Spaltungen und großartige Musik: Dukas‘ „Ariane et Barbe-Bleue“ in Nancy


(nmz) -
„Lumière!“ lautet das Motto der Opéra National de Lorraine in de Spielzeit 2021/22. Dieser gelingt mit der noch immer viel zu selten gespielten Oper „Ariane et Barbe-Bleue“ von Paul Dukas nach dem Drama von Maurice Maeterlinck eine Sternstunde. Intendant Matthieu Dussouillez kann das packende Zusammenspiel der Regie von Mikaël Serre mit dem faszinierend sinnlichen Zugriff des Dirigenten Jean-Marie Zeitouni, die exzellente Orchesterleistung und die Auftritte der kongenialen Sängerin Catherine Hunold in der Titelpartie als großen künstlerischen Erfolg betrachten. Das an einem Dienstagabend voll besetzte Auditorium jubelte.
04.02.2022 - Von Roland H. Dippel

Im gleichnamigen Drama des flämischen Symbolisten Maurice Maeterlinck (1901) bleiben mehrere Fragen offen: Warum verharren die von Blaubart weggesperrten und das wehmutsvolle Lied der „Mädchen von Orlamünde“ singenden Frauen bei ihrem Peiniger, während Ariane davongeht und alle Kostbarkeiten aus den Schatzkammern verschmäht? Das Schloss schirmt die von Barbe-Bleue in Gefangenschaft gehaltenen Frauen ab von der männlich dominierten Kampfzone draußen. Was ändert sich dann aber durch Ariane, der Maeterlinck den im Blaubart-Mythos neuen Namen jener Frau gab, die Theseus zum Sieg über den Minotaurus verhalf?

Auch Paul Dukas gibt in seiner wertvollen und aufregend schön instrumentierten Partitur, an der er sechs Jahre arbeitete, keine Antwort. Mit seiner an der Pariser Opéra-Comique 1907 uraufgeführten Oper stand Dukas in gleichgroßer Entfernung zu Wagners ‚wissendem Orchester‘ wie zu Debussys Oper „Pelléas et Mélisande“, zu der „Ariane“ immer wieder – meist wenig korrekt – in Beziehung gesetzt wurde.

Die musikalische Seite geriet im Opernhaus Nancy fulminant, das physisches Personentheater und Video intensiv miteinander verblendende Bühnengeschehen aufregend. Die Akustik des Rangtheaters schmeichelt nicht nur der an sich schon vorzüglichen Orchesterleistung, sondern auch den sieben Sängerinnen der meist im Zwischenbereich von Mezzosopran und Sopran angesiedelten Partien. Die Ausführung dieser Musik braucht Wärme und Weichheit, Dämmern und Strahlen – aber auch Transparenz für Dukas‘ prachtvolle Synthese aus arioser Deklamation und sich verströmender Klangsinnlichkeit. Jean-Marie Zeitouni am Pult hatte in der dritten Vorstellung mit dem Orchestre et Chœur (Leitung: Guillaume Fauchère) de l'Opéra National de Lorraine einen großartigen Abend. Christine Hunold ist als Ariane der souveräne Mittelpunkt in einer langen und – in einem Idealfall wie hier – faszinierend ausladenden Titelpartie. Sie vereint flutende Fraulichkeit mit sanfter Strenge und verfügt bei üppigem Material über eine hohe Sensibilität für die feinen Schattierungen in Dukas‘ Wortmelodien.

Wenn Regisseuren zu Dukas‘ verrätseltem Emanzipationsdreiakter wenig einfällt, nimmt man ihnen das übel. Hier gelingt es der eiskalten Inszenierung gerade durch das bedrückend fragwürdige Ende, den Paradoxien der Partitur, deren subtiler Brutalität und pulsierender Wärme annähernd ähnlich Bizarres entgegenzusetzen. Nina Wetzel hat ein Raumgebilde mit Salon, Keller, Treppen und Terrasse gebaut. Glas, Metall, Neonröhren wirken funktional und geheimnislos. Dieser Schein trügt. Auf den Gazeschleier projiziert Sébastien Dupouey seine Videos: Zum Prélude schießt ein Auto mit hellen Strahlern durch dunkle Wälder. Scharf wie für einen Polizeibericht konkretisiert Dupouey Maeterlincks poetische Metaphern. Und mehr als das. Die Rebellen (Benjamin Colin, Ill Ju Lee, Christophe Sagnier, Ju In Yoon) stehen im Rang und drohen von dort gegen die abgeschirmte Villenfestung. Später machen sie den vermögenden Barbe-Bleue mit Gelbwesten und anderen Vermummten fast kalt.

Erst dann wird klar, warum Ariane als einzige Freie ein derart opulentes Silberkleid trägt. Im Keller findet sie ihre Vorgängerinnen, verschüchterte und trotzdem kämpferische Wesen mit verdeckten Gesichtern und Perücken. In Video-Porträts posieren die Frauen als Amazonen. Sie wechseln nach Ansporn durch Ariane und ihre Amme (Anaïk Morel singt die gar nicht so kleine Partie weich und resolut) von einer krassen Existenz in die nächste. Héloïse Mas (Sélysette), Clara Guillon (Ygraine), Samantha Louis-Jean (Mélisande), Tamara Bounazou (Bellangère) und Nine d'Urso (Alladine) sind mehr hart als zart – trotz Wespentaille und Bikinifigur. Sie halten sich an Arianes Appellen für kurze Zeit aufrecht und wirken mit jeder autonomen Geste außerhalb ihrer engen Sphäre überfordert.

Der Bariton Vincent Le Texier erhält von Dukas und Maeterlinck nur wenige Sätze, um sich als toxischer Macho und bei Serre als anachronistischer Großbürger zu profilieren. Barbe-Bleue steht an der Schwelle zu den Altersjahren: Er traktiert Ariane mit dem Golfschläger und liegt später wie eine zur Mumifizierung freigegebene Leiche unter den Frauen. Diese umlagern ihn am Ende, stolz und cool mit Politparolen wie mit ihrer schönen Massivität posierend. Ariane aber, die Emanzipierte und Erhabene, geht – in Harmonie mit Dukas‘ Musik. Mikaël Serre gibt der Oper damit ein gefährlich böses Ende, an dem die Dialektik von Gehorsam und Verbotsübertretung zur essenziellen Frage wird. Was wäre, wenn Ariane nicht den lockenden Stimmen in Barbe-Bleues Verliesen gefolgt wäre? Serre bebildert Diskurse der Geschlechterpositionen, der Wohlstandsverteilung, der Radikalisierung und der Spaltung. Die große Leere, der große Irrtum, vor allem der große Hass sind allgegenwärtig. Gut, dass am Ende nicht alles gesagt wird. In dieser Inszenierung steckt viel von einem wirklich guten Thriller. 

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