift „Hier hört man wirklich alles“ einige Benimmregeln per E-Mail. Abschrecken möchte er damit niemanden. Die Öffnung des Hauses ist ihm zentrales Anliegen: „Normalerweise ist die Klassische Musik nur für einen sehr begrenzten Teil einer Stadtbevölkerung interessant. Die Aufmerksamkeit für die Elbphilharmonie ist um ein Vielfaches größer. So beschäftigen sich also viele Menschen mit diesem Haus, die keine Konzertspezialisten sind. Das ist eine Riesenchance mit ein paar Problemen, aber keine Hypothek.“

Nie gehörte Dinge hören

Beim von der lokalen Agentur ProArte veranstalteten Konzert der Wiener Philharmoniker unter Andris Nelsons trifft sich ein älteres Abonnentenpublikum. Selfies werden kaum geschossen, die Programmhefte dafür gelesen. Der extrem leise Streicherbeginn bei Ludwig van Beethovens Tripelkonzert fasziniert. Jede dynamische Nuance, jede Klangfarbenveränderung ist auf dem Platz seitlich der Bühne sofort zu hören. Das kann auch verstören, wenn die Solistin Albena Danailova auf der E-Saite ihrer Violine einen zu scharfen Klang entwickelt, sich Solocellist Tamás Varga gelegentlich in der Intonation vertut oder Pianist Rudolf Buchbinder mit zu starkem Pedaleinsatz Strukturen verunklart. Eine enttäuschende Interpretation, dessen Mängel der Saal schonungslos offenlegt. Was aber die gleiche Akustik mit der fünften Symphonie von Beethoven nach der Pause macht, ist sensationell. Hier kann sich der ganze Reichtum dieses Weltklasseorchesters entfalten. Die speziellen Wiener Hörner schmettern mit Eleganz, die Pauke wird zum Melodieinstrument. Andris Nelsons genießt die Flexibilität des Orchesters und arbeitet mit feinem Pinsel. Alles spricht! Nichts knallt! Und man hört Dinge, die man bei diesem vielgespielten Werk noch nie gehört hat wie eine gleißende Piccoloflöte, die dem mächtigen Finale eine existentielle Note verleiht. Die Musik wird zum Rausch, der die Sinne nicht benebelt, sondern schärft. Und der kultivierte Klassikabonnent brüllt vor Begeisterung.

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